Sie strahlt eine ansteckende Lebensfreude aus, kann beim Rhythmus der Musik einfach nicht stillstehen: Ariella Zeitlin, geboren in Baltimore, USA, ist bereits mit 17 Jahren allein nach Israel gefahren. Warum eigentlich? „Ich bin in einer streng-orthodoxen Familie aufgewachsen, die sehr musikalisch war und viel klassische Musik hörte“, erzählt die zweifache Mutter, die am 16. September im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses das jüdische Neujahrskonzert mit ihrer Band bestreiten wird.
„Ich habe mit meinem Großvater, der ein bekannter Geiger war, auch dieses Instrument gespielt. Mein Traum war es immer, nach New York an die renommierte Julliard School zu gehen.“ Doch es kam anders: Die Musikschule, die Ariella besuchte, sperrte zu, als sie 16 war, und sie musste eine Entscheidung treffen. Da erhielt sie das Angebot, ein Jahr in Israel zu studieren, und zwar bei Chaim Tal, einem Freund ihres Großvaters.
„Ich absolvierte das Jahr und blieb. Mit 21 lernte ich meinen Mann kennen, der als Amateur leidenschaftlich gerne und gut Gitarre spielt.“ Ariellas Mann war es auch, der sie mit anderen Musikformaten vertraut machte. Daraufhin begann die klassische Geigerin, ihre Konzertprogramme mit Crossover zu kombinieren. „Es war eine Evolution für mich zu erfahren, zu erleben, dass die musikalische Welt größer ist als die chassidische und klassische Musik“, lacht sie.
Beim Jüdischen Neujahrskonzert, das die Israelitische Kultusgemeinde Wien mit großem Zuspruch seit September 2022 veranstaltet, wird Ariella an der klassischen Geige die Bandbreite ihres Könnens und Repertoires vor dem Wiener Publikum zeigen: von Niggunim* über traditionelle Pijutim – poetische liturgische Texte – bis hin zu epischer Filmmusik.
„Meine Auftritte sind für mich
eine Art des Überlebens.“
Ariella Zeitlin, die in den letzten Jahren viele Tourneen absolviert hat, angefangen von den USA über Italien, Rumänien, Ungarn und sogar in Dubai, tritt zum erstem Mal in Wien auf. Wie kam es zu diesem Engagement? „Karen König, die Leiterin der Kulturabteilung in der IKG, hat meine Auftritte schon seit mehreren Jahren verfolgt und fragte mich wegen des heurigen Neujahrskonzerts an. Ich freue mich riesig, endlich in Wien singen und musizieren zu können.“
Und wie kommt eine Israelin als Künstlerin nach Dubai? „Ich habe erst in den letzten Jahren, da meine Kinder größer sind, wieder zu reisen begonnen, und das mit einem jüdisch akzentuierten Programm. Die Chabad-Bewegung ist in Dubai aktiv und hat mich zu einem Auftritt vor den rund zwanzig Juden, die dort leben, eingeladen.“ Das orthodox- religiöse Element in ihrer Familie hat Ariella in ihrem musikalischen Ausdruck nicht ganz abgelegt: In den Texten und verbindenden Worten in ihren Konzerten erzählt sie über das Gute und Einzigartige in jedem Menschen sowie über Werte des Judentums, Dankbarkeit und religiöse Rückbesinnung.
„Im Zuge der Ereignisse des 7. Oktober 2023 in Israel haben wir enge Freunde verloren, darunter DJs, die beim Nova-Festival waren, und Menschen, die beim Militäreinsatz gestorben sind. Wie ein Großteil der Israelis verfiel auch ich in eine Depression, die ich so wie vieles in meinem Leben nur durch die wundervolle Unterstützung meines Mannes durch- und überstehen konnte“, erinnert sich Ariella. „Die bösen antiisraelischen Postings auf meiner Website waren da noch eine schlimme Draufgabe. Da habe ich beschlossen, mit Musik weiterzumachen, denn meine Auftritte sind für mich eine Art des Überlebens.“
* Ein „Nigun“ ist eine traditionelle Melodie, oft ohne Text, die in der chassidischen und aschkenasischen jüdischen Musik verwendet wird: gesungen mit entweder bedeutungslosen Silben oder mit sich wiederholenden Textpassagen.
























