Maria Haas – Bilder als Türöffner zur Seele‏

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Maria Haas arbeitet als Kunsttherapeutin mit Kreativität und hat diese Methode auch in ihrer Dissertation beforscht. WINA wollte wissen, für wen sich die Methode eignet und ob Talent eine Voraussetzung ist. Mit ihr sprach Alexia Weiss.

WINA: Kunsttherapeutin zu sein, ist nicht Ihr Erstberuf. Was war Ihre Motivation, sich in diese Richtung zu verändern?

Maria Haas: Meine große Leidenschaft seit Kindheit an ist die Musik, und als ich nach Wien gekommen bin, habe ich auch am Konservatorium Gitarre studiert. Ich habe ja im Zentralen Kinderheim gearbeitet, und da bat mich die damalige Leitung, den Kindern Musikunterricht zu geben. Die Kinder waren oft schwierig und wurden in den Musikschulen nicht genommen. Jedenfalls: Die Kinder kamen hoch motiviert und schwer begeistert und waren dann aber auch sehr schnell enttäuscht, weil sie in 14 Tagen nicht berühmt waren. Aber sie haben den Auftrag gehabt, zu mir zu kommen, und da habe ich ihnen Papier und Stifte hingelegt, und so haben sie ihren eigenen Ausdruck gefunden ohne viel zu üben. Dann haben wir über die Zeichnungen zu reden begonnen. Die Leitung des Kinderheimes meinte dann, ich solle doch eine Ausbildung dazu machen, und so hat alles angefangen.

„Wenn etwas super-fertig oder einfach nur sehr schön ist, habe ich keinen Platz darin, dann berührt es mich auch nicht.“

Sie haben aber nicht nur die Ausbildung zur Kunsttherapeutin absolviert, sondern auch Psychologie studiert. 

❙ Mich haben die wissenschaftlichen Grundlagen immer schon interessiert. Ein Beispiel: Als ich die meistbesuchte Dame in Paris besucht habe, die Mona Lisa, habe ich mich gefragt, was macht ihre Faszination aus, was ist es, was sie so wertvoll macht, dass sie gar nicht verkauft werden kann, da muss etwas in dem Bild sein, das mich anspricht. Und das hat mich vor allem von der tiefenpsychologischen Seite her beschäftigt. Wie ist die Wirkung eines Bildes, was verändert ein Bild, was macht es mit einem. Im Judentum gibt es ja ein Bilderverbot, aber diese Bilder sind etwas anderes als Abbilder, und ich habe lange gebraucht, um eben zu verstehen, dass diese Bilder keine Abbilder sind, sondern ein Ausdruck, etwas neu Geschaffenes. Die Faszination ist, dass Menschen über Bilder Dinge von sich ans Licht bringen, die bisher im Verborgenen waren. Da beginnt dann ein Dialog von mir zu dem Bild, und es ändert sich etwas, und Dinge, die schwierig sind oder Angst machen, werden plötzlich anschau- und besprechbar, und was anschau- und besprechbar ist, das ist auch veränderbar. Mit der Kunsttherapie schaffe ich es also, unterbewusste Teile an die Oberfläche zu holen, und das ist es, was mich so interessiert. Der andere wissenschaftliche Hintergrund ist, welche Materialien ich einsetze. Ich arbeite zum Beispiel auch viel mit gefährlichen Materialien.

Was kann man sich darunter vorstellen?

❙ Feuer, Wasser, Hammer, Nägel. Ich begegne vielen Menschen, die Aggressionen nicht im Griff haben. Und dieses Material befähigt mich zu sagen, ich bin Chef über dieses Material und ich kann auf gefährliche Dinge auch aufpassen. Damit bin ich aber auch der Chef über meine Aggression. Das zu wissen, ermöglicht mir ein wissenschaftlicher Zugang, das hat eben nicht mit Glauben zu tun. Es gibt Dinge, die auf die Psyche wirken, das ist erforscht. Und diese Dinge hervorzuholen, ist etwas, was mich interessiert. Außerdem gibt es natürlich eine große Sicherheit in der Arbeit mit Menschen, weil das eben nicht nur Intuition, sondern Wissenschaft und belegt ist.

Sie haben auch Ihre Dissertation zum Thema Kunsttherapie verfasst. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie darin erarbeitet?

❙ In der Tiefenpsychologie gibt es das Subjekt und das Objekt. Das Subjekt ist immer der Mensch, der Klient, das Objekt sind alle anderen. Und mein Ansatz, den es bis dahin noch nicht gegeben hat, war, dass, wenn das Subjekt ein Werk schafft, dieses zu seinem Objekt macht und mit diesem in Dialog tritt. Er geht also nicht in den Dialog mit dem Therapeuten, sondern mit sich selbst, und dieser Dialog wird begleitet und unterstützt vom Therapeuten, aber es ist ein Dialog. Und mit diesem beginnt sich der Klient zu verändern.

Was fasziniert Sie an dieser Methode?

❙ Das Lustvolle, das Spielen, das Aufheben der Schwere, weil die Bilder meist wie ein Tor, wie ein Ausweg funktionieren. Wenn jemand in einer Krise gefangen ist, ist es ja nicht so, dass der Therapeut von außen eine Türe aufmacht, die Tür muss man selbst aufmachen, und das passiert über das Bild. Und wenn ich eine Tür öffnen kann, kann ich auch hinausgehen.

Ist dieses Tür-Öffnen für den Bearbeitungsprozess bereits ausreichend, oder bedarf es dann doch auch eines Gesprächs?

❙ Es wird dann im Dialog mit dem Therapeuten gearbeitet, aber nachdem der Klient dann quasi zwei Mal vorhanden ist und der Therapeut nur einmal, ist der Klient immer auf der sicheren Seite, er ist der, der bestimmt, weil bei dreien hat er die Mehrheit. Der Klient hat also immer Recht, weil er ist ja doppelt da. Ich als Therapeut gebe aber Impulse. Wenn ein Kind zum Beispiel irrsinnig von der Schule gefrustet ist, was nichts Besonderes ist, dann suche ich etwas aus, von dem ich meine, es tut ihm im Moment gut. Da war zum Beispiel einmal ein Mädchen, schon etwas älter, in der Pubertät, und ich habe ihr ein Blatt und Wasserfarben gegeben, was es von der Schule kennt und nicht mag. Sie hat so lustlos dahingepinselt und dann das Blatt weggeschmissen, und darauf habe ich gesagt, das will ich nicht, es ist doch schade darum, heben wir das Blatt auf und machen etwas daraus. Und dann haben wir angefangen, das Papier zusammenzuknüllen und unter das Wasser zu halten, sodass es ganz viele Falten bekommen hat, und dann haben wir es vorsichtig wieder entfaltet und mit viel Geduld angemalt und dann haben wir darüber gesprochen, wie es ist, steckenzubleiben und einen Durchbruch zu haben, und genau darum ging es. Auf einmal verwandelt sich dieses Bild von etwas Verhasstem, Weggeworfenem zu etwas, wo ich es gar nicht erwarten kann, dass es getrocknet ist. Und dann brauche ich als Therapeut auch gar nichts mehr zu erklären. Diese Anteile, die ich meine, an mir nicht zu mögen, sind oft meine größten Helfer. Ich muss sie nur annehmen.

Dieses Mädchen wollte also nicht mit Wasserfarben malen. Man kennt das ja aber auch von vielen Erwachsenen, die sagen, ich kann nicht zeichnen, ich bin völlig unbegabt. Ist das ein Hindernis, um mit dieser Methode zu arbeiten?

❙ Es ist ein Hindernis und gleichzeitig ein großer Helfer. Es ist etwas Lustvolles, in die Kunsttherapie zu gehen, aber anzurufen und die erste Stunde auszumachen ist etwas anderes, als dann etwas zu schaffen. Deshalb beginne ich meist mit etwas, was viele ohnehin tun, nämlich mit Kugelschreiber irgendetwas zu zeichnen, wie man es zum Beispiel beim Telefonieren oft macht. Und ich nehme dann auch einen Kugelschreiber, verstecke mich, laufe dem Klienten auf dem Bild nach. Und dann verändern wir das Ganze, in dem wir Aceton darüber schütten, da brauche ich gar nichts zu tun, das passiert von ganz allein. Und genau darum geht es, um Veränderung, und das spiegelt sich in allen Bildern wider. Talent ist also in der Kunsttherapie nicht gefordert.

Für wen ist diese Methode besonders gut geeignet?

❙ Für die, die sich noch kindliche Teile erhalten haben, die gerne spielen, experimentieren, lustig sind. Die, die die größten Widerstände haben, sind die Kinder, die hier von den Eltern hergeschleppt werden. Da ist dann die Frage: Wie gewinnt man sie? Ich bedanke mich bei den Kindern, dass sie mitgekommen sind, und sage, ich würde gerne mit dir sprechen, aber nicht über dich, so mache ich die Kinder kompetent, denn jeder ist der Kompetente seines Störungsbildes. Dann ist das Kapperl am Anfang bis tief ins Gesicht gezogen, und ich sehe keine Augen, aber wenn ich dann sage, wir arbeiten mit Feuer, das erwarten sie nicht, und wenn ich dann ihre Zustimmung habe, dann sage ich, aber du musst vorher noch eine Aufnahmeprüfung machen. Traust du dir zu, in einen ganz sauren Kaugummi zu beißen, ohne das Gesicht zu verziehen? Und das machen sie, und das schaffen sie, und so habe ich ihr Herz gewonnen.

Weswegen suchen Eltern Sie mit ihren Kindern auf?

❙ Weil sie zornig sind, weil sie aggressiv sind, weil sie sich zurückziehen, weil sie die Mama beißen, weil sie in der Schule nicht tun, was sie tun sollen, weil sie also ein Verhalten zeigen, mit dem die Eltern nicht umgehen können, und dann kommen sie zu mir wie in eine Reparaturanstalt und sagen, wir hätten von unserem Kind gerne das und das. Das Interessante ist, dass viele dann nach der ersten Stunde zu mir kommen und sagen, es hat sich schon unglaublich viel verbessert. Das ist natürlich nicht möglich. Was aber passiert, ist, dass die Eltern mir hier ein Stück Verantwortung übertragen, und dadurch entlaste ich sie, die Eltern sind dem Kind gegenüber lockerer, und auf einmal geht alles besser. Und vielen tut es auch gut zu hören, dass es ganz normal ist, wenn sich ein Kind einmal aufführt, dass ein Kind gesund ist, wenn es sich wehrt. Und dass es oft einen Grund hat, warum es zum Beispiel nicht gerne in die Schule geht. Letztens hatte ich zum Beispiel einen sechsjährigen Buben, der im Unterricht nicht sitzen blieb, herumging, und ich habe ihn gefragt, warum tust du das, und er hat geantwortet, ich sitze in der letzten Reihe und sehe nichts.

Warum konnte der Bub das aber nicht schon vorher den Eltern oder der Lehrerin kommunizieren?

❙ Vielleicht liegt es daran, dass ich das Kind ernst nehme, als kompetent ansehe. Viele Eltern mache das nicht, weil sie es ihrem Kind gar nicht zutrauen zu wissen, worin das Problem liegt. Und wenn mir dann zum Beispiel eine Mutter sagt, die Lehrerin ist so nett, dann sage ich, ja für Sie, aber nicht für das Kind. Was den Menschen ausmacht, ist, dass wir von HaSchem oder wem auch immer die Sprache bekommen haben, wir können sagen, was uns bedrückt, aber kleine Kinder können das noch nicht, und auch Erwachsenen fällt es oft schwer, und über Bilder können sie zum Ausdruck bringen, was sie beschäftigt, und es damit besprechbar machen.

Entsteht im Therapieprozess Kunst oder ist das einfach nur eine Ausdrucksform?

❙ Was immer Kunst ist, ich weiß es nicht. Es geht aber oft eine emotionale Berührung von Bildern aus, die in einer Therapiesituation entstanden sind.

Die Bilder haben also so etwas wie eine Seele.

❙ Genau. Für mich ist auch erst etwas Kunst, wo ich mich wiederfinde, wo ich einen Platz habe. Wenn etwas super-fertig oder einfach nur sehr schön ist, habe ich keinen Platz darin, und dann berührt es mich auch nicht. Dann hat es nichts mit mir zu tun.

Maria Haas,
geb. 1953 in Mürzzuschlag, Ausbildung zur Kindergärtnerin, seit 1972 für die Gemeinde Wien tätig, zunächst als Erzieherin, heute ist sie im Rahmen der mobilen Arbeit des Jugendamts tätig sowie – nach einem Psychologiestudium und einer Ausbildung zur Kunsttherapeutin – auch in freier Praxis als Kunsttherapeutin. Darüber hat sie auch in ihrer Dissertation gearbeitet. Haas ist geschieden und Mutter einer erwachsenen Tochter. zentrumimwerd.at/einzeltherapie/personen/haas.htm 

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