„Mehr Glück als Verstand“

Vom Leben und Überleben als jüdisches Arbeiterkind in der Leopoldstadt erzählt Vilma Neuwirth in ihren Erinnerungen an die „Glockengasse 29“.

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Vilma Neuwirth: Glockengasse 29. Eine jüdische Arbeiterfamilie in Wien. Milena 2025, 160 S., € 24

Erst waren sie nur „Gfraßter“, bald darauf schon „Judengfraßter“. Als Jüngstes von acht Geschwistern wächst Vilma unter „Gassenkindern“ in der Leopoldstadt auf. Zimmer, Küche, Kabinett, das war die Familienwohnung in der Glockengasse, mit Bassena und Plumpsklo auf dem Gang. Arm, sehr arm war man, aber zu essen gab es immer, dank des Vaters, der im selben Haus sein Friseurgeschäft hatte. Aus einer jüdischen Familie in Tarnow stammend, brachte er als Witwer drei Kinder in die Ehe mit Maria, die ihrerseits bereits eine uneheliche Tochter aus einer Beziehung mit einem jüdischen Mann hatte, gemeinsam haben sie dann noch vier weitere Kinder. Die jüdischen Großeltern lehnen die „Schickse“, die wohlhabendere Weinbauern-Familie der Mutter „den Juden“ ab, und alle vier lassen dies auch die Enkel spüren.

Leicht war es nicht für die Kühnbergs und der Alltag ein mühseliger Existenzkampf, denn es fehlte praktisch an allem. In geflickten Sachen und immer wieder gedoppelten Schuhen, auf die sie beim Schuster warten mussten, da sie kein anderes Paar hatten, genossen die Kinder aber ihre große Freiheit bis diese, Vilma war gerade zehn, 1938 plötzlich vorbei war. Aus den Kühnberg-Kindern wurden „Halbjuden“, aus Freunden Feinde, aus guten Nachbarn in dem sehr gemischt bevölkerten Zinshaus gefürchtete Nazis. „Über Nacht“ trugen die, die bisher nicht einmal „ordentliche Kleidung“ gehabt hatten, SA-Uniformen und Stiefel. Woher sie diese so schnell nahmen, blieb Vilma immer ein Rätsel.

„Mutter steckte sich ein
Hakenkreuz an ihr Kleid,
Vater trug den Stern.“
Vilma Neuwirth

Widerständig. Vielfach sind diese dramatischen Schicksale der jüdischen Bevölkerung bereits beschrieben worden, und Vilma Neuwirth, die später als Zeitzeugin und dann bis zu ihrem Tod 2016 auch als eine der „Letzten Zeugen“ am Burgtheater auftrat, erzählt hier nichts wirklich Neues. Was ihre 2008 erstmals veröffentlichten autobiografischen Erinnerungen aber auszeichnet und ihre nunmehrige Neuauflage rechtfertigt, ist die doch recht ungewöhnliche Perspektive auf die Verhältnisse im jüdischen Proletariat oder Kleinstbürgertum.

Und es ist darüber hinaus auch das, was Michaela Raggam-Blesch in ihrem Nachwort als „Narrativ der Widerständigkeit“ bezeichnet. Vilma lässt sich nichts gefallen. Sie ist mutig bis zur Tollkühnheit, „goschert“, leichtsinnig und resilient während der langen Jahre, die sie als U-Boot gemeinsam mit Schwester und Bruder – die Halb-Geschwister wie auch andere jüdische Verwandte waren ausgewandert oder deportiert worden – in der zunehmend entvölkerten „Mazzesinsel“ überlebte. Als Christin hatte die Mutter die Mietwohnung behalten dürfen, heldenhaft stand sie zum jüdischen Ehemann bis zu dessen Tod 1942, brachte die restliche kleine Familie durch die gefährlichen Kriegsjahre und ließ oft sogar noch untergetauchte Juden auf dem Küchenboden übernachten.

„Mutter steckte sich ein Hakenkreuz an ihr Kleid, Vater trug den Stern“, und so gingen sie, als Zeichen des Protests, auf der Praterstraße spazieren. Vilma trägt den Stern nur in der Tasche, wagt sich weiterhin ins Dunkel der Kinos oder bei Sonnenlicht ins für Juden verbotene Bad. Nachdem sie auch die jüdische Schule verlassen muss, wird sie zur Zwangsarbeit verpflichtet und begegnet dort diversen Schikanen mit kleineren Sabotageakten. Dass sie viel Glück und sicher „mehr Glück als Verstand“ hatte, ist ihr nachträglich durchaus bewusst.

Am gefährlichsten wurden die allerletzten Tage vor der Befreiung durch die Russen, denn die „Ariseure“ der jüdischen Wohnungen in ihrem Haus hatten nichts mehr zu verlieren, und „Denunzieren war schließlich ihr Spezialgebiet“.

Anschaulich, unsentimental und lebendig, wie ihr der Schnabel gewachsen war, um in ihrem wienerischen Jargon zu bleiben, schildert Vilma Neuwirth die doch so tieftraurigen Verhältnisse, vom Kinderelend in der Vorkriegszeit angefangen bis zum täglichen Überlebenskampf in der Zeit der Verfolgung.

„Solche Schilderungen also müssen gelesen werden, von allen, solange solche Bücher überhaupt noch geschrieben werden“, so Elfriede Jelinek in ihrem Vorwort.

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