„Mutiger werden“

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Catharina Heller hat ihre Diplomarbeit über jüdische Hoflieferanten geschrieben. Heute berät sie als Interior Designerin, wie man Altes und Neues stilsicher kombinieren kann – im Privathaus und in der Firma. Von Reinhard Engel   

Noch ist das Büro der kleinen PR-Agentur nicht ganz fertig. Da fehlt noch eine Sitzecke, dort gehören ein paar Bilder aufgehängt, die an der Wand lehnen. Doch schon jetzt lässt sich abschätzen, was die Gestalterin erreichen wollte, und dass es ihr gelungen ist, ein harmonisches, etwas schräges Ganzes zu erreichen.

Das Generalthema kommt aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts – und deshalb finden sich hier einige Stadthallen-Sessel von Roland Rainer, zwei neu bezogene Fifties-Fauteuils, in der Wartezone im Vorraum englische ovale Stapeltische, die vernehmlich „Vintage“ rufen. „Aber selbst wenn man einem bestimmten Thema folgt, darf das nie überzogen werden“, erklärt Interior Designerin Catharina Heller. Sie hat zwar für die Garderobe Originalteile beschafft, die Bürotische sind aber funktional und modern – freilich mit den für diese Zeit typischen konischen Beinen.

Heller, Jahrgang 1974, hat eine recht untypische Karriere gemacht. Sie studierte in Wien Geschichte und Literatur und war erst unsicher, worauf sie sich spezialisieren würde. „Dass es weder Antike noch Mittelalter wird, das war mir klar.“ Langsam rückte das späte 19. Jahrhundert in ihr Blickfeld, es war vor allem das Thema des aufkeimenden Antisemitismus, das sie interessierte. Und dann beschäftigte sie sich für ihre Diplomarbeit intensiv mit jüdischen Hoflieferanten aus der Textilbranche. Der unmittelbare Anlass war eine Ausstellung in der Orangerie von Schloss Schönbrunn gewesen: Kunde: Kaiser.

Den Kunden verstehen

Zur Textilbranche gab es gleich mehrfache Bezüge: Ihr Vater betrieb eine Teppichreinigung, die Familie ihres Mannes Harri, der bereits ihre Jugendliebe war, verkaufte seit Generationen Nähmaschinen – in Ungarn und Österreich. Und im englischen Sussex hatte sie als Kind schon wiederholt eine Tante besucht, die mit Interior Design ihr Geld verdiente. Dennoch wollte sie eigentlich nach dem Magister eine Dissertation schreiben und an der Uni bleiben, um wissenschaftlich zu arbeiten.

Gestaltung. Die Kunden müssen ihre eigenen Vorlieben einbringen.
Gestaltung. Die Kunden müssen ihre eigenen Vorlieben einbringen.

Doch es kam anders. 2001 wurde sie von der Familie Meinl engagiert, um ein Firmenarchiv aufzubauen. Und als nach einigen Jahren daraus ein Museum werden sollte, fragte man Frau Heller, ob sie auch dessen wissenschaftliche Leitung – und die Gestaltung der Präsentation – übernehmen wolle. „Das war für eine junge Frau schon eine tolle Aufgabe“, erinnert sie sich heute.

Von dort ging es nach einer ersten Babypause – die Familie Heller hat heute vier Kinder – in die Privatwirtschaft. Ein niederösterreichischer Einrichter und Innenarchitekt hatte das Meinl-Museum umgebaut, und die Chefs, Peter und Rupert Lorenz, fanden an Cathy Hellers Kreativität Gefallen. „Ich sollte den Wiener Markt betreuen.“ Einmal in der Woche fuhr sie nach Leiben bei Melk, um mit den technischen Zeichnern zu sprechen oder Materialien auszusuchen, den Großteil der Arbeit erledigte sie von ihrem Büro in Wien aus. Drei Jahre lang beriet sie Kunden bei der Neugestaltung von Büros und Wohnungen – insgesamt dürften es etwa 20 ganze Privathäuser gewesen sein, zusätzlich Wohnungen, Anwaltskanzleien und Büros von Steuerberatern.

„Ich möchte meine Kunden verstehen und auf sie eingehen.“ Catharina Heller

Nach einem weiteren Kind arbeitete sie für eine steirische Firma, die in Wien und Graz eine Reihe von Designermarken für Möbel, Accessoires und Stoffe vertritt, etwa Minotti, Poliform, Kenzo oder Fendi. Dieser Job war aber nicht ganz das, was sie sich vorgestellt hatte, und zwar wegen der vorwiegend osteuropäischen Klientel: „Ich möchte meine Kunden verstehen und auf sie eingehen, aber diese waren verschlossen, schweigsam, haben mir oft nicht einmal ihren Namen gesagt.“ Also beschloss sie, sich selbstständig zu machen. Sie besuchte mehrere Kurse für Unternehmensgründer – etwa über Steuern – „mit Buchhaltung habe ich mich schon von zuhause gut ausgekannt“.

Rimon – Granatapfel – heißt ihr Ein-Frau-Unternehmen, das sie seit Anfang 2013 betreibt. „Und dass ich auf meiner Visitenkarte auf englisch ‚Interior Design‘ stehen habe, hat einen Grund“, betont Frau Heller. „Denn das drückt genau aus, was ich mache. Innenarchitekt wäre zu technisch, Raumausstattung zu nahe am bloßen Verkauf.“

When-doves-loveAuch wenn Josef Hoffmann und Adolf Loos zu ihren persönlichen Stilvorbildern zählen, will sie ihren Kunden nichts aufzwingen. Diese müssen sich wohlfühlen und ihre eigenen Vorlieben einbringen, sie hilft dabei, die richtigen Materialien zu finden, macht Vorschläge für etwas gewagtere Kombinationen mit existierenden Möbeln oder Teppichen, ermutigt immer wieder die Auftraggeber dazu, „etwas mutiger zu werden“. Aber natürlich müsse man aufpassen, dass die Gesamtanmutung stilsicher bleibe, kein allzu schriller Mix entstehe. So bewahrt sie etwa einen Kunden davor, einen Neo-Renaissance-Stuhl mit üppigen Barockstoffen zu tapezieren, oder sie bewegt sich eben – wie beim aktuellen Büro der PR-Agentur – im Rahmen von Mid-Century-Retro des letzten Jahrhunderts. „Was die praktische Umsetzung angeht, hilft es auch, dass ich selbst vier Kinder habe und weiß, was es heißt, für Familien mit Kindern zu gestalten.“

Mit einer Eigenheit ihrer oftmals jüdischen Klientel hat sie auch leben gelernt. Ähnlich wie Ärzte immer wieder bei privaten Essen oder öffentlichen Veranstaltungen auf eine medizinische Kurzdiagnose außerhalb der Ordination angesprochen werden, verlangen manche Bekannte von ihr „schnell ein paar Tipps“. Dann muss sie argumentieren, dass man nicht zwischen Tür und Angel gestalten kann und dass sich ihr Honorar schon allein dadurch rechne, dass sie für ihre Kunden günstiger einkaufe und diesen Vorteil weiterreiche. Das überzeugt dann meist auch die ungeduldigen Renovierer.
rimon.at

© rimon

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