Mélange und Muezzin

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Das Österreichische Hospiz in Jerusalem – Österreichs Vorposten im Orient blickt heuer auf 150 Jahre Geschichte zurück.
Von Ben Segenreich

Ein Haus, „von dessen vorderen Fenstern man die Omarmoschee sieht und von den hinteren den Kahlenberg“, wünschte sich wehmütig der Wiener Schriftsteller Leo Perutz, der vor den Nazis nach Palästina geflüchtet war. Wenn heute jemand in Israel von plötzlicher Sehnsucht nach Österreich überfallen wird, dann kann er sie im Österreichischen Hospiz stillen, das der Phantasievorstellung von Perutz ziemlich nahe kommt.

Von der Bank auf der Dachterrasse kann man die beglückende Rundsicht über Jerusalem genießen, und der Tempelberg mit der blitzenden Goldkuppel des Felsendoms ist zum Greifen nahe. Drei Etagen tiefer im Kaffeehaus sind die Wände mit alten Ansichten von Wien geschmückt. Österreichs Vorposten im Orient blickt heuer auf 150 Jahre einer Geschichte zurück, die wechselhaft und streckenweise abenteuerlich war. 1946 etwa, als Perutz seinen brieflichen Stoßseufzer ausstieß, wurde das Gebäude gerade von der britischen Armee als Offiziersschule benützt.

„Wir haben nicht den Anspruch, eine Fünf­sterneeinrichtung zu sein – wir sind eine Herberge für Pilger.“ Markus Bugnyar

„Wir haben nicht den Anspruch, eine Fünfsterneeinrichtung zu sein“, sagt Markus Bugnyar, der Rektor des Hospizes, „sondern wir sind eine Herberge für Pilger, allen voran aus Österreich, aber auch aus anderen Ländern.“ Mit seiner einzigartigen Hügellage am ersten Knick der Via Dolorosa ist das „Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie“, so der vollständige Name, eine Mischung aus Oase und Festung in der klimatisch und politisch manchmal hitzigen Altstadt. Für Touristen oder Einheimische auf Streifzug ist es mitten im Geschiebe der engen Gassen mit den kräftigen levantinischen Geräuschen und Gerüchen die ideale Raststätte. Bei österreichischen Gästen, die unten das schwere Tor aufgestoßen und die zwei Treppen bis zur Rezeption erklommen haben, bewirken roter Plüsch, Habsburgerporträts, Gulaschsuppe, Staubzucker und Meinl-Kaffee samt Berieselung mit Mozart- und Schubert-Tönen aus dem Internetradio einen instantanen Entspannungs- und Heimateffekt. Auch schon ein Stückchen Heimat, wenn auch noch ohne Internet und zunächst laut einem Zeitzeugnis nur mit „12 eisernen Betten“ und „Kästen ohne Rückwand“ ausgestattet, haben die ersten Wallfahrer vorgefunden, die nach der Eröffnung 1863 hier unterkamen.

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Ein Haus, „von dessen vorderen Fenstern man die Omarmoschee sieht und von den hinteren den Kahlenberg“, wünschte sich Leo Perutz nach seiner Flucht nach Palästina.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die europäischen Großmächte begonnen, sich wieder für das Heilige Land zu interessieren, damals eine heruntergekommene Provinz des Osmanischen Reiches. Franzosen, Deutsche, Engländer, Russen errichteten Konsulate, Pilgerhäuser und Kirchen, und auch die Donaumonarchie mischte beim Ringen um Einfluss und Prestige mit. Die Verflechtung von kirchlicher und österreichisch-patriotischer Mission ist bis heute geblieben, und Bugnyar sieht darin keinen Widerspruch: „Der Kaiser hat seinen Botschafter vorausgeschickt, um zu erkunden, ob es möglich ist, hier Grund und Boden zu erwerben, der Erzbischof von Wien war der Geldgeber und der Ideenspender. Also diese Doppelgesichtigkeit des Hospizes – eine kirchliche Einrichtung mit österreichischer Fahne über Jerusalem – ist nicht neu, ist sogar Tradition.“

„1881 schaute Kronprinz Rudolf vorbei.“ Bei der 150-Jahr-Feier im Juni verkörperte der Ehrengast Karl Habsburg-Lothringen, Oberhaupt der Familie Habsburg und ausdrücklich als „Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit“ tituliert, den Brückenschlag zur Gründungsgeschichte. Der große Schirmherr Kaiser Franz-Joseph höchstpersönlich hat im November 1869, auf dem Weg zur Eröffnung des Suez-Kanals, vier Nächte im Hospiz verbracht und damit viel zu dessen Aufwertung beigetragen. 1881 schaute Kronprinz Rudolf vorbei, 1885 der spätere Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Am Ende des Ersten Weltkriegs widmeten die Briten das Hospiz zu einem Waisenhaus um, im Zweiten Weltkrieg diente es als Internierungsort, in der Zeit der jordanischen Besetzung Ost-Jerusalems war es ein Spital. Hierher wurde am 20. Juli 1951 der sterbende König Abdullah, der Urgroßvater des jetzigen Herrschers, gebracht, nachdem er in der nahen Al-Aksa-Moschee von einem arabischen Extremisten niedergeschossen worden war. Die Rückgabe des Hauses an die österreichische Kirche 1985, verbunden mit der Beendigung des Spitalsbetriebs, löste palästinensische Proteste und den Zorn von Altkanzler Bruno Kreisky aus.

dscn0145_ekBei allem Traditionsbewusstsein wird Bugnyar, der 2004 im zarten Alter von 29 Jahren den komplizierten Job des Hospizleiters übernommen hat, vor allem von den Alltagsgeschäften gefordert. Der burgenländische Priester muss Seelsorger, Hotelier, Fremdenführer, Bauherr, Kulturmanager und immer wieder auch eine Art Konsul und Diplomat sein. Für österreichische Staatsspitzen auf Israel-Besuch ist das Hospiz wieder selbstverständliche Anlaufstelle – über die letzten zwei Jahrzehnte sind hier Serien von Bundespräsidenten, Kanzlern und Ministern defiliert. Für die Hauswirtschaft verantwortlich und jetzt auch offiziell Vizerektorin ist die allgegenwärtige Schwester Bernadette – in blütenweißer Tracht huscht die 64-jährige Oberösterreicherin durch die Korridore und über die Stiegen, um mit scharfen Augen Büffets und Betten zu inspizieren. Die Crew besteht aus neun österreichischen Zivildienern, einigen deutschsprachigen Volontären und 28 palästinensischen Angestellten. Als wertvollsten Mitarbeiter darf man wohl Schehadeh Schehadeh bezeichnen. Das ist jener Koch, dem eine andere österreichische Schwester in den frühen 90er-Jahren gezeigt hat, wie man die Sachertorte und den Apfelstrudel macht, deren Ruf nun in der Region verbreitet ist.

„Das Hospiz ist in Jerusalem sehr bekannt“, bestätigen drei israelische Studenten, die an einem der Kaffeehaustische die letzten Schlagobersreste von ihren Tellern kratzen, „wir kommen oft her, um Strudel zu essen.“ In den Intifada-Jahren hatten sich die Israelis kaum in die Altstadt gewagt (und die internationalen Touristen waren überhaupt ausgeblieben), aber jetzt drängen regelmäßig hebräisch sprechende Schwärme herein, natürlich wegen des Strudels, aber auch, um den von Heinrich Ferstel entworfenen Hochaltar in der Hauskapelle und die Fresken und Wappen im prächtigen Salon zu bestaunen. Die palästinensischen Nachbarn wiederum sind manchmal misstrauisch, weil das Hospiz noch immer oder schon wieder irgendwie als westlicher Fremdkörper im muslimischen Viertel gilt oder weil man sich bitter an die Auflösung des Spitals erinnert, in dem seinerzeit fast alle arabischen Altstadtbürger geboren wurden.

Jerusalem_Oesterreichisches_Hospiz_BW_3_ek„So viele Kulturen und Religionen auf so engem Raum.“ Mit Konzerten im Salon und Ausstellungen auf den galerieartigen Gängen ist das Hospiz auch zu einer Kulturinstitution geworden, die sich bemüht, nicht nur österreichische und internationale, sondern auch israelische und palästinensische Künstler einzubinden. „Wir haben nicht den Anspruch, dass wir etwas Großartiges zum Friedensprozess beisteuern könnten“, bleibt Bugnyar realistisch, „aber wir wollen auch für uns selbst lernen, wie das funktionieren kann: das Zusammenleben von so vielen Kulturen und Religionen auf so engem Raum.“

Im Übrigen blickt er mit Zuversicht in die nächsten 150 Jahre. Zu den 32 Gästezimmern und fünf Schlafsälen werden 12 weitere Zimmer in einem neuen Nebengebäude hinzukommen, das 2015 bezugsfertig sein könnte. Weil es in Israel, im Gegensatz zu manchen Nachbarländern, schon länger relativ ruhig ist, hat das Hospiz eine ausgezeichnete Auslastung, besonders zu Ostern, um den österreichischen Nationalfeiertag herum und in den Semesterferien. Für die erste Februarwoche zum Beispiel ist bis 2016 kein Zimmer mehr frei.

Fotos: © Österreichisches Hospiz; © B. Werner

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