„Manchmal muss ich mir etwas von der Seele schreiben“

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Von Anita Pollak

Zum zehnten Todestag von
Simon Wiesenthal

Ich bin kein Schriftsteller“, hat mir Simon Wiesenthal 1993 in einem Interview anlässlich seines 85. Geburtstags gesagt. Damals ging es darum, den berühmten „Nazi-Jäger“ auch als Autor zahlreicher Bücher zu würdigen. Nun, da sich sein Todestag am 20. September zum zehnten Mal jährt, soll an diese eher unbekannte Facette seiner Persönlichkeit erinnert werden. Immerhin hat er ja neben Sachbüchern auch Fiction und Faction geschrieben, Bücher mit sauber  recherchierten Fakten und einem guten Anteil dichterischer Phantasie.

„Die Sprache ist nicht schuld.“

Einen „Tatsachenroman“ nannte er, das Genre treffend, seine Liebesgeschichte Max und Helen. Für seinen Columbus-Roman Segel der Hoffnung hat er in Bibliotheken und an Originalschauplätzen versucht, Neues zum alten Thema zutagezufördern, etwa die Verbindung zwischen dem Schicksal der von der Inquisition verfolgten spanischen Juden und dem Abenteuer des Columbus, der ihm manchmal vorkam „wie ein Jude in der Nazizeit, der mit falschen Papieren lebte und Angst vor der Frage nach seiner Herkunft hatte“. Ein neues Amerika hat Wiesenthal dabei nicht entdeckt, aber doch einige Mythen und Legenden als Lügen entlarven können.

Zuerst die Wahrheit. Als „Kriminalist“ hat er sich gesehen, denn um die Wahrheit vor allem in der jüdischen Geschichte ist es Wiesenthal immer gegangen. „Zuerst die Wahrheit, dann die Gerechtigkeit“, war sein Leitspruch auch als Autor. In seiner beeindruckenden Chronik jüdischen Leidens Jeder Tag ein Gedenktag listet er für jeden Kalendertag des Jahres traumatische Ereignisse aus Jahrtausenden der jüdischen Geschichte auf, das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit – ohne Google!

„Manchmal muss ich mir etwas von der Seele schreiben“, hat er gemeint, und dann verfasste er in nur drei Wochen ein fast poetisches Buch wie Die Sonnenblume. Zur deutschen Sprache, in der er alle seine Bücher schrieb, hatte er, der als Jude aus Galizien „alles verloren hatte außer seinen Akzent“, eine liebe- und respektvolle Beziehung. „Die Sprache ist nicht schuld“, meinte er, „ich habe mit meiner Mutter Deutsch gelesen und gesprochen, daheim hatten wir eine ganze Wand voll klassischer deutscher Literatur.“ Ins nationalsozialistische Wien führt sein Roman Flucht vor dem Schicksal, die berührende Lebensgeschichte dreier Menschen vor dem Hintergrund des Holocaust.

Vor zwanzig Jahren erhielt Simon Wiesenthal im Rahmen der Buchwoche in Wien den so genannten „Toleranzpreis“ für sein schriftstellerisches Werk. Heute wird man seine Bücher nur noch schwer im Handel finden können. Als Zeitdokumente im doppelten Sinn – einerseits ihrer Entstehungszeit im Nachkriegs-Wien, andererseits der Zeiten, in die Wiesenthal zurückblendet – ist ihre Lektüre sicherlich lohnend. ◗

Bild: © picturedesk.com

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