Museum für einen lange vergessenen Pionier

Das Joseph Bau Museum in Tel Aviv kann mit einiger Berechtigung als eines der außer- und ungewöhnlichsten weltweit bezeichnet werden. WINA hat sich darin umgeschaut und ist dabei tief in das Leben des „israelischen Walt Disney“ eingetaucht.

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Zwei Schwestern, ein außergewöhnlicher Vater: Hadassa und Zlila Bau im familieneigenen Museum – dessen Zukunft ist derzeit leider ungewiss. © josephbau.org; Gisela Dachs

Wer vom Habima-Platz aus den Rothschild-Boulevard hinaufgeht, sieht meist nur die Cafés, die weißen Bauhaus-Fassaden und die Bürotürme, die über die Dächer der Stadt hi- nausragen. Nur wenige biegen links in die kleine Berdyczewski-Straße ein. Dort befindet sich eines der kleinsten und ungewöhnlichsten Museen der Welt: ein Atelier von knapp fünfzig Quadratmetern. Der Boden ist mit typisch gemusterten Tel Aviver Fliesen ausgelegt. Zeichnungen hängen dicht an dicht an den Wänden. Es gibt einen schweren dunklen Schreibtisch, Bücherregale und wuchtige Geräte, mit denen sich Trickfilme herstellen lassen. Hier hat Joseph Bau bis zu seinem Tod vier Jahrzehnte lang gearbeitet.

Er war vieles zugleich: Maler, Grafiker, Designer, Schriftsteller, Dichter – und einer der Pioniere des Animationsfilms in Israel. Auf einem Bildschirm lassen sich kurze Streifen von ihm aus den 1950er-Jahren abrufen: Werbung für Kühlschränke oder Waschmaschinen, ein Lehrfilm des Verkehrsministeriums über Strafpunkte für Verkehrssünder. Gezeichnete Figuren erklären, dass zwei Punkte drohen, wenn man Fußgänger auf dem Zebrastreifen missachtet – und sechs Punkte, wenn man wiederholt gegen die Regeln verstößt.

© josephbau.org; Gisela Dachs

Bau entwarf auch eigene hebräische Schriftzüge und Titel für zahlreiche Filmproduktionen, als diese in Israel noch in den Kinderschuhen steckten. Manche nannten ihn später den „israelischen Walt Disney“. In seinem Atelier entwickelte Bau seine eigene Filmtechnik. Kameras, Lichtanlagen und Animationstische entstanden aus improvisierten Teilen, etwa aus dem Arm eines alten Röntgengeräts. In den engen Räumen richtete er auch ein winziges Kino ein.

Der ganze Ort wirkt, als sei der Mieter nur kurz hinausgegangen und werde gleich zurückkehren.

„Alles ist noch genauso wie früher“, sagt Hadassa Bau. Gemeinsam mit ihrer Schwester Zlila führt sie Besucher durch die beiden Räume. Seit mehr als zwanzig Jahren erzählen die beiden die Geschichte ihres Vaters. Und sie tun es mit einer Frische, die nicht nachzulassen scheint.

Baus Biografie beginnt in Krakau im Jahr 1920. Er wollte Grafiker werden und begann ein Studium an der Akademie der bildenden Künste. Im ersten Jahr wurde ein Kurs zu deutschen gotischen Lettern angeboten. Bau war der Einzige, der sich einschrieb. Dass er die Schrift beherrschte, sollte sich als Glücksgriff erweisen, als seine Familie zu Beginn der deutschen Besatzung ins Krakauer Ghetto übersiedeln musste. Die Nazis brauchten jemanden, der Schilder und Dokumente gestalten konnte. Offiziell arbeitete er für die deutsche Polizei. Zugleich nutzte er seine Fähigkeiten, um Dokumente zu fälschen und anderen Juden zu helfen. „Vermutlich hat niemand so viele Juden gerettet wie er“, sagen die Töchter.

1943 kam er mit seiner Familie in das Zwangsarbeitslager Płaszów. Dort lernte er seine spätere Frau Rebecca kennen. Die beiden verliebten sich und heirateten, „heimlich, ohne Chuppa und ohne Viertel Huhn“, betont Zlila. Die Szene wurde weltbekannt, weil sie später in Steven Spielbergs Film Schindlers Liste nachgestellt wurde: Bau schmuggelte sich verkleidet in das Frauenlager, um die schlichte Trauung zu ermöglichen.

Danach wurde er ins KZ Groß-Rosen gebracht und auf Schindlers Liste in dessen Arbeitslager in Brünnlitz. Rebecca überlebte in Auschwitz. Die beiden fanden sich nach dem Krieg wieder und kehrten zunächst nach Krakau zurück, wo Hadassa als „das erste Kind der Schindler-Liste“ geboren wurde.

1950 ging die Familie nach Israel. Bei ihnen zuhause sei kein Tag vergangen, ohne dass ihre Eltern über die Shoah geredet hätten. Aber das hätte sie nicht zu traurigen Menschen gemacht. Im Gegenteil. Es wurde viel gelacht. „Unsere Aufgabe ist es, Menschen glücklich zu machen“, zitieren die Schwestern ihren Vater.

Humor in Zeiten ohne Hoffnung. Wer heute durch das Atelier geht, entdeckt kaum Spuren von Trauer. Humor war für Joseph Bau mehr als ein Stilmittel – er war eine Überlebensstrategie. Im Lager legte er verzweifelten Mithäftlingen die (selbst gemalten) Karten, sagte ihnen voraus, dass bessere Zeiten kommen würden. „Er gab den Menschen Hoffnung“, erzählt seine Tochter. „Es war wie eine Therapie.“ Später schrieb er Bücher über seine Erfahrungen – oft mit ironischem Ton, weil er glaubte, dass Menschen nur so den Mut finden, sich mit der Shoah auseinanderzusetzen.

Eines seiner Bücher trägt den Titel Dear God, Have You Ever Gone Hungry?. Darin schildert er Hunger, Angst und Gewalt, aber auch den Versuch, Menschlichkeit zu bewahren.

josephbau.org

Seine Arbeiten sind auch voller Wortspiele. Besonders angetan hatte es ihm dabei die hebräische Sprache, die er sich selbst beibrachte. „Er hat mit Buchstaben gespielt. Für ihn waren Wörter wie kleine Bilder“, erinnert sich Hadassa Bau.

Im hinteren Raum steht ein alter Holztisch. Eine Glasplatte schützt die Oberfläche. Darunter sind Kratzer, Tintenspuren und kleine Schnitte zu sehen. „Der Tisch ist noch aus Polen. Hier hat er Dokumente gefälscht“, weiß Zlila Bau. Dass sich diese Tätigkeit nicht nur auf sein Leben in Krakau bezog, wussten sie lange nicht. Erst Jahre nach seinem Tod 2002 erfuhren sie, dass Joseph Bau auch für den israelischen Geheimdienst gearbeitet hat. In seinem Atelier stellte er gefälschte Dokumente für Agenten her – unter anderem für den legendären Spion Eli Cohen sowie für die Operation, mit der Adolf Eichmann in Argentinien gefasst wurde. „Wir hatten keine Ahnung“, sagt Zlila Bau. „Er hat nie darüber gesprochen.“

Vieles in seinem Leben blieb lange im Verborgenen. Auch seine Arbeiten hat er fast nie mit seinem Namen unterschrieben. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis man ihn auf der Leinwand würdigte.

„Unsere Aufgabe ist es, Menschen
glücklich zu machen.“
Joseph Bau

Gerade ist in Hollywood ein Spielfilm über ihn entstanden: Bau – Artist at War. Am Ende des Streifens sieht man Bau selbst, wie er gemeinsam mit seiner Frau einen Stein auf Schindlers Grab in Jerusalem legt.

© josephbau.org; Gisela Dachs

Die Premiere hätte am 28. Februar in der Cinematheque Tel Aviv stattfinden sollen. Doch an jenem Tag begann der jüngste Krieg gegen den Iran. Die Vorführung musste abgesagt werden. Bald darauf schlug eine Rakete in der Umgebung des Museums ein. Alle Scheiben gingen dabei zu Bruch. Die Druckwellen rissen auch die Bilder von den Wänden.

Die Zukunft des Museums ist ohnehin nicht gesichert. Das Atelier, das mehr als sechs Jahrzehnte überstanden hat, könnte verschwinden. Es gehört inzwischen neuen Eigentümern, die eine Grundsanierung im Zuge eines städtischen Neubauprojekts planen. Die Töchter suchen jetzt Gelder, um das Atelier entweder hier zu behalten oder an einen anderen Ort zu verlegen. „Es gehört doch zur Geschichte Tel Avivs“, sagt Hadassa Bau.

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