
Manchmal ist es einfach ein bisschen viel. So viel, dass man gar nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge sich das alles am besten erzählen lässt. Denn sogar der 12-Tage- Krieg mit dem Iran scheint inzwischen schon wieder weit zurückzuliegen. Nur wenn ich aus dem Haus gehe, komme ich nach ein paar hundert Metern an der ausgebombten Ruine vorbei, mitten in der Stadt. Dort, wo eine der Raketen explodiert ist. In unserem Bunker hatten wir den Einschlag voller Furcht gehört, wussten also gleich, dass das ganz in der Nähe gewesen sein musste. Am nächsten Morgen war unsere Dachterrasse voller Asche, und eine tote Taube lag auf dem Boden. Sie starb wohl nicht von der starken Druckwelle, sondern an einem Herzinfarkt, habe ich mir von Experten sagen lassen. Weniger als dreißig Menschen sind in diesem Krieg getötet worden, das ist viel und zugleich sehr wenig, wenn man die Zahl mit den früheren Prognosen vergleicht. Da war die Rede von bis zu zehntausenden Opfern gewesen.
Jetzt ist längst wieder Alltag eingekehrt. Zum internationalen Filmfestival in Jerusalem sind diesmal zwar nicht viele ausländische Gäste gekommen, aber es war trotzdem gut besucht.
Am Eröffnungsabend gab es den Film Sentimental Value, der die Goldene Palme in Cannes davongetragen hatte. Die vielen Zuschauer, sie saßen wie immer alle unter freiem Himmel im Sultan’s Pool, hofften, dass er ein Happy End haben würde. Alles andere wäre in diesen Zeiten eine Zumutung gewesen. An diesem Abend gab es auch keinen Raketenalarm aus dem Jemen (der kam erst am nächsten Tag), sodass wir nicht – wie per Lautsprecher angewiesen – „bei einer Sirene einfach auf unseren Plätzen bleiben und dann zehn Minuten lang bis zur Entwarnung die Arme schützend über den Kopf halten sollten“. Das haben alle gut weggesteckt. Verglichen mit Teheran ist der Jemen Peanuts.
Doch dauert der Krieg in Gaza immer noch an. Tote israelische Soldaten, tote Palästinenser, die Geiselfamilien am Ende ihrer Kräfte. Letztere aber kämpfen täglich weiter um die Rückkehr ihrer Angehörigen, wie sie es sich gar nicht anders erlauben können. Die Nachrichten müssen sie verrückt machen. Jeden Tag gibt es, wie bei einem schlecht koordinierten Tangotanz, unregelmäßige Bewegungsmeldungen in Hinblick auf die Verhandlungen in Doha, ein Schritt nach vorne, dann wieder zurück. So geht das schon ganz ziemlich lange. Trotzdem sieht es so aus, als nähere man sich jetzt tatsächlich einem Abkommen. Zwanzig der fünfzig Geiseln sollen noch am Leben sein. Die Hoffnung ihrer Familien richtet sich auf Trump. „Er hat den Krieg zwischen Israel und Iran beendet, dann kann er das auch hier schaffen“, hofft Hagit Chen, deren Sohn Itay zu den Geiseln in Gaza gehört. Sie kommt immer häufiger vor der Tel Aviver Zweigstelle der US-Botschaft demonstrieren.
„Manchmal ist es einfach ein
bisschen viel. So viel, dass man gar nicht
mehr weiß, in welcher Reihenfolge
sich das alles am besten erzählen lässt.“
Itay war am 7. Oktober als 19-jähriger Rekrut mit einem der wenigen Panzer, die in der Nähe stationiert waren, nach Nahal Oz und Kfar Aza geschickt worden. Dort kämpfte er gegen die Terroristen-Horden der Hamas, die nach Israel eingedrungen waren. Seine kleine Vierertruppe, mehr oder weniger allein auf weiter Flur, hat an diesem Tag wohl vielen das Leben gerettet.
Fünf Tage später fand man den Panzer mit einem toten Kameraden drin. Die anderen drei waren, wie sich erst später herausstellte, nach Gaza verschleppt worden. Fünf Monate später erhielt sie von der Armee dann die dürftige Information, dass Itay nicht mehr leben würde. Forensisch aber sei das nie geklärt worden, sagt Hagit Chen. Auch habe es die Hamas nie bestätigt. Deshalb hegt sie immer noch ein Fünkchen Hoffnung. Vielleicht ist alles ja nur ein Fehler. Ihr Vater hat noch ein Jahr nach dem 7. Oktober durchgehalten, dann ist er gestorben, obwohl er eigentlich gesund war. „Er hat das nicht gepackt.“ Doch auch falls Itay tot sei möchte sie ihn zurückhaben, ihn so begraben, wie es ihm gebührt. Dann könnten sie endlich auch Schiwa sitzen.
Um ein wenig Abstand zu bekommen von all den Geschehnissen, sind wir in den Norden gefahren. Für zwei Nächte in Majdal Shams auf den Golanhöhen. Direkt an der Grenze zu Syrien. Wir dachten, dass es hier jetzt kühler und ruhiger ist, ein schönes, kleines drusisches Städtchen mit Cafés wie in Tel Aviv und ähnlichen Frühstücksangeboten. Mitten im Zentrum liegt der Fußballplatz, auf dem vor ziemlich genau einem Jahr zwölf Kinder von einer Rakete der Hisbollah getötet wurden. Auf dem künstlichen Rasen spielen auch jetzt Kinder, an einer Seite erinnern Fotos und verkohlte Fahrräder an die Opfer. „Danke, dass ihr gekommen seid und Anteilnahme zeigt“, sagt ein Einheimischer, den wir nach dem genauen Ort der Gedenkstätte gefragt haben.
Ein anderer lädt in sein Haus ein, ganz oben auf dem Hügel. Salim ist Lehrer, Anfang fünfzig, er gehört zu den 30.000 Drusen, die heute auf dem von Israel annektierten Teil der Golanhöhen leben. Die israelische Staatsbürgerschaft hat er erst vor wenigen Jahren angenommen, so wie es viele andere auch getan hätten. „Die Alten, die ein Bild von [dem einstigen syrischen Präsidenten] Assad im Wohnzimmer hängen hatten, die gibt es heute nicht mehr“, sagt er. Man will zu Israel gehören. Die Zeiten seien vorbei, in denen man in der Hoffnung ausharrte, irgendwann wieder zu Syrien zu gehören, wieder vereint zu werden mit den Verwandten. Heute könnten sich die Grenzen öffnen, sagt Salim, aber niemand würde freiwillig nach Syrien ziehen wollen. Was aber nicht heißt, dass einem die Verwandten dort egal wären.
Es herrscht inzwischen ohnehin nur
mehr eine Minderheitsregierung,
seitdem die Haredim ausgeschieden
sind, weil sie kein Gesetz wollen, das
sie zum Wehrdienst verpflichtet.
Salim steht vor seiner Haustür und zeigt auf den sogenannten „Hügel der Schreie“ weiter unten. Als Kind war er oft dort gewesen, mit seinen Eltern und ausgestattet mit einem Megafon. Auf diese Weise hat man sich über die Grenze hinweg miteinander verständigt, als es noch kein Handy und kein Internet gab.
Von hier oben lässt sich das Grenzgebiet gut überblicken. Da gibt es einen neuen Stützpunkt der israelischen Armee, dahinter kommen grüne Hügel, hinter denen drusische Dörfer liegen, die seit einem Jahr immer wieder von Islamisten angegriffen werden. So wie vor wenigen Tagen, als ein Beduine einen drusischen Händler in der syrischen Stadt Suweida attackierte und eine Welle der Gewalt auslöste, die von den Drusen als nichts anderes als ein Massaker an ihnen beschrieben wird. In den sozialen Medien sind furchtbare Bilder im Umlauf. Sie zeigen, wie alten drusischen Männern die Bärte abgeschnitten, wie Gefesselte geschlagen und getreten werden, wie vergewaltigt und getötet wird. Die syrische Regierung schickt daraufhin ihre eigenen Leute, um vor Ort Ruhe zu schaffen.
Am Abend kommt es zum Chaos. Hunderte von Drusen vom Golan und aus Gebieten in Israel durchbrechen die Grenze und drängen nach Suweida vor, um ihren Brüdern und Schwestern dort zu helfen. Auf keiner Seite traut man dem neuen dortigen Machthaber Ahmed al-Shaara, der als „ein Dschihadist im Anzug“ gesehen wird. Er sei eine Gefahr für die Christen, Alawiten, Drusen, sagen die Einheimischen in Majdal Shams. Alle Minderheiten eben, die keine sunnitischen Muslime sind. Offen bleibt, ob es sich tatsächlich „nur“ um einen Alleingang radikaler Beduinengruppierungen handelt, oder ob die Regierung hier von vornherein planvoll vorgegangen ist. Niemand schließt aber auch aus, dass al-Shaara nicht mehr in der Lage sein könnte, die islamistischen Kräfte in seinen Reihen zu bändigen.
Die Drusen, von denen viele in der israelischen Armee dienen, möchten, dass man ihren Brüdern und Schwestern jenseits der Grenze beisteht. Von einer historischen Allianz ist die Rede. Für Israel ist das alles eine schwierige Gratwanderung. Es drängt auf ein entmilitarisiertes Gebiet auf der anderen Seite und will für die Sicherheit der dortigen Drusen sorgen. Es soll hier kein zweiter Libanon entstehen. Zugleich will man aber auch dem neuen Regime eine Chance geben, denn es könnte zu einer Wende in den syrischisraelischen Beziehungen führen. Von einem Nichtangriffspakt ist die Rede. Davon träumt jedenfalls Trump.
Die Nachhausefahrt nach Tel Aviv dauert statt zweieinhalb mehr als fünf Stunden. Drusische Demonstranten blockieren mit brennenden Reifen die Straßen im Norden des Landes.
Ach, und fast hätte ich es vergessen: Ende des Monats beginnt die dreimonatige Sommerpause der Knesset, da muss dann auch in Israel niemand mehr um seine Koalition fürchten. Aber es herrscht inzwischen ohnehin nur mehr eine Minderheitsregierung, seitdem die Haredim ausgeschieden sind, weil sie kein Gesetz wollen, das sie zum Wehrdienst verpflichtet. Noch sind keine vorgezogenen Neuwahlen geplant.
Manchmal ist es einfach ein bisschen viel.























