Mit zwanzig am Dirigentenpult

Mit zehn Jahren wusste Natan Sugár, dass er nur eines werden wollte, nämlich Dirigent; mit 19 unterschrieb er bereits einen Vertrag bei einer der renommiertesten Künstleragenturen.

665
Natan Sugár ist mit 20 so selbstbewusst und zielsicher wie mit zehn. Lächelnd, dabei konsequent setzt er eine Karriere fort, die nicht besser hätte beginnen können. © Reinhard Engel

Mit 20 Jahren bereits Assistent von Petr Popelka, Chefdirigent der Wiener Symphoniker, zu sein, ist ein beachtlicher Erfolg. Du* bist aber auch in eine hochmusikalische Familie hineingeboren: Deine Mutter, Orsolya Korcsolán, ist Violinkünstlerin, dein Vater als Hornist schon viele Jahre im Ensemble der Wiener Symphoniker. Was ist deine erste persönliche musikalische Erinnerung, abgesehen davon, was du im Bauch deiner Mutter noch unwissentlich gehört hast?

Natan Sugár: Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Als meine Mutter im letzten Monat mit mir schwanger war, spielte sie im Malaysian Philharmonic Orchestra Geige, und am Programm stand Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps. Sie erzählt, dass ich während einer Orchesterprobe wie ein Verrückter in ihrem Bauch getrampelt habe. Anscheinend haben mir die Geräusche und all diese musikalischen Kräfte, die ich da gehört habe, sehr gut gefallen. Diese Probe war an einem Aprilabend – am Morgen darauf bin ich als Frühgeburt in Kuala Lumpur zur Welt gekommen.

Hat dich das Üben deiner Eltern als Kind gestört?

I Nein, im Gegenteil. Meine Mutter hat viele Musikstücke an ihrer Violine geübt, und ich kann mich erinnern, dass ich da immer sehr gute Nickerchen gemacht habe, weil ich beruhigt war, dass sie da ist. Als Sechsjähriger war ich ein großer Star Wars-Fan, und mein Vater hat mir auf dem Horn Melodien von John Williams** vorgespielt. Ich hatte großen Spaß daran, dass meine Eltern Musiker sind.

Wann war für dich klar, dass du auch Musiker werden willst?

I Es gibt ein Video, auf dem ich mit knapp drei Jahren schon dirigiere. Angeblich habe ich meine Eltern gezwungen, Beethovens Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67, die Schicksalssinfonie, aufzulegen, dann habe ich einen Holzschlägel genommen, den man für die Kinderpauke benutzt und die Musik heruntergespielt. Der Gedanke war also vielleicht schon immer da, aber so etwa mit zehn wusste ich, dass ich Dirigent werde. Und das habe ich bis heute mit eisernem Willen durchgezogen.

Bereits vor einem Jahr, also mit 19 und nur zwei Semestern Studium, bist du von Intermusica!, einer der weltbesten Classical Music Agencies, angeworben worden. Du hast bei einer Agentur unterschrieben, die auch Geiger- und Dirigentengrößen wie Lahav Shani, Sir John Eliot Gardiner, Petr Popelka und Renaud Capuçon unter Vertrag hat. Wie kam es dazu?

I Das Intermusica Mentoring Program unterstützt Nachwuchstalente beim Aufbau einer globalen Karriere, indem sie von erfahrenen Managern in wichtigen Bereichen beraten werden. Die internationale Künstleragentur begleitet mich, wenn ich nicht mehr studiere, sondern nur noch dirigiere. So kamen sofort einige Engagements auf mich zu: Ich darf beim Münchner Rundfunkorchester eine Woche lang dirigieren; an der Staatsoper Budapest leite ich einige Vorstellungen, und nächstes Jahr leite ich das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit einem Edvard-Grieg- und Felix-Mendelssohn-Programm.

Wie verlief deine schulische Ausbildung?

I Zuerst ging ich in die Stubenbastei, anschließend ins Akademische Gymnasium. In der fünften Klasse wechselte ich in das Musikgymnasium in der Neustiftgasse, weil ich entschieden hatte, mich ganz der Musik zu widmen. Dort musste ich keine Aufnahmsprüfung machen, weil ich bereits mit 13 Jahren an der mdw, der Universität für Musik und darstellende Kunst, in einer Klasse für Hochbegabte Unterricht erhalten habe.

„Etwa mit zehn wusste ich,
dass ich Dirigent werde.
Und das habe ich bis heute
mit eisernem Willen
durchgezogen.“

Als erstes Instrument hast du das Violoncello gewählt, dann folgte der Kontrabass und später das Klavier. Außer Dirigaten findet man auch Solo-Klavierkonzerte, die du laufend gibst. Möchtest du wie viele bedeutende Künstler am Konzertflügel sitzen und spielen und gleichzeitig das Orchester leiten?

I Ja. Mein großer Wunsch ist es, gleichzeitig zu dirigieren und Klavier zu spielen. Das Violoncello habe ich als kleiner Bub schon gespielt. Meine Eltern meinten aber, wenn ich wirklich Dirigent werden wolle, müsste ich sehr gut klavierspielen können, weil die Aufnahmsprüfung sehr schwer sei. Das Klavierspiel hat mir sehr gut gefallen, aber dann erlebte ich einen schicksalhaften Moment: Etwa mit zwölf habe ich Lahav Shani, den Chefdirigenten der Münchener Philharmoniker und Musikdirektor des IPO – Israel Philharmonic Orchestra, als Pianist und Dirigent persönlich kennengelernt, weil mein Vater mit ihm bei den Wiener Symphonikern gespielt hat. Da bin ich zu allen Vorstellungen und Proben gegangen und habe erfahren, dass er auch Kontrabassist ist. Ich wollte wissen, warum er dieses Instrument spielt. Da sagte er: „Damit ich auch als Teil des Orchesters Erfahrung sammle und von einer hinteren Position alles im Blick habe.“ Ich durfte schon öfter als Kontrabassist und Pianist in verschiedenen Jugendorchestern spielen; und beim nächsten Dirigat in Budapest darf ich auch ein Stück vom Cembalo aus leiten.

Du hast schon unter dem Motto „Alles Jugend“ das MGW Festival Orchestra dirigiert?

I Ja, das von mir gemeinsam mit meinen Freunden am Wiener Musikgymnasium gegründete MGW Festival Orchestra durfte ich bei seinem Debüt dirigieren: Mit der Jeunesse und Mitgliedern der Wiener Symphoniker haben wir im Mai 2026 Dvořáks Symphonie Nr. 9 sowie die Uraufführung der Komposition Fractures von Adam Smetana gespielt. Es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, wenn man sich in die Musik so hineinbeißen kann, alle Stimmen kennenlernen darf und eine gewisse Verantwortung mit einer großen Gruppe von Musikerinnen und Kollegen tragen darf. Das empfinde ich als meine Berufung, nicht den Tennis-Court oder den Anwalt.

Dass deine Eltern selbst in der Branche tätig sind, machte es das schwieriger oder leichter für dich?

I Keine Frage: Das ist natürlich ein Segen. Aber es werden auch andere Erwartungen an mich gestellt. Unter einem gewissen Niveau darf man nichts machen.

Meinst du damit auch einen gewissen Druck?

I Nein, ich würde eher sagen, es ist ein ehrenvoller Anspruch. Denn es ist sehr schön, immer jemanden zu haben, der einen auf dem Lebensweg unterstützt, aber es ist genauso schwierig, wenn echte Kritik geäußert wird. Damit muss man als Musikerkind aber umgehen können.

Mit deiner Mutter an der Violine bist du schon mehrmals öffentlich als Pianist aufgetreten. Und du hast auch schon deinen Vater, Gergely Sugár, der im Orchester das Horn spielt, dirigiert.

I Erst Ende Mai dirigierte ich das Pannon Filharmonikus mit meiner Mutter als Solistin mit Kurt Weills Violinkonzert mit Blasmusik op. 12 in Pécs, einer historischen Stadt im Süden Ungarns, nahe der kroatischen Grenze. Neben Musik von Weill spielten wir Le boeuf sur le toit (Der Ochse auf dem Dach), die surrealistische Ballettmusik des jüdischen Franzosen Darius Milhaud. Aus Anlass des 200-Jahr-Jubiläums von Anton Bruckner 2024 durfte ich auch die Hornisten der Wiener Symphoniker im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, später dann auch bei den Bregenzer Festspielen dirigieren – ich hatte dabei das Gefühl, dass mein Vater nervöser war als ich.

Du bist sehr jung, musst jedoch sehr viel üben: Wie sieht dein Privatleben aus?

I Das ist eine gute Frage, die stelle ich mir auch. Ich versuche, einige Stunden pro Tag nichts zu tun, schaffe das aber nicht immer; mit dem Üben bin ich braver als mit dem Nichtstun. Ein voller Tag in Wien beginnt mit der Universität, danach studiere ich eine Partitur, und wenn ich am Abend assistieren darf, ist das eine große Freude.

Was sind deine allernächsten Pläne?

I Ende November habe ich die Ehre, mein erstes großes Abo-Konzert an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest mit dem MÁV Symphony Orchestra zu dirigieren. Wir spielen Tschaikowskys 5. Sinfonie in e-Moll, eines der emotionalsten und beliebtesten Werke der Spätromantik. Noch im Sommer dirigiere ich das gleiche Orchester im Festetics- Palast in Budapest, da spielt Orsolya Korcsolán u. a. Mozart und Haydns Violinkonzert Nr. 1 in GDur. Für die Ungarische Staatsoper bereite ich zudem Mozarts Jugendoper Bastien und Bastienne vor.

Unter anderen großen Musikern zählst du deinen Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zu deinen Vorbildern. Das ist niemand Geringerer als Andrés Orozco-Estrada***, einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit. Aber was genau macht man als Assistent des Chefdirigenten der Wiener Symphoniker?

I Es ist üblich, dass der Chefdirigent einen Assistenten hat – und ich bin der Glückliche. Wenn Maestro Popelka etwa zwei Wochen im Monat in Wien bei seinem Orchester ist, ist man bei allen Proben dabei, sitzt im hinteren Bereich und ist sein Ohr und sein Auge. Denn nach der Probe fragt er, ob man die Stimmen gut gehört hat, ob eine der Musikerinnen oder ein Musiker herausgestochen hat und vieles mehr. Auch bei bürokratischen Aufgaben entlaste ich ihn, und ansonsten verbreite ich einfach gute Laune!

 


* Das-Du-Wort verwende ich nach Absprache mit Natan Sugár, weil ich ihn seit seiner Bar Mizwa kenne.

** John Williams ist der legendäre US-amerikanische Komponist, der die Filmmusik für alle neun Hauptfilme der Star Wars-Saga geschaffen hat. Seine ikonischen Leitmotive und Fanfaren sind ebenso berühmt wie seine Soundtrack-Komposition zu dem US-amerikanischen Spielfilm Schindlers Liste von 1993. Die Violin-Soli spielte Itzhak Perlman ein; für die Filmmusik gab es mehrere Auszeichnungen, darunter einen Oscar.

*** Andrés Orozco-Estrada ist derzeit Generalmusikdirektor der Stadt Köln (Oper und Gürzenich Orchester Köln) sowie Chefdirigent des Swedish Radio Symphony Orchestra. Er gastiert an renommierten Opernhäusern wie der Wiener Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden, der Semperoper Dresden und der Mailänder Scala und arbeitete mit Orchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra, dem New York Philharmonic, dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam, dem Orchestre de Paris und dem San Francisco Symphony Orchestra.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here