Mit Herz und dem richtigen Spirit

Mit ihrer Initiative Artists for Austria will die Wiener Sängerin und Schauspielerin Tania Golden dem fortschreitenden Rechtsruck entgegenwirken. Ihr Credo: „Wir wollen die Welt so gestalten, wie wir sie uns erträumen.“

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2014
Künstlerische Kämpferin für Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit: Tania Golden,hier mit Kollegin Shlomit Butbul. © Starpix / picturedesk.com

Alles begann im Sommer 2015, als das Flüchtlingslager in Traiskirchen aus allen Nähten platzte, Menschen im Freien campieren mussten und andere Kleidung, Nahrungsmittel, To­i­let­ten­ar­ti­kel in ihre Autos packten und zu den Neuankömmlingen nach Niederösterreich brachten. „Ich habe mir in diesem Sommer gedacht: Wieso hört man nichts von den Künstlern?“ Golden hatte gerade ein Engagement in der Musicalproduktion Mary Poppins im Ronacher. Ihr schwebte ein Benefizkonzert in großem Stil vor, das nicht dem Zweck dienen sollte, Spenden zu sammeln, sondern zu informieren. „Viele Leute wollten helfen, wussten aber nicht wie. Gleichzeitig gab es die verschiedensten Initiativen. Mir ging es darum, hier eine Plattform zu schaffen.“
Bei den Vereinigten Bühnen Wien wurde ihr Konzept positiv aufgenommen. Bevor es zur Realisierung kam, hatten andere offenbar aber eine ähnliche Idee gehabt: Voices for Refugees sprachen am Heldenplatz Tausende an. Golden dachte kurzerhand um. Sie produzierte mit der Infrastruktur der Vereinigten Bühnen, den Zeitspenden von Künstlern und Künstlerinnen und privaten Mitteln ein Video. „Das wurde dann vor dem Auftritt der Toten Hosen gezeigt.“ Für Golden „ein Riesenerfolgserlebnis“. „Ich hab mir gedacht, schau – wenn man will, geht es ja.“
Artists for Austria war geboren. Golden hat hier ein Team von Künstlerinnen um sich versammelt, die jederzeit bereit stehen, um künstlerische Interventionen durchzuführen, welche den Menschen Werte wie Solidarität vermitteln: Vanessa Payer, Shlomit Butbul, Natalie Ananda Assmann und Maxi Blaha. Artists for Austria – von Golden meist kurz AFA genannt – soll aber noch viel mehr sein: Vernetzung, um auf breiter Ebene künstlerische Projekte ins Leben zu rufen, „die in einem ganz bestimmten Klima und Geist gemacht werden“. Aber auch: ein Gütesiegel, das an Produktionen vergeben wird, die dem AFA-Spirit entsprechen. Und: Koproduktionspartner von solchen Produktionen sein. Als Beispiel nennt Golden das Erich-Fried-Programm Es ist was es ist mit Shlomit Butbul im Odeon, bei dem Golden Regie führte.

Was kann man sich unter diesem AFA-Spirit vorstellen? „Das sind in Wirklichkeit die Revolutionswerte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – oder nennen wir es lieber Geschwisterlichkeit.“ Aber auch die Ideale von 1968 sind für sie nach wie vor anzustreben. „Die Ideale von 1968 sind vielleicht gescheitert – aber sie sind immer noch Ideale.“ Man könne auch plakativ sagen: „Die Guten müssen sich zusammentun gegen die Bösen.“ Was Golden Sorgen macht, ist, dass heute so viele Menschen von Ängsten getrieben sind. Und Politik diese Ängste noch anheize.

„Wir müssen dieses Wir-Gefühl einfach wieder erreichen. Das ist ein bisschen verlorengegangen.“ Dazu gehöre auch eine Diskussionskultur. Davon gebe es zu wenig. „Das ist das Jüdische an mir, das klären wollen. Klären heißt eigentlich diskutieren.“ Sie sehe sich zwar als Revoluzzerin, betont Golden, die aktuell an der Volksoper als „Mama Rose“ in Gypsy zu sehen ist. „Ich bin aber gegen gewaltsame Revolutionen und für Herzensrevolutionen.“ Ein Beispiel für eine Herzensrevolution? Das bedingungslose Grundeinkommen. Für dieses spricht sich Golden ohne wenn und aber aus. Und wünscht sich insgesamt von der Politik, mutigere Entscheidungen zu treffen und weniger zaghaft zu sein, wenn es darum geht, Diskriminierung und Ausgrenzung entgegenzuwirken und Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu befördern.

„Wir müssen dieses Wir-Gefühl einfach wieder erreichen. Das ist ein bisschen verlorengegangen.“
Tania Golden

Artists for Austria sei eine wichtige Ini­tiative, „weil die Dinge noch lange nicht so sind, wie sie sein müssten und wo sie hin müssten“, sagt Golden. „Man muss die Menschen informieren, wahrheitsgetreu und ohne Aluhut, aber die Fakten dabei so aufbereiten, dass jeder Hackler sie versteht. So ist die Arbeiterbewegung entstanden – so sind wir stark.“ Was es also brauche: „Bildung, Bildung, Bildung, Bildung. Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.“ Kostenlos und schnell zugänglich.
So mancher spreche davon, Österreich zu verlassen, wenn der Rechtsruck weiter anhalte. Wann ist jedoch der richtige Zeitpunkt zu gehen? „Eine sehr gute Frage“, meint Golden. „Ich kann sie für mich nicht wirklich beantworten. Noch will ich aber nicht gehen, ich sehe keinen Grund dafür. Wir dürfen uns nicht von Angst beraten lassen.“ Insgesamt dürfe die Angst vor Veränderung nicht dominieren. Erzählen könnte hier entgegenwirken, ist sie überzeugt. Erzählen ist eine Form von Kunst. Also etwas, das AFA gut leisten kann und leisten will. Für eine bessere Zukunft.
artistsforaustria.org

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