„Man muss das Leben so nehmen, wie es kommt“

0
1299
© APA Picturedesk/Christian Müller
© APA Picturedesk/Christian Müller

Spürbar jede Menge Sympathie schlug dem ehemaligen SPÖ-Bundeskanzler Franz Vranitzky im September aus dem zahlreich erschienenen Publikum entgegen, als er im Gemeindezentrum mit IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant seine Zeit an der Regierungsspitze Revue passieren ließ. Nicht mit der FPÖ zu koalieren sei keine Ausgrenzung, sondern Haltung, betonte er dabei. Und machte in all seinen Ausführungen klar, dass sich in seiner Haltung nichts geändert hat.
Dokumentation: Alexia Weiss

Ariel Muzicant: Herr Doktor Vranitzky, Ihr Vorgänger (Fred Sinowatz, Anm.) hat immer wieder von seiner Prägung durch seine Familie und Kindheit im Burgenland erzählt, den Kontakt mit den jüdischen Menschen dort. Als Sie in die Regierung gekommen sind, haben wir uns zunächst einmal schwer getan. Wir wussten nicht, wie Ihr Verhältnis zum Judentum aussieht.

Franz Vranitzky: Sie waren nicht der Einzige, der sich schwer mit mir getan hat. (Schmunzelt.) Es gibt eine Parallele zur Lebensgeschichte von Fred Sinowatz. Meine Mutter stammt aus einer burgenländischen Gemeinde – Lackenbach. Vor dem Krieg gab es etwa je 50 Prozent jüdische und nicht jüdische Bevölkerung. Es hat sich dort eingebürgert, dass an den jüdischen Feiertagen die nicht jüdischen Mitbewohner den jüdischen geholfen haben. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie zu den jüdischen Nachbarn gegangen ist, um den Hof einzuheizen und Milch zu holen. Sie hat auch das eine oder andere Vokabular mitgebracht. Meine Schwester und ich wussten schon als kleine Kinder, was Pessach ist. Ich will das nicht überschätzen und nicht romantisieren, aber es war einfach so.

Zwischen 1938 und 1945 wurde die jüdische Bevölkerung in Lackenbach ausgerottet, entweder verschleppt oder umgebracht. Nach 1945 waren keine Juden mehr da, aber es gab einen jüdischen Friedhof. Und dieser Friedhof zeichnet sich bis heute dadurch aus, dass er von Jahr zu Jahr mehr verfällt. Und als ich dann später mit Politik zu tun hatte, habe ich mir den Friedhof ein paar Mal angeschaut. Es kommt noch etwas dazu: In Lackenbach war auch – ich sage: ein Konzentrationslager, in dem sie Roma und Sinti festgehalten haben. Das heißt also, diese Atrozitäten der Nazi-Zeit sind in diesem kleinen Dorf immer wieder sichtbar gewesen.

Ariel Muzicant © Daniel Shaked
Ariel Muzicant
© Daniel Shaked

AM: Ich erinnere mich an Ihre erste Rede vor der jüdischen Gemeinde, die war sehr technisch und sehr finanziell. Und wir haben uns damals gefragt, wie schaffen wir es, bei diesem Bundeskanzler so etwas wie Verständnis für unsere Probleme aufzubauen. Sie haben geredet über Zinssätze, über finanzielle Fragen unseres Landes, und wir hatten ganz andere Sorgen.

FV: Die Zinssätze waren kein Problem?

AM (lacht): Nein. Dann kam rasch die Waldheim-Zeit und der Parteitag der FPÖ (1986 in Innsbruck, Anm.), und das war für viele jüdische Menschen eine Art Wendepunkt, an dem ich und andere mit der Idee spekuliert haben auszuwandern. Die Frage: Wo führt das alles hin? Ich erinnere mich sehr genau, dass Sie, nachdem Haider gewählt wurde, ihn ziemlich bald aus der Regierung geworfen haben. Das hat mich fasziniert. Und ich habe Ihnen einen Brief geschrieben, wie toll und großartig das ist, und Sie haben mich ins Bundeskanzleramt eingeladen und eine halbe Stunde mit mir über meine Befindlichkeiten gesprochen. Sie waren damals der, der es geschafft hat, das Land durch diese stürmische See zu führen und auch der jüdischen Gemeinde zu vermitteln, es gebe ein anderes Österreich.

FV: Ich wurde 1986 ganz plötzlich Kanzler. Ein Bundeskanzler, der Bundeskanzler wurde, ohne vorher selbst eine Wahl geschlagen zu haben. Es war ein Jahr der Unannehmlichkeiten für die Sozialdemokratie, mit einer besonders unangenehmen Massierung von Problemen: die verstaatlichte Industrie, das Nichtzustandekommen des Kraftwerks Hainburg, die verlorene Bundespräsidentenwahl. Und am Horizont tauchten schon die ersten schwarzen Wolken auf bezüglich Lucona und Noricum. Dann wurde Waldheim gewählt, und Sinowatz und Leopold Gratz haben gesagt, sie können und wollen nicht in ihren Ämtern bleiben; sie haben sich dezidiert und ausgesprochen gegen Waldheim gewandt. Es war für sie unmöglich, von einem Präsidenten Waldheim angelobt zu werden. So kam der Vorschlag von Dr. Sinowatz, dass ich ihm als Bundeskanzler folgen sollte.

„Haider sagte am Telefon, ‚ich werde Parteiobmann in Innsbruck und wir machen dann weiter.‘
Und ich habe gesagt, ich kann so ein Gespräch nicht führen.“
Franz Vranitzky

Ganz am Anfang bestand die Bundesregierung aus SPÖ und FPÖ, die kleine Koalition. Die kleine Koalition war ja nicht eine Erfindung des Dr. Sinowatz, sondern des Dr. Kreisky, die deshalb zustande gekommen ist, weil die SPÖ die absolute Mehrheit bei der Nationalratswahl 1983 verloren hat. Die Grundidee von Kreisky und Sinowatz war es, den liberalen Flügel in der FPÖ zu unterstützen und zur Kooperation einzuladen und damit den nationalen Flügel zurückzudrängen; das hat aber nicht funktioniert. Die liberalen Stimmen wurden schwächer und die nationalen lauter. Und dann kam der Parteitag der FPÖ in Innsbruck 1986. Das war ein Freitag. Und am Mittwoch oder Donnerstag davor bekam ich einen Anruf von Haider, der sagte, ‚ich werde Parteiobmann in Innsbruck und wir machen dann weiter.‘ Und ich habe gesagt, ich kann so ein Gespräch nicht führen. Ich kann nicht hinter dem Rücken von (Norbert, Anm.) Steger eine Koalition vereinbaren. Haider hat gesagt, ‚das ehrt Sie sehr.‘ Und dann ist er nach Innsbruck gefahren. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich in einer Bundesregierung mit ihm nicht zusammenarbeiten konnte und wollte: die mangelnde Handschlagsqualität. Zusätzlich wusste ich, dass er Probleme hatte, sich vom Gedankengut der NS-Zeit wirklich zu distanzieren. Ich habe dann meine engsten Freunde, Regierungsfreunde, zu einem Gespräch eingeladen und gesagt, unter diesen Umständen kann ich das nicht fortsetzen. Nach langwierigen Verhandlungen kam dann die SPÖ-ÖVP-Koalition.

AM: In der Waldheim-Zeit waren Sie ja in einer unglaublich schwierigen Position. Der Bundespräsident konnte außer zum Papst oder in arabische Länder nirgends hinfahren, Sie mussten das Land auch im Ausland vertreten und haben das mit Souveränität und Fingerspitzengefühl bewältigt.

FV: Sie sagen, das war eine schwierige Situation. Andere sagen, das war gut für mich, so konnte ich mich profilieren. Ich sage, man muss das Leben so nehmen, wie es kommt.

AM: Kommen wir zu der für uns so wesentlichen Erklärung vor dem österreichischen Parlament 1991. Diese Erklärung ist ja nicht vom Himmel gefallen, die muss ja vorher verhandelt, besprochen worden sein. Wie ist es dazu gekommen?

„Ich habe mich schon längere Zeit geärgert, dass das offizielle Österreich so lange an der Opferthese festgehalten hat. “
Franz Vranitzky

FV: Ich habe mich schon längere Zeit geärgert, dass das offizielle Österreich so lange an der Opferthese festgehalten hat. Opferthese heißt: Wir können nichts dafür, das haben die Deutschen, die 1938 einmarschiert sind, über uns gebracht. Ich war, muss ich dazu sagen, mit der Erklärung am 8. Juli 1991 meiner Überzeugung nach ziemlich spät dran. Doch habe ich immer wieder gesagt, ich brauche eine passende Gelegenheit. Und nun hatte ich endlich eine Gelegenheit gefunden, wenn man wo will, aber das war in Wirklichkeit auch keine passende Gelegenheit. Es war eine Parlamentsdebatte in Zusammenhang mit dem Krieg in Jugoslawien. Einige Redner im Parlament haben auf die fürchterlichen Gräuel hingewiesen, die die verschiedenen Nationen des alten Jugoslawien einander angetan haben. Da habe ich mir gesagt, jetzt passt es, und habe an eine Erklärung zum Jugoslawienkrieg angehängt: Auch in unserem Land haben fürchterliche Gräuel stattgefunden. Und um keine Kollektivschuld aufkommen zu lassen, habe ich gesagt: Es waren einzelne Österreicher, aber viele Österreicher. Es war eine sehr gut aufgenommene Erklärung, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Es gab einen Kolumnisten in einem Kleinformat, der hat gemeint, das war eine ganz überflüssige Fleißaufgabe.

AM: Gemeint war der Herr Staberl.

FV: Von dem abgesehen wurde es akzeptiert und auch sehr positiv kommentiert und war dann irgendwie ein Startschuss für die notwendige Verbesserung der diplomatischen Beziehungen zu Israel.

”„Sie

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich selbst dessen bewusst sind.“
Ariel Muzicant” font_container=”tag:h3|text_align:left|color:%000″ google_fonts=”font_family:Droid%20Serif%3Aregular%2Citalic%2C700%2C700italic|font_style:400%20italic%3A400%3Aitalic”]

AM: Es war ein Paradigmenwechsel. Sie waren ein Bundeskanzler, der für die jüdische Gemeinde zum „Anfassen“ war. Ich bin kein Schmeichler – aber ich muss sagen: Sie haben uns das Gefühl gegeben, dass Sie uns wohlgesinnt sind wie vor Ihnen und nach Ihnen kaum ein Politiker.  Jemand, bei dem sich die jüdische Seele wohl gefühlt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich selbst dessen bewusst sind.

FV: Zwei Dinge dazu: Erstens hat der Leon Zelman immer gesagt, man muss gegen den Antisemitismus kämpfen, das heißt aber nicht, den Philosemiten das Wort zu reden. Es geht um Normalität. Zweitens zum Thema Schmeichler – Sie kennen den Satz von Bruno Kreisky: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Lob ich aushalte.“ (Applaus)

AM: In Ihre Zeit fällt auch die Mauerbach-Entscheidung und der Beginn der Debatte um die Einrichtung des Nationalfonds. Ich habe in meiner Funktion als Präsident der B’nai-B’rith-Loge vorgeschlagen, Ihnen die höchste Auszeichnung der B’nai B’rith zu verleihen – Sie haben die Medaille dann Jahre später für Ihr Engagement für die Aufarbeitung der Geschichte vor 1945 und für Ihre enge Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft erhalten. Haben Sie selbst das Gefühl, dass es Ihnen gelungen ist, ein komplett neues Blatt aufzumachen? Waren Sie sich dessen eigentlich bewusst?

FV: Erstens kann ich Ihnen heute nicht wirklich sagen, ob es mir so bewusst war, wie es mir heute bewusst ist. Zweitens glaube ich, wenn da ein Beitrag war – das Verhältnis zu Israel, weg von der Opferthese, Einleitung der Gesten für Menschen, denen Hab und Gut genommen wurde –, dass es über das hinausgehend wichtiger ist, dass zwischen den Angehörigen der einen und der anderen Religion in einer Zivilgesellschaft allein deswegen grundsätzlich und unbedingt und kategorisch kein Unterschied besteht. Und drittens muss ich – ich will nicht sagen betrübt, aber eben auch nicht euphorisch – festhalten, dass das alles noch lange nicht erledigt ist.

AM: Als Sie als Bundeskanzler abgetreten sind, haben Sie so etwas wie ein politisches Vermächtnis hinterlassen, oder ein politisches Credo, das da lautete: keine Koalition mit der FPÖ. Sie haben die Sozialdemokratie in diese Richtung
geformt.

FV: Ja, das habe ich. Ich muss aber rasch hinzufügen, ich habe gesagt: Ich mache keine Regierung mit der Haider-FPÖ. Und Haider hat daraufhin eines seiner Lieblingswörter in die Umgangssprache gebracht, die Ausgrenzung. Ich kann und will und muss immer nur wiederholen: Es muss in einem demokratischen System dem Spitzenkandidaten einer politischen Partei unbenommen bleiben, mit wem er eine Koalition macht und mit wem nicht. Wenn ich Nein zur FPÖ sage, ist das keine Ausgrenzung, sondern Haltung. Die Sozialdemokratie ist gerade auf dem Weg, eine neue Regierung zu bilden, und es wird eine große Herausforderung sein, wie sie das schafft.

ZUR PERSON
Franz Vranitzky, geb. 1937 in Wien, Studium der Betriebswirtschaft, 1961 Start seiner Finanzkarriere, die ihn in unterschiedliche Banken führte, zuletzt ab 1981 als Generaldirektor zur Länderbank. 1984 Wechsel in die Bundesregierung als Finanzminister, von 1986 bis 1997 Bundeskanzler, von 1988 bis 1997 auch Bundesparteivorsitzender der SPÖ. Er distanzierte sich als erster österreichischer Bundeskanzler von der so genannten Opferthese, bekannte sich zur Mitschuld von Österreichern am Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen und setzte sich für diplomatische Beziehungen zu Israel ein. Vranitzky ist verheiratet und Vater zweier Kinder.  

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code