Mit Kippa und Uniform

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1847

Obwohl immer noch viele Juden in Deutschland Vorbehalte gegenüber dem Dienst an der Waffe hegen, arbeiten heute bereits rund 250 jüdische Soldaten für die Bundeswehr. Tendenz steigend. Von Manja Altenburg 

Als 1966 Michael Fürst aus Hannover, heutiger Landesvorsitzender der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, seinen Dienst bei der Bundeswehr antritt, ist er damit der erste jüdische Soldat nach der Schoa in Deutschland. Das tut er aus freien Stücken, denn bis in die dritte Generation sind Nachkommen von Verfolgten des Nazi-Regimes freigestellt. „Ich bin dann auch mit Uniform zum G-ttesdienst gegangen, da kamen schon Bemerkungen über den Verrückten in Hannover, der zur Bundeswehr geht“, erzählt Fürst. Ein Dienst an der Waffe für das Nachfolgeheer der Wehrmacht liegt damals für die allermeisten Juden, ob jung oder alt, jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Bis heute hegen so manche jüdische Familien Vorbehalte gegen die Bundeswehr, erzählt Gideon Römer-Hillebrecht, Oberst im Generalstab der Bundeswehr und stellvertretender Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten (RjF) e.V. Das war allerdings vor der Schoa anders. Als 1914 Kaiser Wilhelm II. Soldaten der Reichswehr an die Front ruft, ist der Jubel auch unter deutschen Juden groß. Damals dachten die meisten Juden, dass sie jetzt endlich beweisen können, „dass wir mit den Deutschen zusammen eine Front sind, und nachher werden sie uns lieben“, erklärt Römer-Hillebrecht. Im preußischen Staat hat das Militär eine herausragende gesellschaftliche Stellung. Juden bietet er darum keinen Zugang zu den höheren militärischen Rängen. Nur zum Christentum Konvertierte werden befördert.

Ein Dienst an der Waffe für das Nachfolgeheer der Wehrmacht lag für die allermeisten Juden jenseits jeglicher Vorstellungskraft.

Von 30.000 jüdischen Freiwilligen, die zwischen 1880 und 1910 im preußischen Heer dienen, wird kein einziger Reserveoffizier. Das ändert sich mit der Erklärung des Kaisers im Jahr 1914, dass er weder Parteien noch Konfessionen kenne, sondern nur noch Deutsche. Nun können jüdische Soldaten in die oberen Offiziersränge vorstoßen.

Erst ausgezeichnet, dann ermordet
„Juden bei der Luftwaffe.“ Der Schild war die verbandseigene Zeitung.
„Juden bei der Luftwaffe.“ Der Schild war die verbandseigene Zeitung.

Aus Deutschland nehmen rund 100.000 jüdische Soldaten am Ersten Weltkrieg teil. Der jüngste Freiwillige ist 14 Jahre alt. Feldrabbiner ziehen in den Krieg. Wie der Rabbiner Martin Salomonski, der 1917 das Eiserne Kreuz erhielt und 1944 in Auschwitz ermordet wird. Mit der Dolchstoßlegende, die behauptet, das „internationale Judentum“ sei dem deutschen Heer in den Rücken gefallen, ändert sich die Lage abrupt. Jüdische Soldaten sind wieder an den Rand gedrängt. Darum gründen sie 1919 den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF). „Nach dem Kriege bildeten sich ja Kriegervereine oder Veteranenvereine, und diese Vereine haben vielfach keine Juden aufgenommen, und auch das war ein Grund, mit dem RjF eine Organisation zu schaffen, in der die jüdischen Soldaten sich organisieren konnten“, berichtet Oberstleutnant Rainer Hoffmann, Mitglied im heutigen RjF e.V. Der damalige Rjf in der Weimarer Republik bezieht klar assimilatorische und antizionistische Position, so steht in seinem Programm: „Der RjF sieht die Grundlage seiner Arbeit in einem restlosen Bekenntnis zur deutschen Heimat. Er hat kein Ziel und kein Streben außerhalb dieser deutschen Heimat und wendet sich aufs Schärfste gegen jede Bestrebung, die uns deutsche Juden zu dieser deutschen Heimat in eine Fremdstellung bringen will.“

Schnell zählt der Verband mehr als 30.000 Mitglieder, zeitweise sogar 55.000, und ist damit die mitgliederstärkste jüdische Organisation der Weimarer Republik. Angeschlossen sind ihm der jüdische Sportbund Schild, eine Kriegsopferabteilung sowie ein Siedlungswerk. Zwischen 1921 und 1938 erscheint seine Verbandszeitung Der Schild. Gründer des RjF ist Leo Löwenstein, der 1917 das Eiserne Kreuz erster Klasse erhält. Bis zum Schluss bleibt Löwenstein eingefleischter Patriot, was ihn, wie viele andere jüdische „Vaterlandstreue“ nicht vor der Deportation schützt. Löwenstein und seine Frau überleben Theresienstadt und wandern später nach Schweden aus. Die Bundeswehr hat ihn nicht vergessen. Ihm zu Ehren wurde im Jänner 2014 in Aachen eine Kaserne nach ihm benannt.

250 jüdische Soldaten in der Bundeswehr

Heute zählt die deutsche Armee rund 250 jüdische Soldaten. 2006 gründen jüdische Bundeswehrsoldaten in Gerolstein/Eifel den Bund jüdischer Soldaten (RjF) e.V. Er folgt nur bedingt der Traditionslinie des RjF: Er lehnt Antizionismus und Assimilation ab. Neben der Aufgabe „der Bewahrung des Andenkens an die jüdischen Soldaten, die in den Armeen der deutschen Staaten, der Armee des Kaiserreiches und der Weimarer Republik dienten, die in den Kriegen des 19. Jahrhunderts und vor allem im Ersten Weltkrieg für Deutschland kämpften und ihr Leben ließen“, ist der Bund jüdischer Soldaten auch Interessenvertretung jüdischer Bundeswehrsoldaten. Antisemitische Bestrebungen innerhalb und außerhalb der Streitkräfte erstrebt er abzuwehren durch Bildungsprojekte, Forschungsvorhaben und Gedenkveranstaltungen. Die Ergebnisse erscheinen in der Vereinszeitung, die den Namen der ehemaligen Verbandzeitung trägt: Der Schild. Zudem ehrt der Verein mit der Verleihung der Bernhard-Weiß-Medaille Verdienste um den Kampf gegen Antisemitismus.

Der RjF mit 12 Gründungsmitgliedern, u. a. Michael Berger (Vorsitzender), Gideon Römer-Hillebrecht (Stellvertreter), Rainer Rouven Hoffmann (Geschäftsführer) und Michael Fürst als Ehrenvorsitzendem, prognostiziert, dass zukünftig immer mehr Juden die Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber sehen werden. Denn, so berichtet Römer-Hillebrecht: „Innerhalb der letzten Jahre gibt es eine Zunahme an jüdischen Soldaten. Jetzt haben wir eine Generation, die vor allem aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommt, und die kommen oft als Sieger, das heißt, sie sind die Nachfahren der siegreichen Roten Armee, das ist ein ganz anderes Selbstverständnis.“ ◗

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