Mit der goldenen Kette verbunden

In seiner Grotesk-Novelle Koiderwelsch blickt der jiddische Autor Berl Kotlerman zurück auf das Birobidschan seiner Kindheit und die jiddische Literaturszene.

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Jiddisch. Für den einen ist es „Mameloschn“, also die Sprache der Kindheit, für den anderen ein Studiengebiet. Berl Kotlerman ist damit aufgewachsen, in Birobidschan weit im Fernen Osten der ehemaligen Sowjetunion. Thomas Soxberger, aus Waidhofen in Niederösterreich, hat es in seiner Jugend für sich entdeckt und studiert. Befreundet sind die beiden seit Langem, und Soxberger ist inzwischen Kotlermans kongenialer Übersetzer. So auch (gemeinsam mit Andrea Fiedermutz) für den Band Koiderwelsch, in dem der Erzähler zurückblendet auf mehrere Vergangenheiten.

Wer das „Leyvick-Haus“ in der stillen Dov Hoz im Zentrum von Tel Aviv aufsucht, betritt noch heute eine andere Welt. Rundherum ist Israel, grell, hell und geschäftig, im abgedunkelten Innenraum mit dem Geruch vergilbter Bücher ist Altneuland, wie Herzl seine zionistische Utopie und wie ein kleiner Kreis alter Männer das Land noch immer nannte, als Kotlerman Anfang der 1990er-Jahre in dieser hermetischen Insel der jiddischen Literatur auf das „Koiderwelsch“ seiner Kindheit stieß.

Mit dem deutschen „Kauderwelsch“ hat dieses Idiom, das Berls Großvater mit seinen Freunden beim Fischen am Fluss Amur nahe der chinesischen Grenze sprach, so gut wie nichts zu tun. Birobidschan ist jene „jüdische Autonome Oblast“, in der die frühe Sowjetunion Juden ansiedelte und wo mitten im Kommunismus eine Art jiddischer Mikrokosmos entstand, in dem die Religion aber kaum eine Rolle spielte.

„Purimspiel“. Wie ein roter Faden oder besser eine goldene Kette zieht sich das Jiddische durch die unterschiedlichen Schauplätze der „Grotesk-Novelle“.

In „Bire-Bidschan“, wie sie es nennen, diskutieren an einem Herbstabend 1946 drei sowjetisch- jiddische Schriftsteller leidenschaftlich über die Träume und Hoffnungen der Pioniere auf eine sichere Heimstatt, deren dunkle Zukunft unter Stalins Wüten sich bereits ankündigt.

„Jiddish is a way of life.“

Im „Altneuland“ 1996 begegnet der Ich-Erzähler im kafkaesken Schriftsteller- Haus in Tel Aviv einem seltsamen Panoptikum alter Männer und einer Greisin, allesamt skurrile Originale und selbsternannte Vertreter einer großen Kultur, „welche mit einer goldenen Kette vergangene und künftige Generationen verbindet“.

Mit einem „goldenen Kettchen“, ein zentrales Motiv der jiddischen Kultur, wie Soxberger im Nachwort erklärt, sind da auch alle Bücher aneinander gekettet, von denen einige auf geheimnisvollste Weise Fragmente aus der lang zurückreichenden Familiengeschichte des Erzählers enthüllen. Es sind Szenen voll grausamer Gewalt und Willkür, von Pogromen und mordenden Kosaken, die in das karge Leben gottgläubiger Menschen einfallen.

Eigentlich aber, so Soxberger, sei Koiderwelsch in der Tradition des literarischen Purimspiels zu sehen, mit einem verspotteten „Homin“, also Haman, und „Hans Worscht“, also einer Hanswurst-Figur. In tragikomischen, teils absurd anmutenden Satiren entlarvt demgemäß Berl Kotlerman liebevoll die Schwächen seines Figurenpanoramas.

Anspielungs- und beziehungsreich erscheint diese Renaissance jiddischer Erzähltraditionen jedenfalls, sehr viel davon wird sich nur Kundigeren erschließen, Einblicke in eine fremde, vielleicht exotische Welt werden andere betrachten können.

Birobidschan ist trotz einer verschwindend kleinen jüdischen Gemeinde übrigens immer noch der einzige Ort mit Jiddisch als Amtssprache. Für Kotlerman ist diese Sprache, deren Zauber er offenbar verfallen ist und deren Wiederbelebung er sich auch akademisch widmet, ohnehin viel mehr: „Jiddish is a way of life.“

Apropos Renaissance: Bereits 2023 ließ der in Haifa geborene Tomer Dotan-Dreyfuß „Birobidschan“ in seinem gleichnamigen Roman wieder aufleben.

Und für das Frühjahr 2027 hat das Schauspielhaus Wien unter dem Titel Luftmenschen oder: Next Year in Sibiria ein in dieser Enklave angesiedeltes Stück der Autorin Eve Leigh angekündigt.

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