Marsch der Frauen in die Knesset‏

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In der 20. Knesset werden laut erster Schätzungen etwa 30 Frauen sitzen, das ist ein absoluter Rekord und beinahe dreimal so viel wie im letzten Plenum. Und die religiösen Frauen hatten das erste Mal in der Geschichte Israels eine eigene Liste aufgestellt, schafften jedoch den Sprung ins Parlament nicht. Dennoch scheint ihr Weg zur größeren Selbstbestimmung nicht mehr aufhaltbar.  Von Daniela Segenreich-Horsky    

Das ist erst der Anfang, die Revolution hat erst begonnen“, meint Dr. Rivka Neria-Ben Shahar optimistisch. Sie ist Gender- und Religionsforscherin und untersucht das Verhalten von Frauen in religiösen Gruppierungen, vor allem bei den streng religiösen Juden und auch bei den Amish in Amerika. „Bei vielen religiösen Frauen brodelt es im Inneren, und sie sind nicht mehr bereit, diese Gesellschaft auf ihren Schultern zu tragen ohne wenigstens eine minimale Vertretung ihrer Rechte, eine Vertretung dort, wo die Entscheidungen fallen.

„Eine gute, streng religiöse Frau bekommt im Durchschnitt sieben Kinder – diese Frauen lernen im Durchschnitt 14 Jahre und verdienen dreimal so viel wie ihre Partner.“ Dr. Rivka Neria-Ben Shahar

Also bewegen sie sich in Richtung Parlament. Und sie werden ankommen, auch wenn es noch ein paar Jahre dauert. Solche Prozesse brauchen Zeit.“ Die Vorstellung der unterwürfigen und gehorsamen Frau sei nicht mehr adäquat, meint Neria-Ben Shahar, die sich selbst als „streng orthodox und radikale Feministin“ definiert. „Eine gute, streng religiöse Frau bekommt im Durchschnitt sieben Kinder. Man könnte sie sich also als Hausfrau vorstellen, die zuhause sitzt und an nichts weiter denkt, während ihr Mann in die Welt hinausgeht. Aber diese Frauen lernen im Durchschnitt 14 Jahre und verdienen dreimal so viel wie ihre Partner.“

Bei den Charedim, den „Gottesfürchtigen“, kümmern sich die Frauen um den Haushalt und sind auch meist die Hauptverdienerinnen, während die Männer die Tora studieren, großteils nicht arbeiten und auch nicht zur Armee gehen. Dennoch sind sie Patriarchen und bestimmen, was zu geschehen hat. Der hebräische Begriff „Ikeret Bait“, Hausfrau, bedeutet genau genommen in etwa „die Perle des Hauses“, und so wollen die meisten Männer ihre Frauen auch sehen. Im öffentlichen Leben haben Frauen in dieser Gesellschaft nichts zu suchen. Sie haben keine Repräsentantinnen und keinerlei Vertreter ihrer Anliegen in den religiösen Parteien und dürfen nicht einmal öffentlich abgebildet werden. Sie sind also unsichtbar und wählen, was ihr Mann oder ihr Rabbiner bestimmt.

Der gesellschaftliche Druck auf die Frauen, die nicht diesen Vorstellungen entsprechen, ist enorm, umso mutiger muss der Schritt von Ruth Colin gesehen werden, eine Partei für die religiösen Frauen zu gründen: „Wir sind die Underdogs der Underdogs“, begründet sie ihre Initiative. „Niemand kümmert sich um unsere Ausbildung, um unsere Gesundheit, um unser Einkommen, also müssen wir das selbst in die Hand nehmen.“ Der jungen dreifachen Mutter fehlten eigentlich nur noch drei Prüfungen, um ihr Jusstudium abzuschließen, aber sie fühlte, dass sie sich der Themen dieser Frauen annehmen musste.

Und Themen gibt es viele: Viele Frauen werden von den Arbeitgebern, meist in Schulen und Kindergärten, ausgenutzt und sind unterbezahlt, weil sie ihre Rechte nicht kennen und es zu viele Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen gibt, da religiöse Frauen nur bestimmte Berufe erlernen dürfen. Ein weiteres Thema sind Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Sie trauen sich nicht, jemandem ihr Leid zu klagen, aus Angst vor der Gesellschaft, die dann den Fehler bei ihnen sucht. Darüber hinaus müssen sie oft jahrelang darauf warten, dass ihre Männer einer Scheidung zustimmen. Sie werden dabei oft erpresst und gedemütigt und dürfen inzwischen auch keine andere Beziehung eingehen.

Das Recht wird in diesen Gemeinden von den Rabbinern gesprochen. Dazu sagt Colin: „Es gibt viele gute und weise Rabbiner, aber auch zu viele, die sehr patriarchalisch sind und zu viel Macht haben. Frauen haben da einfach keine Stimme und sind unsichtbar.“ Ein weiteres großes, aber unausgesprochenes Problem ist die hohe Todesrate religiöser Frauen, die Brustkrebs haben: „Es sterben doppelt so viele wie bei den säkularen Frauen, einfach weil es sich nicht geziemt, das Wort ‚Brust‘ öffentlich auszusprechen. Also gibt es da keine Aufklärung und keine Kampagnen für Untersuchungen … Das alles sind Themen, die Männer nicht aufgreifen.“

Ihr Engagement hat Colin viele Drohungen, Beschimpfungen und Warnungen eingebracht, und eine ihrer Töchter wurde sogar zur Schuldirektorin gerufen und gefragt, ob denn Mami viel unterwegs wäre und ob zuhause sehr viel über Politik gesprochen würde. Das war sozusagen eine Verwarnung, und auch Colins Mann war nicht sicher vor Sanktionen: „Er hat mich in allem unterstützt, aber was, wenn seine Jeshiva ihn verwarnt oder gar hinausgeschmissen hätte, wie es einem der Männer auf unserer Liste passiert ist?“

Neben der neuen Liste im religiösen Sektor gab es auch die Gruppe Naschim lo Bochrot – Frauen wählen nicht, die als Reaktion darauf, dass die religiösen Parteien keine Frauen aufnehmen, alle Frauen dazu aufriefen, ihre Stimme zu verweigern. Das könnte Shas und Jahadut Hatorah geschadet haben.

Neria-Ben Shahar bewundert die Initiative all dieser Aktivistinnen: „Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte. Das sind kluge und mutige Frauen, die versuchen, eine Änderung von innen zu bewirken. Sie stehen nicht einfach auf und gehen – das wäre keine Kunst. Aber der Preis ist hoch.“ Dennoch ist sie optimistisch und glaubt an eine Veränderung: „Das ist erst der Anfang. Die charedische Welt verändert sich laufend. Die Bewegung Naschim lo Bochrot gab es schon bei den letzten Wahlen, aber man hat kaum von ihr gehört. Jetzt hat sie viel mehr Lärm gemacht und Medienaufmerksamkeit bekommen. Die Gesellschaft versteht langsam, was hier vor sich geht.“ Neria-Ben Shahar beobachtet, wie der Druck und die Last auf die religiösen Frauen stetig steigen: „Irgendwann wird es eine Revolution geben. Die religiösen Parteien würden gut daran tun, den Frauen zu ermöglichen, Teil von ihnen zu sein, statt diese Stimmen auf so kindische Art zu verlieren. Schließlich sind es diese Frauen, die diese ganze Gesellschaft zusammenhalten, und wenn sie ihnen keine Stimme und keine sinnvolle Vertretung zugestehen, wird das nicht funktionieren.“

Eine Aktivistin von Frauen wählen nicht bringt es auf den Punkt: „Meine Tochter, kann sich gar nicht vorstellen, dass Frauen in den USA und Europa früher überhaupt kein Wahlrecht hatten. Und einmal wird man sich nicht mehr vorstellen können, dass unsere Frauen nicht im Parlament vertreten sein durften.“ ◗

Bild: © privat

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