„Meine Religion ist immer schon die Musik gewesen“

Der international renommierte Geiger und Dirigent Julian Rachlin übernimmt das Herbstgold Festival 2021 im Schloss Esterházy in Eisenstadt .

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Julian Rachlin. Einen seiner ersten Auftritte hatte er 1988 als jüngster Solist mit den Wiener Philharmonikern unter Ricardo Muti. © Sergei Karpukhin / Tass / picturedesk.com

Wina: Als erfolgreicher Violinkünstler und Dirigent bestreiten Sie normalerweise rund zwanzig Auftritte im Monat weltweit. Seit Juni hatten Sie ein Konzert im Wiener Musikverein, kurz danach eröffneten Sie das Wiener Konzerthaus mit Sonaten vom Jahresregenten Beethoven. Begann die Herbstsaison ganz normal für Sie?
Julian Rachlin: Nein, denn die Konzertwelt steht großteils noch immer still, auch wenn Österreich zu den ersten Ländern gehörte, in denen etwas Bewegung hineinkam. Auch wenn wir als Künstler alle im gleichen Boot sitzen, müssen wir verstärkt jenen freischaffenden Künstlern helfen, die von einem Tag auf den anderen überleben müssen. Daher habe ich beim zweiten Konzert mit jungen Künstlern musiziert, damit auch sie die Gelegenheit bekommen, im Konzerthaus aufzutreten.

Wurden die Veranstaltungen gänzlich abgesagt oder nur verschoben?
Das wurde sehr unterschiedlich gehandhabt: In Italien, Spanien, Japan, China oder den USA wurde teilweise auf 2021 oder sogar auf 2022 verschoben. Viele Veranstalter haben Angst, Künstler aus dem Ausland einzuladen, denn ein Großteil des Konzertpublikums ist älter und reagiert vorsichtig. Ausgewählte Länder, denen es etwas besser geht, wie Deutschland, Finnland und Norwegen, beginnen den Konzertbetrieb, ähnlich wie in Österreich, langsam aufzumachen. Aber es kann auch jederzeit alles wieder geschlossen werden.

Im April 2020 wurden Sie zum künstlerischen Leiter des Festivals Herbstgold in Eisenstadt ab 2021 bestellt. Das ist nicht Ihr erstes Musikfestival, über Julian Rachlin and Friends entstand sogar ein Dokumentarfilm. Ab 2005 gab es auch das Kammermusikfestival Rachlin Presents im Kloster Pernegg in Niederösterreich. Existiert das noch?
Nein, Pernegg habe ich nur bis 2010 geleitet; Julian Rachlin and Friends fand in Dubrovnik von 2001 bis 2012 statt. Dann gastierten wir ein Jahr auf Mallorca. Jetzt ist es eine große Ehre und Freude, das Festival Herbstgold als künstlerischer Leiter zu übernehmen, eine spannende und inspirierende Aufgabe. Das Schloss Esterházy hat eine unglaublich reiche Musikgeschichte, und zwar nicht nur mit Josef Haydn – von Schubert über Beethoven, Liszt und bis zu Gustav Mahler: Sie alle haben mit Esterházy zu tun gehabt, es war eine der bedeutendsten Familiendynastien in Mitteleuropa.

»Meine Eltern wollten nicht, dass ich in einem kommunistischen Regime aufwachse. Ich bin ihnen unglaublich dankbar, dass ich mich in einer freien Welt entfalten durfte.«

Ist das Festival ein Projekt der Stiftung Esterházy?
Ja, die Stiftung hat dieses Festival erfunden. Ich kann leider noch keine Künstlernamen verraten, aber es wird ein kleines, sehr feines Festspiel, ein Ort, an dem auch die großen Sänger, Solistinnen und Dirigenten zum Anfassen sind – natürlich nach der Pandemie. Anders als in Wien, wo es das ganze Jahr über ein umfangreiches Kulturangebot gibt, wird es in Eisenstadt sein, weil dort eine andere Energie herrscht, und das wird das Publikum auch spüren.

Woher kommt das Publikum, und womit wollen Sie dieses gewinnen?
Ich möchte, dass alle Burgenländer stolz sind auf ihr Festival. Ich freue mich, wenn viele Einheimische und natürlich Menschen aus ganz Österreich und der Welt kommen. Zum Festival in Dubrovnik organisierten sich z. B. jeweils Gruppen von etwa 50 Musikliebhabern aus Australien, Japan und den USA. Dasselbe erhoffe ich auch für Eisenstadt, denn im Schloss haben wir einen der schönsten Säle mit einer großartigen Akustik. Das Programm wird bunt und international bestückt sein: Es werden berühmte Solisten, Dirigenten und Orchester auftreten, die Kammermusik wird auch weiter gepflegt, aber auch Oper und Jazz werden nicht zu kurz kommen.

Ihre internationale Karriere als Geiger ist beeindruckend. Warum wollten Sie auch dirigieren?
Weil ich sehr neugierig bin und die Musik aus allen Blickwinkeln erforschen möchte. Die Geige war eigentlich nie mein Lieblingsinstrument, das war das Violoncello. Dennoch konnte ich mich auf der Geige sowie der Bratsche wunderbar in der Musik ausdrücken. Ich habe nicht plötzlich entschieden zu dirigieren, das hat sich langsam so entwickelt. Das Dirigieren ist ein separater Beruf, ein Handwerk, das ein intensives Studium erfordert, das habe ich fünfzehn Jahre lang gelernt. Es basierte auf dem Wunsch, meine eigene Interpretation zu machen. Als Solist hast du ja nichts zu sagen, aber als Dirigent leitet man die Proben und bestimmt die Interpretation. Manche Solisten glauben, sie können sich vor ein Orchester stellen und einfach dirigieren, aber das funktioniert nicht. Ein Orchester ist ein komplett anderes „Instrument“. Durch das Dirigieren habe ich sogar noch viel Neues über mein Violinspiel gelernt.

Sie wurden 1974 in Vilnius/Wilna geboren. Ihre Geburtsstadt nannte man einst das „Jerusalem des Ostens“: Für die Juden war sie über Jahrhunderte ein geistiges Zentrum, weil so viele jüdische Gelehrte dort wirkten – bis die Schoah alles zerstörte. Haben Ihre Eltern vor der Auswanderung nach Wien Erfahrungen mit Antisemitismus gehabt?
Eigentlich nicht, aber z. B. war es am Petersburger Musikkonservatorium normal, dass von 100 Studenten nur fünf Juden aufgenommen wurden. Meiner Mutter, die dort zur Pianistin und Dirigentin ausgebildet wurde, hat das nicht gefallen, aber das war nicht das Motiv wegzugehen: Meine Eltern wollten nicht, dass ich in einem kommunistischen Regime aufwachse. Ich bin ihnen auch unglaublich dankbar, dass ich mich in einer freien Welt entfalten durfte. Als Künstler gastiere ich auch in Russland und Litauen, komme gerne zu den Wurzeln zurück, ich spreche ja auch beide Sprachen. Aber zu Hause bin ich 100 Prozent in Wien.

Sie waren vier Jahre alt, als sie in Österreich ankamen. Sind Sie mit der jüdischen Tradition vertraut?
Die Eltern sind keine praktizierenden Juden, aber natürlich haben wir mit Freunden und Familie oft Pessach oder andere Feiertage begangen. Aber unter uns feiern wir nicht, wir sind sehr schlechte Juden. Ich bin sehr stolz auf meine jüdische Abstammung, doch ich bin vor allem antirassistisch erzogen worden: Es gibt gute und schlechte Menschen, das muss man erkennen – meine Religion ist immer schon die Musik gewesen und wird es auch immer sein.

Sie sind Professor am Konservatorium Wien und seit 2010 Goodwill Ambassador für die UNICEF. Haben sie noch andere karitative Projekte?
Roger Moore, der berühmte James-Bond-Darsteller und ein sehr guter Freund, der leider vor drei Jahren gestorben ist, hat sich für UNICEF stark eingesetzt und hunderte Millionen an Spenden gesammelt. Er hat mich dazu motiviert, mich für Kinderrechte einzusetzen und auch praktisch zu helfen. Das mache ich weiter, denn wenn man das Glück hat, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, muss man einen Teil zurückgeben.

Julian Rachlin
wurde 1974 in Vilnius, Litauen, in eine Musikerfamilie geboren, die 1978 nach Österreich emigrierte. Ab 1983 studierte er am Konservatorium Wien und nahm Privatunterricht bei Pinchas Zukerman. Seine ersten Auftritte hatte er mit den Berliner Philharmonikern unter Loren Maazel sowie als jüngster Solist 1988 mit den Wiener Philharmonikern unter Ricardo Muti. 2005 debütierte Rachlin mit den New Yorker Philharmonikern in der Carnegie Hall. In den ersten 30 Jahren seiner Karriere trat er als Solist mit den weltweit berühmtesten Dirigenten und Orchestern auf. In jüngerer Zeit hat er sich als vielbeachteter Dirigent etabliert.

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