Mit Leib und Seele

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Claudia Kotnik-Weiss arbeitet als Allgemeinmedizinerin an einem der sozialen Brennpunkte Wiens: in der Rennbahnwegsiedlung.

Von Alexia Weiss   

Eine Ordination zu haben in der Donaustadt: Das ist nicht einfach passiert, das ist genau das, was Claudia Kotnik-Weiss sich gewünscht hat. Hier ist sie aufgewachsen, „in Neu Kagran, bei der Erzherzog-Karl-Straße“, hier hat sie im SMZ Ost ihren Turnus absolviert, hier wohnt sie auch heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn. „Ich lebe gerne im Zweiundzwanzigsten.“

„Und wenn sie einen Antrag ans Finanzamt stellen, kommen sie auch mit ihren Zetteln zur mir.“

Dass sie Medizin studieren will, wusste sie schon als Schülerin – Kotnik-Weiss hat wie viele andere jüdische Kinder zu dieser Zeit das Lycée Français de Vienne besucht. Ihre Familie väterlicherseits hatte sich vor den Nazis nach Frankreich retten können und dort überlebt. Der Bezug zu Frankreich, nicht zuletzt durch die Schulwahl für die Tochter, blieb ihrem Vater stets wichtig.

Das Studium hat Kotnik-Weiss in Mindestzeit absolviert. Auf den Turnus musste sie dann allerdings, wie in den 1990er-Jahren an der Tagesordnung, einige Jahre warten. Die Zeit hat sie allerdings gut genutzt: In der Krankenanstalt Rudolfsstiftung betreute sie im Rahmen einer onkologischen Studie Patienten.

Danach war erneut Warten angesagt: „Es hat fast sechs Jahre gedauert, bis ich den Kassenvertrag bekam.“ Auch davon hat sich die Medizinerin nicht aufhalten lassen. „Ich habe zum Vertreten begonnen.“ Das hat sich im Nachhinein als hilfreich erwiesen, als sie vor zehn Jahren ihre jetzige Ordination in der Rennbahnwegsiedlung von einem Kollegen übernahm, der nach Salzburg übersiedelt war. „Durch das Vertreten habe ich das Kassensystem schon gekannt.“

Verwundert waren allerdings einige Patienten, als statt ihrem bekannten Arzt plötzlich eine Dame dasaß. Prob-leme habe es dadurch aber keine gegeben. Probleme hat sie bis heute nicht und das, obwohl sie um die schwierige Situation vieler ihrer Patienten durchaus Bescheid weiß.

Zeit für Patienten nehmen

Die Ärztin betreut rund 1.500 Patienten pro Quartal – manche kommen in diesen drei Monaten einmal, manche 20 Mal. Im Winter, wenn die Schnupfen- und Grippezeit ihren Höhepunkt erreicht, suchen sie schon auch einmal bis zu 130 Patienten an einem Tag auf. Dann kann die Wartezeit bis zu eineinhalb Stunden betragen, denn Kotnik-Weiss versucht, sich auch an hektischen Tagen Zeit für ihre Patienten zu nehmen.
Rund 30 Prozent der Männer, Frauen, Familien, die zu ihr kommen, haben Migrationshintergrund. „Ich habe sehr viele türkische Patienten, andere kommen aus Serbien, Kroatien, Bosnien.“ Auch wenn die meisten von ihnen bereits die österreichische Staatsbürgerschaft haben, sprechen manche immer noch schlecht oder kein Deutsch. „Vieles ist so, wie es auch Klischee ist. Zum Beispiel diese Situation: Der Mann spricht fließend Deutsch, seine Frau kein Wort.“ In diesen Fällen handelt es sich zumeist um türkische Paare.

Eine ihrer drei Sprechstundenhilfen kann in solchen Fällen weiterhelfen. „Meistens kommen diese Frauen aber mit ihrem Mann oder einem Kind, und die Kinder sind hier geboren, sprechen perfekt Deutsch und übersetzen“, erzählt die Ärztin. Das brauche aber mehr Zeit, als wenn sie direkt mit der Betroffenen kommunizieren könnte.

Auch ein anderes Klischee bestätigt sie: In türkischen Familien kommt Diabetes 2 besonders oft vor. „Sie ernähren sich wirklich anders.“ Broschüren zum Thema hat sie inzwischen in mehreren Sprachen aufgelegt. „Die betroffenen Familien verstehen oft nicht, wo die Wichtigkeit ist. Der Patient hat Kreuzschmerzen. Das tut ihm weh, und das will er behandelt haben. Aber der Blutzucker, der hoch ist, der tut eben nicht weh. Hier kommt es sehr wohl auf den Bildungshintergrund an.“

Dass es sich bei der Rennbahnwegsiedlung um einen sozialen Brennpunkt handelt, sieht Kotnik-Weiss Tag für Tag. Einerseits betreut sie Drogenkranke im Rahmen eines Substitutionsprogramms. Andererseits ist die Arbeitslosigkeit in ihrem Einzugsgebiet hoch. „Im Moment, das ist mein Eindruck, ist es generell schlechter mit der Arbeitssituation. Gerade bei Frauen sieht man, dass sie rasch gekündigt werden, sobald sie in den Krankenstand gehen und länger bleiben. Ich spreche hier von Arbeiterinnen, oft am Fließband, oder Reinigungskräften.“

Bedrohliche Momente hat sie in ihrer Ordination dennoch noch nie erlebt, betont die Ärztin. Ganz im Gegenteil. Kotnik-Weiss liebt ihre Arbeit, ihre Patienten. Für diese ist sie oft viel mehr als nur eine Ärztin: Sie erklärt Befunde, wenn dem Facharzt dafür die Zeit fehlte, übersetzt Behördendeutsch in eine Sprache, welche die Männer und Frauen, die sich hilfesuchend an sie wenden, auch verstehen. „Sie kommen zum Beispiel mit Anträgen an die Pensionsversicherung zu mir. Sie sind keine Analphabeten, aber verstehen dennoch nicht, was da drinnen steht. Und wenn sie einen Antrag an das Finanzamt stellen, kommen sie auch mit ihren Zetteln zur mir. Ich bin nicht nur Ärztin, sondern auch eine Vertrauensperson.“

„Mein eigener Herr“

Auch deshalb nehmen ihre Patienten auch etwas längere Wartezeiten in Kauf. „Sie wissen, wenn sie dann bei mir drinnen sind, nehme ich mir Zeit für sie. Deshalb sitze ich auch oft sehr viel länger da, als es meine offiziellen Ordinationszeiten vermitteln. Aber entweder mache ich es so oder ich mache es gar nicht.“

Kotnik-Weiss wirkt sehr ruhig, besonnen, eins mit sich. Das sieht sie auch durchaus selbst so: „Wenn ich mich um meine Patienten kümmere, bin ich sehr zufrieden. Es macht mir Spaß. Und ich bin sehr froh, dass ich hier ‚mein eigener Herr‘ bin und nicht im Spital arbeite.“

Dennoch gebe es auch Schattenseiten. Der bürokratische Aufwand werde immer größer, die Kassen säßen den Ärzten immer mehr im Nacken. Zuletzt sorgten neue Hygienevorschriften für zusätzliche Belastungen, und ELGA, die elektronische Patientenakte wirft ihre Schatten voraus. „Die Ärzteschaft ist dagegen, weil der Datenschutz noch nicht gesichert ist. Die Frage ist aber auch: Wenn alle Befunde, Röntgen, verschriebene Medikamente gespeichert sind, müssen wir das alles wahrnehmen? Und wie haften wir, wenn wir nicht alles berücksichtigt haben?“

ELGA sei für die Mediziner sicher ein Mehraufwand. Wobei die Ärztin, die in ihrer Praxis ein reges Interesse für jene Broschüren ortet, die über ein mögliches Opting out aus ELGA informieren, durchaus auch Vorteile eines solchen Systems sieht: „Bei den Medikamenten kommt es derzeit immer wieder zu Doppelverschreibungen. Ein Patient bekommt zum Beispiel von mir ein generisches blutzuckersenkendes Präparat und bei einem Spitalsauenthalt wird ihm ein Originalpräparat verschrieben. Und dann kommt er aus dem Spital und nimmt beide Medikamente, weil er nicht weiß, dass es dasselbe ist.“

Dass mit der Einführung der e-card, welche ein direktes Aufsuchen eines Facharztes ermöglicht, der Hausarzt weniger frequentiert wird, sieht Kotnik-Weiss nicht. „Erstens blockiert ja das System nach drei Facharztbesuchen. Außerdem gibt es inzwischen lange Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt. Und da kommen die Menschen eben doch zum Allgemeinmediziner, und zwar mit allem: mit Herz-Kreislauf-Beschwerden, einem Hautausschlag, einer Verkühlung. Unlängst hat mich sogar eine Dame aufgesucht, die gesagt hat, ihr tue das Kiefergelenk weh. Da habe ich sie dann doch weiterüberwiesen“, erzählt die Ärztin und schmunzelt. ◗

© Ron Malaev

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