Mehr als nur Karriere

Wie über 200 jüdische Persönlichkeiten aus Österreich Gesellschaft und Gemeinde nach 1945 prägten, zeigt der Band Für eine bessere Welt in biografischen Porträts.

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Klaus S. Davidowicz, Georg Markus, Ariel Muzicant: Für eine bessere Welt. Prägende jüdische Persönlichkeiten aus Österreich. Amalthea 2026, 368 S., € 35

Von der Schönheitskönigin bis zur Nobelpreisträgerin, vom Kanzler bis zum Vizekanzler, vom Hollywood-Star bis zum Bestsellerautor, vom Operettenkönig bis zum Operndirektor, von der Konzertsängerin bis zur Entertainerin, vom Meisterkicker bis zum Meisterschwimmer, vom Fernsehliebling bis zum Burgtheater- Schauspieler, vom Strumpfkönig bis zum Milliardär, von der Feministin bis zur Kupplerin, vom Prälaten bis zum Rabbiner, von Präsidenten und Direktoren, Professorinnen und Professoren, von chronisch bis fallweise Prominenten, von Vätern und Söhnen, Toten und sehr Lebendigen. Und, und, und …

Jüdische Wurzeln. Einzelne Namen hier hervorzuheben, erscheint nicht angebracht, sind es doch total unterschiedliche Menschen, die dennoch einiges gemeinsam haben. In ihrem jeweiligen Gebiet waren oder sind sie äußerst erfolgreich, und dort und darüber hinaus kämpfen sie „für eine bessere Welt“, gemäß dem jüdischen Auftrag „Tikkun Olam“.

Sie waren, sind oder wurden Österreicher und formten dieses Land zu einem überproportionalen Anteil mit.

Sie waren, sind oder wurden Juden und Jüdinnen. Wobei diese Zuschreibung großzügig und weder halachisch noch nach den „zynischen Definitionen der Nationalsozialisten“ ausgelegt wurde. „Bei uns reicht auch ein jüdischer Vater oder Großvater“, räumt Herausgeber Ariel Muzicant ein. Aber reichte der den Nazis nicht ebenso?

 

„Hier erfahren wir manchmal verblüfft, wer
aller quasi zu uns gehört.“

 

Hatte man die jüdische Großmutter zum „Ariernachweis“ möglichst versteckt, so wurde sie gleich nach Kriegsende hervorgeholt. Gern verwies man wieder auf eine „jüdische Familiengeschichte“, die auch das Auswahlkriterium für den illustren Kreis des vorliegenden Bandes mit „Mischlingen“ verschiedenen Grades war.

Dass der als Fernseh-„Sacher-Portier“ beliebte Schauspieler Fritz Eckhardt, Jahrgang 1907, bis zum Lebensende Angst gehabt haben soll, die Erwähnung seines Judentums könnte seiner Popularität abträglich sein, zeigt, dass dem als „Halbjuden“ geltenden „Volljuden“ die Nazizeit noch zu tief in den Knochen steckte, um seine jüdischen Wurzeln aufzudecken.

Spätere Jahrgänge haben damit keine Probleme mehr, wie man den biografischen Abrissen entnehmen kann, und so erfahren wir hier manchmal verblüfft, wer aller quasi zu uns gehört.

Aufstiegsgeschichten. So verschieden die skizzierten Lebenswege auch sein mögen, ergibt sich doch mutatis mutandis ein fast typisches Muster, vor allem, was die Generation betrifft, die sich im Nachkriegsösterreich eine erfolgreiche Existenz aufbauen konnten. Oft noch aus dem ehemaligen Großraum der Monarchie stammend, gezeichnet vom Überlebenskampf in Lagern oder im Exil, gelang es ihnen oder ihren Kindern, in der Kunst, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik und Gesellschaft zur Spitze aufzusteigen und dort einen Beitrag zu leisten.

Mit gutem Grund hat Muzicant den sechsten und abschließenden Band seiner verdienstvollen Reihe über Geschichte und Entwicklung der jüdischen Gemeinde nach 1945 Leopold Böhm (1922–2007) gewidmet, dessen Karriere vom Flüchtling zum Textilmagnaten prototypisch für diese Aufstiegsgeschichten ist. Erzählt werden sie in gebotener Kürze von drei Autoren, deren Herangehensweise und Stil charakteristisch differiert. Anekdotenreich der Journalist Georg Markus, sachlich fundiert der Judaist Klaus Davidowicz und freundschaftlich persönlich Ariel Muzicant.

Als Zeitzeugin des Erblühens unserer Gemeinde nach der Stunde Null blättere ich in diesem Mosaik aus schillernden Porträts wie in einem Familienalbum mit vertrauten Namen und Gesichtern, erinnernd und staunend, wer da was alles war und ist. Auch manche nicht Genannten fallen mir dabei ein. Selbst bei einer derartigen Fülle musste die Auswahl nun mal, wie Muzicant zugibt, „ein wenig willkürlich“ sein. Eine beeindruckende Leistungsschau!

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