Mercedes Echerer: „Eine andere Klangmelodie zulassen“

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1923

Die Schauspielerin und Entertainerin spricht über ihre künstlerischen und gesellschaftspolitischen Anliegen mit Marta S. Halpert.

wina: Verdanken Sie Ihr vielseitiges künstlerisches Talent auch dem Umstand, dass Ihre Mutter Ungarin und Ihr Vater Österreicher sind?

Mercedes Echerer: Ich kann das nicht wissenschaftlich beantworten, aber allein das Faktum, dass man als Kind mehrere Sprachen hört und spricht, stimuliert den Geist anders. Vielleicht ist durch die Sprachen der Zugang zu anderen Kultur leichter und man bekommt automatisch ein reichhaltigeres Repertoire mit. Den Reichtum der Sprachenvielfalt für meine Arbeit als Lesende und Rezitatorin voll ausschöpfen zu können, verdanke ich sicherlich Otto Schenk: 1990 kam ich an das Theater in der Josefstadt, wir spielten zusammen in Amadeus, und zur selben Zeit probte ich gemeinsam mit einer illustren Schar an erfahrenen Kollegen für eine Matinee, eine Lesung zum Thema „Krieg & Frieden“. Ich war das „Kücken“ in diesem erlauchten Kreis und sollte u. a. einen Text von Grillparzer rezitieren; es muss furchtbar gewesen sein, denn mein Intendant, Regisseur und Kollege Schenk bestellte mich zu „Soloproben“ vor jeder Amadeus-Vorstellung, und das wochenlang. Ich habe zuerst nichts begriffen und dachte insgeheim, dem älteren Herrn ist vielleicht ein bissl langweilig… Aber er herrschte mich an: „Du hast zusätzlich eine Sprache in die Wiege gelegt bekommen, warum gibst du dich dieser anderen Klangmelodie, die in dir wohnt, nicht hin?“ Dann ist bei mir endlich der Groschen gefallen, und diese „Nachhilfestunden“ in den knapp drei Monaten haben mich geprägt.

„Es war egal, ob einer Jude oder Deutscher war, Ruthene oder Ukrainer: Sie haben ei-nander respektiert – da habe ich etwas vorgelebt bekommen.“

Sie sprechen Ungarisch und haben Ihre Verwandten in Siebenbürgen als Kind mehrfach besucht. War das ein Kulturschock im Vergleich zu Ihrem Geburtsort Linz?

❙ Meine Großmutter stammte aus Kolozsvár (Klausenburg) und ich war bis zu meinem 18. Lebensjahr zweimal im Jahr zu den Schulferien dort. Jeder konnte dort mindestens drei bis vier Sprachen, nicht immer in Schrift, aber zumindest in Wort: Rumänisch, Ungarisch, Deutsch – und wenn man schon nicht Jiddisch gesprochen hat, so hat man doch ein gewisses jiddisches Vokabular gehabt. Das war kein Kulturschock, das war eine Erfüllung für mich, denn ich habe das Gefühl einer Großfamilie erlebt, jeder Zweite in der Stadt war irgendwie verwandt mit uns. Meine Großmutter gehörte zum kleinen Landadel, und ich fand es großartig, wie sie miteinander umgegangen sind. Es war egal, ob einer Jude oder Deutscher war, Ruthene oder Ukrainer: Sie haben einander respektiert – da habe ich etwas vorgelebt bekommen.

Wie verschlägt es eine Familie von Kolozsvár nach Linz?

❙ Mein Großvater mütterlicherseits war Wiener, der nach dem Ersten Weltkrieg auf Arbeitssuche war und in Siebenbürgen landete. Dort hat er meine Großmutter kennen gelernt, und als die Russen im Zweiten Weltkrieg schon in Sicht waren, wurden sie ins „Reich“ geschafft. Nach dem Krieg fuhren meine Mutter und Großmutter noch einmal nach Siebenbürgen, um nach dem Besitz zu sehen. Aber alles war schon weg, das Haus, das Land – und man hat sie nicht mehr ausreisen lassen. Mit einem Trick haben es die beiden Frauen dann im Winter 1950/51 doch noch legal nach Österreich geschafft.

Am 1. Oktober treten Sie mit dem Programm „Wellentanz“ im Stadttheater Walfischgasse auf. In diesem Potpourri aus Liedern und Geschichten geht es um den Donaustrom und dessen Einfluss auf die Menschen und ihre Kultur in diesem Raum. Was hat Sie zu diesem Thema inspiriert?

❙ Ein Motiv fußt sicher auf dieser Kindheitserfahrung, dass wir in Linz an der Donau gewohnt haben und dass es so wichtig war, nicht aus Urfahr – auf der anderen Seite der Donau – zu sein. Die Geschichte der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg reichte noch weit in die 1980-Jahre: In Linz waren 1945 die „Amis“ gewesen, in Urfahr die Russen. Dass ein Fluss ein Land oft trennt oder es auch verbindet, hat mich sehr beschäftigt. Und ich habe als Kind sehr darunter gelitten, dass meine Freundinnen in Ungarn nicht die gleichen Märchen kannten wie ich. Ich wollte diese Geschichten mit ihnen teilen, denn ein Märchenbuch ist für mich eine Art Wertekatalog. Daher entstand 2012 das Buch Märchen, Mythen & Musik – Donau, das 40 Geschichten aus Regionen entlang der Donau, vereint: von der Quelle bis zur Mündung, vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Es gibt eine deutsch-rumänische und eine deutsch-slowakische Fassung – aber es fehlen noch eine deutsch-ungarische, eine deutsch-serbische und andere Versionen.

„Ich habe jetzt die große Freiheit, direkt zu den Menschen vorzudringen.“

War das Märchenbuch auch eine Vorarbeit für das „Wellentanz“-Programm?

❙ In gewisser Weise schon: Ich habe viel zu diesem Thema gelesen und zahlreiches Material gesammelt. Im November 2012 haben wir das Programm mit dem Austrian Acoustic Trio Folksmilch zum ersten Mal präsentiert, und wir mussten als Zugabe fast ein Drittel des Programms wiederholen. Wir waren selbst vom Erfolg überrascht, weil es an verschiedenen Orten, am Land und in der Stadt, gleichermaßen gut aufgenommen wurde. Wir sind seither noch mehr zusammengewachsen, und jetzt freue ich mich auf die Walfischgasse, weil das für mich ein ganz besonderes Haus ist.

Sie sind eine vielbeschäftigte Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin, Fernsehmoderatorin und vieles mehr. Trotzdem finden Sie noch Zeit für ein karitatives und soziales Engagement. Warum machen Sie das?

Wellentanz. Ein Programm aus Liedern und Geschichten über den Donaustrom.
Wellentanz mit Mercedes Echerer & Folksmilch
1. Oktober 2014 & 18. November 2014 Stadttheater Walfischgasse,
Walfischgasse 4, 1010 Wien
stadttheater.org
2. Oktober 2014
Schutzhaus zur Zukunft,
Verlängerte Guntherstraße,
1150 Wien
schutzhaus-zukunft.at

❙ Dabei sind zwei Dinge prägend: Ich war 17, als mein Vater starb, und unsere Wohnung in Linz war sehr groß, und so haben wir ständig Flüchtlinge bei uns aufgenommen. Da sind wir oft abends zusammengesessen und haben die Geschichten gehört von der Flucht, von den Repressalien oder von jungen Menschen in Gefängnissen. So war es selbstverständlich für mich, Veranstaltungen für Flüchtlinge oder NGOs zu moderieren. Mit der Zeit habe ich gemerkt, was für eine unglaubliche Verantwortung das ist, weil wir als KünstlerInnen auch eine Art Sprachrohr sein müssen – vor allem für jene, die nicht gehört werden. Als dann in so vielen Bereichen bei uns hier gekürzt wurde, gab es ständig irgendwo eine Benefizveranstaltung, das hat dann so überhandgenommen, dass ich mich einbremsen musste. Ich habe mich geschämt, habe mich ein Jahr lang gefragt, wie ich es machen soll: Mercedes, du kannst nicht die ganze Welt retten; dann habe ich mich schließlich auf zwei Anliegen fokussiert.

Welche sind das?

❙ Eines sind die Befreiungsfeierlichkeiten in Mauthausen und das andere, ein relativ junges Projekt, das mich gesellschaftspolitisch fasziniert hat, Respekt.net, eine Plattform zur Stärkung der Zivilgesellschaft. Ich dachte zunächst, viele Menschen werden von mir enttäuscht sein. Aber dem war nicht so, zum Beispiel hat mich das Maimonides-Elternheim angerufen, und ich habe gleich gefragt, was soll ich machen? Und dann hieß es, nein, nein, gar nichts, wir wollen sie nur einladen, weil sie so oft für uns da waren! Ich war zu Tränen gerührt.

Warum gerade Mauthausen?

❙ Mitzuerleben, wie viele Menschen aus aller Welt anreisen, um ihrer Toten zu gedenken und dieses NIE WIEDER zu manifestieren! Wenn ich die Italiener vom Eingangstor bis zum Appellplatz Bella Ciao! singen höre, den Urgroßvater mit seinem Urenkel auf dem Arm sehe, dann heule ich jedes Mal. Ich möchte diese Erfahrung niemals missen. Ich mache das seit 2005, und inzwischen begrüße ich fast alle Gäste in ihrer Muttersprache, denn die Überlebenden in ihrer Muttersprache am Appellplatz zu begrüßen, ist für mich eine Sache des unabdingbaren Respekts.

Es gibt mittlerweile jüdische und nichtjüdische Buben und Mädchen, die einander dort kennen gelernt haben und miteinander bei den Befreiungsfeierlichkeiten wunderbare Musik machen. Solche Begegnungen sind von unschätzbarem Wert für unsere Gesellschaft.

Sie waren von 1999 bis 2004 Abgeordnete der Grünen im Europaparlament und arbeiteten in wichtigen Ausschüssen mit, z. B. Recht und Binnenmarkt, Kultur, Jugend, Bildung, Medien etc. Wie sehen Sie diese politische Tätigkeit im Rückblick?

❙ Der Mut der Unwissenden hat mir gestattet, gewisse „Frechheiten“ zu begehen. Wenn ich mehr von der Institution gewusst hätte, hätte ich mich vieles nie getraut. Es wurde mir klar, wie wichtig es ist, Verbündete zu haben, denn ich war ein frei zirkulierendes Molekül: zwar auf der Liste der Grünen, aber parteilos, und als Künstlerin und Quereinsteigerin kann man nicht mit selbstverständlichen Mehrheiten rechnen. Daher muss man nicht nur die eigenen Argumente gut schärfen, man muss vor allem jene der Gegner kennen. Durch das Einbeziehen historischer Ereignisse, die eine Kultur geprägt haben, entwickelte ich immer mehr Bewusstsein für die unterschiedlichen Blickwinkel, so wurden aus vermeintlichen „Gegnern“ oftmals Verbündete. Die Vertretung der Menschen in der Kulturarbeit auf europäischer Ebene war und ist mir sehr wichtig. Über EU XXL Film bin ich noch immer stark mit Brüssel verbunden.

Fehlt Ihnen die Politik als Bühne für gesellschaftspolitische Anliegen? Ich höre große Begeisterung heraus, warum haben Sie nicht weitergemacht?

❙ Weil ich meinen Beruf als Schauspielerin liebe, weitere fünf Jahre hätten mich völlig aus der Bahn geworfen, schließlich verändert einen die Politik: In der Kunst muss man sich Zeit nehmen, darf auch versagen. In der Politik hingegen darf man nicht versagen. Und wenn man Jahre lang weg ist, wird man auch vergessen … Ein ganz entscheidender Punkt aber war meine Familie, ich war so viel unterwegs, dass ich meine Kinder fast nur noch von Fotos kannte. Dieser Preis war mir zu hoch. Mit meinen individuellen Theaterprojekten, Lesungen, Musik und Publikumsgesprächen kann man schon einiges bewegen: Ich habe jetzt die große Freiheit, direkt zu den Menschen vorzudringen.

ZUR PERSON:
Mercedes Echerer, geboren 1963 in Linz. Schauspiel-, Tanz- und Gesangsausbildung am Linzer Landestheater. Engagements  am Theater an der Wien, Wiener Volkstheater, Theater in der Josefstadt (1990–1998). Präsentation der ORF-Sendung Kunststücke 1991–1996. Von 1999 bis 2004 Abgeordnete im Europäischen Parlament für die Grünen. Sie ist Mutter von Zwillingen und lebt mit dem Autor, Lyriker, Schauspieler und Kabarettisten Rupert Henning in Niederösterreich.

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