„Mehr Bühnenpräsenz für neue Kompositionen“

Mit einem Plädoyer für zeitgenössisches Musiktheater hat Anna Sushon ihre Tätigkeit als neue Intendantin der renommierten Neuen Oper Wien gestartet.

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Anna Sushon strahlt, wenn es um ihre Arbeit und ihre neuen Aufgaben als Leiterin der Neuen Oper Wien geht. Und sie hat viel vor. Foto: Reinhard Engel

Seit Anfang 2026 sind Sie Intendantin und künstlerischer Leiterin der Neuen Oper Wien (NOW), in der Sie seit 1998 als Studienleiterin tätig waren. Parallel dazu arbeiteten Sie als freischaffende Solo-Korrepetitorin sowie als Assistentin und Dirigentin im deutschsprachigen Raum: Bisher betreuten Sie über 150 Produktionen an verschiedensten Opernhäusern und Festivals. Zu Ihrem Einstand präsentierten Sie im Februar 2026 Ihre Visionen für die Neuausrichtung der seit über 30 Jahren prägenden Wiener Institution für zeitgenössisches Musiktheater. Wie kommt man aus dem sibirischen Geburtsort Nowosibirsk, der drittgrößten Stadt Russlands nach Moskau und St. Petersburg, über Jerusalem nach Wien?

Anna Sushon: Dass ich in Nowosibirsk geboren bin, ist reiner Zufall, denn jüdische Lebensläufe sind auch immer Wandergeschichten. Mein Großvater ist in der Nähe von Vilnius geboren, mein Vater dann in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Mein Vater ging bereits mit 17 Jahren zum Cello-Studium nach Nowosibirsk, wo er meine Mutter traf und wo ich geboren wurde. So war ich die erste und letzte Generation in Nowosibirsk.

Wer aus der Familie ging nach Israel?

I Die Familie meines Vaters konnte schon 1979 nach Israel auswandern, also noch während des Kommunismus. Das war nur möglich, weil mein Großvater zwar nie Mitglied der Kommunistischen Partei war, aber sich Verdienste in der Lebensmittelversorgung während des Krieges erworben hatte. So konnten die Großeltern und die Schwester meines Vaters mit ihren Kindern auswandern. Mein Vater hingegen lebte damals in einer anderen Sowjetrepublik, nämlich Nowosibirsk, und so wurde unsere Familie auf Jahre getrennt.

Wann wurde die Familie wieder vereint?

I Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 schnappte mich mein Vater, und wir sind zum ersten Mal nach Israel gefahren, um die Großeltern wiederzusehen, denn als sie weggingen, war ich erst fünf Jahre alt. Von 1989 bis 1991 bemühten wir uns um die Auswanderung. Das war schwierig, weil meine Mutter als gebürtige Russin unterschreiben musste, dass sie keinerlei Ansprüche an den russischen Staat hat. Danach konnten wir zu dritt nach Israel auswandern. Apropos russisch: Ich habe bei meiner genetischen Recherche herausgefunden, dass wir mütterlicherseits alle etwa zu 40 Prozent Wurzeln am Balkan haben. Ich selbst 36 Prozent, nur vier davon russisch und sechs ukrainisch, der Rest ist aschkenasisch- jüdisch.

Konnte Ihr Vater als Cellist arbeiten?

I Nein, fürs Leben hätte es nicht gereicht. Nach dem Studium ließ er sich zum Tonmeister ausbilden, und weil das damals ein seltener Beruf war, kam er in der Sowjetunion gut voran: Für Fernsehstudios nahm er klassische Konzerte, Filme und sogar die Olympiade auf. Meine Mutter war Klavierlehrerin und hatte eine gute Freundin; die kam aus einer Czernowitzer jüdischen Familie und war Korrepetitorin an der Oper. So bin ich zwischen Opernhaus, Musikhochschule und Fernsehstudio aufgewachsen. In Israel wurde ich bereits ein halbes Jahr nach unserer Ankunft in die renommierte Rubin Academy of Music and Dance in Jerusalem aufgenommen und fing gleich mit dem Studium an.

„Noch als Schülerin in Nowosibirsk bin ich in Konzerte zeitgenössischer Komponisten gegangen, weil mich diese Art Musik immer
begeistert und
mitgerissen hat.“
Anna Sushon

1996, bereits nach fünf Jahren, kamen Sie nach Wien, warum?

I Am Anfang des Studiums wurde mir schon klar, dass ich dirigieren will. Ich war dann erst die zweite Frau in Israel, die dieses Studium abschloss. Der großartige Dirigent und mein Lehrer Mendi Rodan* sagte zu mir: „Wenn du weiterkommen willst, musst du ins Ausland gehen, denn in Israel findest du keine Arbeit.“ Und er hatte recht. Ich überlegte dann wohin, die USA reizten mich nicht, ich wollte es in Europa versuchen. Ich schrieb viele Briefe, u. a. auch an den Dirigenten Leopold Hager, der damals Professor für Orchesterleitung an der Musikuniversität Wien war. Er lud mich zum Vordirigieren ein und sagte anschließend: „Machen Sie die Aufnahmsprüfung, und ich unterrichte sie.“ So kam ich nach Wien.

Sie leiten die Neue Oper Wien, die einen ausgewiesenen Ruf für zeitgenössische Musik hat. Wie kam es zu dieser Liebe?

I Das geschah, als ich mit dreizehn zum ersten Mal Schönbergs Streichsextett op. 4, Verklärte Nacht, gehört habe. Ich war sofort fasziniert, weil es so anders war und mir die musikalische Farbe emotional so nahe ging. Noch als Schülerin in Nowosibirsk bin ich in Konzerte zeitgenössischer Komponisten gegangen, weil mich diese Art Musik immer begeistert und mitgerissen hat.

Sie waren in Israel auch als Chorleiterin tätig und brachten Werke junger israelischer Komponisten zur Uraufführung, jetzt fördern Sie in Österreich die Musik junger Komponisten. Wo ist die zeitgenössische Musik stärker entwickelt und präsent, in Israel oder Österreich?

I Ich hatte damals keinen Vergleich, aber in Israel wird das viel stärker gefördert als in der Sowjetunion. Und was besonders wichtig ist: Die Werke werden aufgeführt. An der Wiener Musikhochschule bin ich weniger mit Komponisten in Berührung gekommen, aber ich weiß, dass das auch hier laufend geschieht. Wien ist größer als Jerusalem, daher gibt es auch mehr Komponisten; die müssen sich mehr anstrengen. Doch in Österreich gibt es phantastische Möglichkeiten, weil es zahlreiche Formate dafür gibt: Wien Modern, die Ars Electronica in Linz, das Klangforum Wien sowie zahlreiche Festivals und kleinere Orchester.

Wann haben Sie die Neue Oper Wien entdeckt?

I Ich habe bereits in meinem zweiten Studienjahr die Neue Oper Wien kennengelernt und so auch ihren großartigen künstlerischen Leiter Walter Kobéra, einen der führenden Dirigenten für zeitgenössisches Musiktheater, der durch seine zahlreichen Erst- und Uraufführungen das Wiener Musikleben in den letzten Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Ich war an der Kammeroper als Korrepetitorin angestellt, als wir im Dezember 1997 ein gemeinsames Projekt realisiert haben – und seither bin ich bei der NOW.

„Das mit den Abonnentinnen und Abonnenten ist so ein Irrglaube:
Ich bin der Meinung, man muss und
kann das Publikum sehr wohl für neues Musiktheater begeistern.“
Anna Sushon

Wie viele Produktionen schaffen Sie mit der NOW im Jahr?

I Die Subventionslage ist derzeit ziemlich schlimm, daher schaffen wir gerade noch zwei Produktionen im Jahr. Als ich hier angefangen habe, waren es noch vier, das sagt alles. Daher versuchen wir, auch anderswo Geld zu lukrieren, damit diese wertvolle Operngruppe weiter existieren kann. Leider können wir von den Subventionen der Stadt Wien immer weniger produzieren, obwohl diese versucht, die interessantesten und lukrativsten Projekte zu ermöglichen.

Wie und wo finden Sie die neuen Kompositionen?

I Ich lese regelmäßig über Uraufführungen, die Musikverleger schicken ihre Kataloge und Neuigkeiten über die Komponistinnen und Komponisten. Parallel dazu wenden sich diese auch direkt an mich und bitten mich zu beurteilen, was sie geschrieben haben. Ich muss sagen: Jene, die behaupten, die Oper sei tot, wissen gar nichts. Allein seit meinem Antritt vor fünf Monaten habe ich 27 unterschiedliche Partituren zum Anschauen bekommen.

Ist viel Brauchbares darunter?

I Ja, eindeutig. Aber leider werden die Komponistinnen und Komponisten aus Geldmangel daran gehindert, ihre Werke auf die Bühne zu bringen. Leider macht auch die Wiener Staatsoper hier nichts, und das Theater an der Wien nur wenig. Das ist sehr schade, denn es ist viel Interessantes dabei, die Auswahl fällt uns immer sehr schwer.

Die großen Häuser haben Angst, Ihre Abonnenten zu verschrecken. Und das, obwohl die NOW seit der Wiederentdeckung von Benjamin Brittens Billy Budd 1996 internationale neue Musik beispielhaft auf- und vorbereitet.

I Das ist so ein Irrglaube: Ich bin der Meinung, man muss und kann das Publikum sehr wohl dafür begeistern. Walter Kobéra hat mit seiner NOW-Produktion von Billy Budd eine Benjamin-Britten-Renaissance losgetreten; das hat vor ihm keiner gemacht. Die Inszenierung ist so legendär, dass sogar, als die Staatsoper das Stück ins Programm nahm, Vergleiche mit der NOW-Inszenierung gemacht wurden.

Anna Sushon war ab 1998 u. a. an der Wiener Staatsoper, am Theater an der Wien, an der Wiener Kammeroper sowie bei den Festivals Mozart in Schönbrunn, Festival Retz, Grafenegg Festival, Osterklang, KlangBogen Wien und den Wiener Festwochen als Korrepetitorin engagiert. Als Liedbegleiterin trat sie in Wien, Madrid, Moskau, Berlin, Jerusalem, New York und Tel Aviv auf. Ihre Dirigierlaufbahn führte sie im Opernbereich bislang neben Wien nach Salzburg, Erfurt, Zagreb und Stockholm sowie für Konzerte in die USA und nach Israel; ihr Konzertrepertoire umfasst Werke aller Stilepochen mit einem Schwerpunkt auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

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Neue Oper Wien
Die Neue Oper Wien wurde 1990 in Wien vom französischen Regisseur Olivier Tambosi gegründet und ist eine freie Opern- und Musiktheatergruppe in Wien, die sich seit ihrer Gründung der zeitgenössischen Oper und dem Musiktheater des 20. und 21. Jahrhunderts widmet. Sie gilt heute als eine der wichtigsten Institutionen für modernes Musiktheater in Österreich. Die Produktionen finden ohne feste Spielstätte statt und werden jeweils an räumlich und akustisch passende Orte in Wien und darüber hinaus angepasst.


Beim Abend Les Deux, den ich zuletzt gesehen habe, spielten und sangen Ihre Studentinnen der Kunstuniversität Graz (KUG), allen voran die sehr begabte Mezzosopranistin Ellen Rose Kelly. Mischen Sie Profis mit angehenden Sängerinnen?

I Ja, natürlich. Bei Billy Budd bekam der heute berühmte Bariton Adrian Eröd mit der Hauptrolle eine Chance und feierte damit seinen Durchbruch. Apropos: Bei seinem ungarisch-jüdischen Vater Iván Eröd habe ich Komposition studiert, und er hat eine Kinderoper für mich geschrieben. Da wir jungen Sängern und Künstlerinnen laufend die Chance für Bühnenauftritte geben, kommt es zu diesen guten Mischungen. Ellen Rose Kelly stammt aus Dublin, kam als 22-Jährige nach Graz und hat sich in den letzten vier Jahren so unglaublich entwickelt, dass sie bereits jetzt als Solistin international viel unterwegs ist.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

I Am 16. September 2026 findet im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) unter meiner musikalischen Gesamtleitung die Wiener Erstaufführung der A-cappella-Operette Geschichte des jüdischen Komponisten Oscar Strasnoy** statt. Das Libretto basiert auf biografischen Texten des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz. Die Oper – ohne Orchester und Dirigentin, nur mit sechs Solisten – blickt in die Tiefen und Untiefen einer aristokratischen Familie und präsentiert eine Figurenkonstellation, die sich wie eine Persiflage auf einen Bildungsroman ausnimmt: Vater und Mutter, Brüder und Schwester drangsalieren den Querkopf Witold, der sich weder maßregeln, geschweige denn unterdrücken lässt. Eine humorvolle, aber auch berührende Geschichte.

 


* Der Geiger und Dirigent Mendi Rodan wurde 1929 als Mendi Rosenblum geboren. 1960 wanderte er – Jahre nach der Shoah, in der sein Vater ermordet worden war – mit seiner Frau und zwei Kindern nach Israel aus. Er wurde Chefdirigent und Musikdirektor des Jerusalem Symphony Orchestra und gründete das Jerusalem Chamber Orchestra. Im Laufe seiner Karriere dirigierte er weltweit führende Orchester, darunter das London Symphony Orchestra und die Wiener Symphoniker. Für weltweites Aufsehen sorgte er, als er im Jahr 2000 erstmals in Israel ein Werk Richard Wagners spielte.

** Oscar Strasnoy, 1970 in Buenos Aires geboren, ist Komponist, Dirigent und Pianist mit französischer Staatsbürgerschaft. Er studierte am Conservatoire de Paris und an der Hochschule für Musik in Frankfurt am Main. Seine Werke wurden u. a. an den Opern von Rom, Straßburg, Hamburg, Berlin und Zürich, an der Pariser Opéra Comique und Berliner Philharmonie, beim Festival d’Aix-en-Provence, am Mozarteum Salzburg und am Teatro Colón Buenos Aires aufgeführt. 2012 organisierte Radio France eine Retrospektive seiner Werke in 14 Konzerten im Théâtre du Châtelet.

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