Mose, Minenkönig

Im tiefen Süden jenes Landes, das heute Namibia heißt, begann 1967 die Mine Rosh Pinah mit dem Abbau des dort vorhandenen Zinkvorkommens. Fünfzig Jahre danach ist die Gegend weltweit unter den Hauptlieferanten dieses Metalls, das inzwischen vom Bauwesen über die Batterieproduktion bis zum Korrosionsschutz universelle Verwendung findet. Doch an Mose Kahan, den jüdischen Urvater der Zinkproduktion, erinnern sich heute nur wenige.

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Text und Fotos: Ronnie Niedermeyer

„Immer wenn ein kleiner, rundlicher Herr mit roten Wangen und leuchtend silbernem Haar das Hotel Continental in Windhoek betrat, begann alles zu surren – Mose Kahan war wieder da. Da gab es dringende Anrufe nach Lüderitz zu tätigen, nach Johannesburg, nach Kapstadt, Berlin, London, New York. Die zermürbte Empfangsperson wurde mit Telegrammen überhäuft, die sofort verschickt werden mussten. Ein ständiger Strom von Besuchern kam und ging, und natürlich gab es die unvermeidliche Party. Kahan liebte es nicht nur, seine Freunde um sich zu haben; auch Freunde von Freunden lernten seine Großzügigkeit kennen. Die feierliche Stimmung durfte jedoch nie mit der Arbeit in Konflikt kommen. Sobald es um Arbeit ging, war alles andere nebensächlich.“
Samuel Davis, S. W. A. Annual, 1967

Mose Kahan kam am 25. Juni 1896 in Königsberg, Ostpreußen (heute Kaliningrad, Russland) als jüngstes Kind einer Gasthofbesitzerin und eines Hufschmieds mit rabbinischen Vorfahren zur Welt. Seine besondere Begabung, mit Pferden umzugehen, fiel bereits in jüngster Kindheit auf, als er unbeaufsichtigt in den Stall der Eltern schlich und stundenlang mit den Reittieren spielte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gerade achtzehn Jahre alt, meldete Kahan sich als Freiwilliger zur deutschen Kavallerie. Sein offensichtliches Talent ermöglichte ihm in kurzer Zeit den Aufstieg in das Höhere Kavalleriekommando, das vorwiegend Mitgliedern des deutschen Adels vorbehalten war. Mit großer Wahrscheinlichkeit war er der einzige Jude in dieser Division. Bis Kriegsende diente Kahan an der russischen Front und erlebte dort aus erster Hand den Tod einiger Mitglieder des preußischen Hauses Hohenzollern. Von Kriegswirren und dem Untergang des Kaiserreichs erschüttert, ergab er sich nach Ende seines Militärdienstes dem Vergnügungsrausch von Berlin. In der Hauptstadt handelte er zunächst mit Schubkarren und Kochgeschirr, heiß begehrte Ware in den Jahren des Wiederaufbaus.

Während zahlreicher Geschäftsreisen in der Weimarer Republik erkannte Kahan bereits Anfang der 1920er-Jahre die ersten Anzeichen von Faschismus und Nationalsozialismus. Er und seine Verlobte Klara Litzenburger entschlossen sich 1923 zur Emigration nach Südafrika, wo ein Familienzweig der Kahans schon seit längerer Zeit lebte.

Mose begann sich für den Bergbau zu interessieren, der in der benachbarten südafrikanischen Kolonie Südwestafrika (ehemals Deutsch-Südwestafrika) gerade eine Blüte erlebte. Noch im selben Jahr zog das Paar nach Lüderitz an der Atlantikküste, wo Klara zum Judentum konvertierte und sie am 3. November 1923 heirateten.

In darauffolgenden Jahrzehnten prospektierte Mose Kahan unaufhaltsam entlang der Küste, wobei seine Expertise mit Pferden ihm gegenüber anderen Pionieren einen massiven Vorteil bescherte: Das Terrain war großteils unerforscht und mit herkömmlichen Transportmitteln kaum zu erreichen. (Inzwischen gilt die gesamte Region, „Diamond Area 1″ bezeichnet, als nationales Sperrgebiet.) Seine erste Diamantenmine nannte er Ophir, nach einem im Alten Testament erwähnten Hafen. Eine weitere Mine, Atlantis, wurde vor der Küste eingeweiht und gilt als erste Offshore-Bohrung Afrikas. Im Gegensatz zum mythologischen Namensgeber war Kahans Atlantis nicht dem Untergang geweiht – die Quelle war derart ergiebig, dass die Regierung sogar ein Gesetz zur Regulation des Diamantenverkaufs erlassen musste, um eine Überschwemmung des Markts zu verhindern.

Den Hang zu symbolischen Namen behielt Mose Kahan sein Leben lang. In späteren Jahrzehnten schürfte er entlang des Flusses Oranje und entdeckte 1950 südlich der Namus-Kluft eine Kupfermineralisation. Weil ein markantes Gebilde an dieser Stelle ihn an den Loreleyfelsen am Rhein erinnerte, hieß die neue Mine Lorelei. Diese mit einer Straße zu erschließen, war nicht möglich, da die Sanddünen je nach Windrichtung ihre Position veränderten. Entlang der 2 Kilometer zum Oranje wurden mehrere Schichten alter Autoreifen verankert. Während dieser Arbeiten verlor Kahan in einem Sandsturm sein rechtes Auge, das durch ein Glasauge ersetzt wurde. Gelegentlich nahm er dieses heraus und legte es in eine Nische am Eingang der Mine – seinen Angestellten andeutend, dass er immer ein Auge auf sie habe.

Über die 1950er-Jahre war der Marktwert von Kupfer stets gestiegen. Juli 1955 erreichte er mit 35,70 Cents pro Pfund den historischen Höhepunkt. Doch dann geschah etwas, das Mose Kahan völlig unvorbereitet traf. In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1955 fiel der Kupferpreis und hörte über den ganzen August nicht auf zu fallen. Ende des Monats war Kupfer mit 0,00 Cents pro Pfund im wahrsten Sinne völlig wertlos und blieb es bis Ende des Jahres. Kahan hatte sich um viel Geld die Schürfrechte in der gesamten Region gesichert, nun musste er Mitarbeiter entlassen und die Lorelei schließen.

Nach dem Verlust seines Auges war dieser weitere Schicksalsschlag besonders schwer zu ertragen. Kahan versuchte, die Rechte wieder abzutreten, was ihm aber nicht gelang. Erst acht Jahre später sollte sich das als großes Glück herausstellen. 1963 machte der Geologe Michael McMillan im Auftrag der Universität Kapstadt eine Kartierung der Namus-Kluft. 20 Kilometer nördlich von Lorelei fand er ein handtellergroßes Stück Baryt. Kahan war begeistert, als er von McMillans Entdeckung erfuhr: Wie er wusste, gilt das unscheinbare Gestein als Indikator für wertvolle Mineralsulfide. Rasch beauftragte er eine Folgeuntersuchung, deren Ergebnis lautete: Hier liege eines der größten Vorkommen an Zink, die je entdeckt wurden. Kahans erster Gedanke galt dem Namen der Mine, die dort gegründet werden sollte. Der bibelfeste Entrepreneur besann sich einer Parabel aus dem Buch Tehillim: „Der Stein, den die Bauleute für unbrauchbar erklärten, ist zum Grundstein des ganzen Hauses geworden.“ (Psalm 118, Vers 22)

Diesem Stück Baryt verdankt Rosh Pinah seine Existenz. Aufgrund des unspektakulären Fundes errichtete Mose Kahan hier eine Zinkmine. 50 Jahre danach bietet sie tausenden Menschen Arbeit.

Am 9. November 1964 erlag Mose Kahan einem Herzinfarkt. Sein nachhaltigster Beitrag zur Bergbaugeschichte würde sich erst postum kristallisieren: 1966 wickelte sein Sohn George die Verhandlungen mit dem südafrikanischen Bergbaugiganten ISCOR ab, der die notwendige Infrastruktur zur Erschließung der Zinkader errichtete. Bereits im darauffolgenden Jahr ging die Mine Rosh Pinah (hebräisch: Grundstein) in Betrieb – und ist es bis heute.
George Kahan, 1936 geboren, hat den väterlichen Hang zur Symbolik scheinbar geerbt. Nach Rosh Pinah gefragt, sinniert er: „Wie schon sein biblischer Namensvetter Mose, konnte auch mein Vater seine größte Entdeckung nie bewundern.“

 

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