„die Macht, dafür zu sorgen, dass der Hass nicht wieder siegt“

Bei dem brutalen Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 wurden über 1.200 Menschen – hauptsächlich Zivilisten – getötet und 251 Menschen nach Gaza entführt. Während im Rahmen des Gaza-Abkommens durch US-Präsident Donald Trump alle noch lebenden Geiseln freikamen, verblieben eine Handvoll getöteter von ihnen noch immer in Gaza in den Händen der Hamas. Israel forderte von der palästinensischen Terrormiliz die Einhaltung des Friedensplans, von dem neben der Entmilitarisierung des Küstenstreifens und dem Einsatz einer internationalen Stabilisierungstruppe auch die Rückkehr aller Entführten Grundvoraussetzung war. Um auch die Überreste der letzten Verbliebenen aus den Fängen der Terrorgruppe zu befreien, gehen die landesweiten Demonstrationen weiter. Auf dem „Platz der Geiseln“ in Tel Aviv richten besonders Angehörige ihren Unmut gegen die israelische Regierung, bei denen vor allem betroffene Mütter ihre Liebe in politischen Zorn kanalisieren.

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Eine Frau kämpft um ihren Sohn: Einav Zangauker, Mutter von Matan Zangauker, der am 07. Oktober 2023 aus Israel verschleppt wurde. REUTERS/Itai Ron, picturedesk.com
Mütter an der Front – Aktivistinnen im Widerstand

In Tränen stehen dort viele mit Transparenten, Fotos und einer Stimme, die das Land erschüttert. In der modernen Tradition des Bildes der behutsamen und bestimmenden „jiddischen Mame“ formt sich ihre Sorge, Liebe und Schmerz in einen unnachgiebigen moralischen Appell und verkörpert zugleich seine verletzlichste Form: schützend, unbeugsam, fordernd. Das einstige Symbol häuslicher Fürsorge wird zum Widerstand, aus Ohnmacht eine politische Kraft, Ausdruck eines gesellschaftlichen Aufschreis. Inmitten politischer Blockaden und moralischer Erschöpfung verwandeln diese Frauen private Trauer in öffentliche Anklage und geben einer ganzen Nation eine Stimme, die nicht vergessen will. Wie schon die Bewegung der „Vier Mütter“ Ende der 1990er-Jahre zeigen sie, dass Mutterschaft in Israel nicht nur emotional, sondern zutiefst politisch ist. Ihr Ruf nach Rückkehr, Verantwortung und Würde stellt nicht nur die Hamas, sondern auch die eigene Regierung vor eine unbequeme Wahrheit, was den jüdischen Staat seit jeher ausmacht: die unauflösliche Verbindung von Leben, Verlust und Überleben, sowie dass die Liebe zu Israel nie unpolitisch ist.

„Es ist heute ein noch härterer Kampf“, sagt Orna Shimoni, Gründerin der Vier Mütter. „Nach über zwei Jahren Protest sind immer noch nicht alle Geiseln zurück, und meine Kraft geht langsam zu Ende. Das Israel, das ich kannte, hat sich aufgelöst. Unter keinen Umständen lässt man einen Soldaten auf dem Schlachtfeld im Stich. Sollte dies passieren, sind die Verwundeten und danach die Gesunden beim nächsten Mal dran.“

„Es ist heute ein noch härterer Kampf“,

sagt Orna Shimoni, Gründerin der Vier Mütter.

„Nach über zwei Jahren Protest sind noch immer nicht alle Geiseln zurück, und meine Kraft geht langsam zu Ende. Das Israel, das ich kannte, hat sich aufgelöst. Unter keinen Umständen lässt man einen Soldaten auf dem Schlachtfeld im Stich. Sollte dies passieren, sind die Verwundeten und danach die Gesunden beim nächsten Mal dran.“

Die mittlerweile 84-Jährige ist eine bekannte Persönlichkeit und setzt sich seit 25 Jahren für Israels heilige Pflicht ein, keine Gefangenen oder Geiseln zurückzulassen. Nachdem ihr Sohn und ihr Bruder als Soldaten der israelischen Streitkräfte (IDF) im Südlibanon getötet wurden, gründete sie mit drei weiteren trauernden Müttern eine Antikriegsbewegung, die Ende der 1990er-Jahre den israelischen Rückzug aus dem Zedern-Staat forderte, der im Mai 2000 schließlich erfolgte.

„Als der Krieg am 7. Oktober ausbrach, nannte ich ihn einen eintägigen Holocaust“, erzählt Shimoni. „Ich dachte, nach drei Monaten wären alle Geiseln wieder hier. Aber seitdem dauert dieser Holocaust an. Der Staat ist verpflichtet, alle zurückzuholen.“

Trotz Frustration und Schwierigkeiten engagiert sie sich weiterhin. Sei es beim Hungerstreik vor der Knesset in Jerusalem oder bei den Demonstrationen am „Schwarzen-Pfeil-Denkmal“ das über Gaza blickt. „All die Jahre haben mir so viele Friedensaktivisten Kraft gegeben“, erklärt die Pazifistin. „Sie sind keine Minderheit, sondern die Masse. Das gibt mir die Energie, tief durchzuatmen und immer wieder zurückzukommen.“

Symbol der Wiedergeburt. Für die meisten Nationen endet der Krieg, wenn die Waffen schweigen. Für Israel jedoch geht der Kampf weiter, im unerbittlichen Bestreben, jeden Sohn und jede Tochter nach Hause zu bringen. Ob lebendig oder tot, keine israelische Geisel, kein Soldat oder Zivilist wird jemals vergessen. Die Rückführung der Toten ist nicht bloß ein moralischer Akt oder ein politisches Statement: Sie ist tief in der jüdischen Seele, Kultur und Geschichte verwurzelt und sowohl physisch als auch spirituell von zentraler Bedeutung.

Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wurde dieser alte Glaube zu seiner nationalen Mission. Das Rückkehrgesetz von 1950 sicherte nicht nur jedem Juden weltweit das Recht auf Rückkehr in seine Heimat zu. Es symbolisiert die Wiedergeburt eines Volkes, das sich weigert, jemals wieder jemanden zurückzulassen. Nach Jahrhunderten des Exils, der Verfolgung und des Verschwindens ist Israels Versprechen eindeutig: Jeder Jude hat eine Heimat, und jeder Gefallene wird zurückgebracht. Das Land hat von Beginn an waghalsige Missionen unternommen und dabei mitunter das Leben von Soldaten riskiert, um Leichen aus Feindgebiet zu bergen. Es ist ein heiliges Vertrauensverhältnis zwischen dem Staat und seinem Volk.

Vor allem aber auch mit der „jiddischen Mame“. Denn Mutter sein in Israel wurde in dem Moment politisch, als Frauen nicht nur gegen Terroristen, sondern auch gegen ihre eigene Regierung um ihre Kinder kämpfen mussten. Jeder Elternteil einer Geisel wurde politisch – ob man es will oder nicht.

Doch während die älteren Veteraninnen den moralischen Kompass des jüdischen Staates verkörpern, ist eine neue Generation politisch aktiver Mütter herangewachsen. Diese hat ein anderes Gesicht und Sprache, doch denselben Schmerz. Was Orna Shimoni einst im Südlibanon war, ist heute Einav Zangauker in Tel Aviv: das Gewissen einer Nation, das nicht schweigen will. Seit der Entführung ihres Sohnes Matan am 7. Oktober stand sie an vorderster Front der Protestbewegung, und sie bleibt trotz seiner Rückkehr nach zwei Jahren weiterhin aktiv. Ihre Stimme, heiser vor Wut und Verzweiflung, hallt über den Platz der Geiseln – als Echo all jener Mütter, die gelernt haben, dass Liebe in Israel längst kein privates Gefühl mehr ist, sondern ein politischer Akt.

„Meine politische Identität starb mit der Entführung meines Sohnes. Mein Leben lang war ich treue Anhängerin von Netanjahu. Nach dem schrecklichen Hamas-Massaker vertraute ich darauf, dass er alle Geiseln nach Hause bringen würde. Doch der Glaube stirbt schnell, wenn dein Kind in einem Tunnel gefangen ist.“

Einav Zangauker

Die 46-jährige Aktivistin wurde mit einigen weiteren Müttern ungewollt zu Symbolfigur. Keine von ihnen suchte das Rampenlicht; es fand sie – denn wenn der Staat seine grundlegendste Pflicht versagt, wird mütterliche Liebe zum politischen Akt. Es ermöglicht Frauen, in die Öffentlichkeit zu treten und ihre Stimme zu erheben, selbst in außen- und verteidigungspolitischen Fragen, ohne die bestehende Weltordnung zu untergraben. Gleichzeitig stärkt und festigt ihre Präsenz als Frauen in der Öffentlichkeit genau diese Weltordnung. In den finsteren Stunden, wenn die Netze der Illusionen zerrissen sind, ist der Abgrund mit Fallen gesichert. Doch das bedeutet nicht, dass sie schweigen werden.

Vertrauen in eine Führungspersönlichkeit zu haben, ist leicht, solange das eigene Kind nicht als Verhandlungsmasse missbraucht wird. Was viele Mütter aus dem rechten Lager seit Kriegsbeginn vor zwei Jahren jedoch grundlegend veränderte, war die Erkenntnis, dass diejenigen, die ihnen wirklich beistanden, genau jene waren, denen sie misstrauen sollten, die Demonstranten gegen die Justizreform. Ideologie verfliegt schnell, wenn man erfährt, wer tatsächlich da ist, während das eigene Kind in Gefangenschaft stirbt.

„Früher glaubte ich an einen Bund zwischen dem Staat und seinen Bürgern“, erzählt Zangauker. „Aber diese Illusion zerbrach am 7. Oktober. Eltern setzen keinen Preis auf das Leben ihrer Kinder, und das sollte auch das eigene Land nicht tun. Hätte man schon im Mai 2024 dem Abkommen zugestimmt, hätten viele Geiseln heute noch am Leben sein können. Doch anstatt pragmatische Entscheidungen zu treffen, wurde Netanjahu zum Todesengel, nachdem er seine rechtsradikale Koalition fortlaufend über unsere Familien stellte.“

Seit sie Demonstrationen anführt, wurden sie und ihre Familie von Passanten und auch von der Polizei angegriffen. Eine unfähige Regierung machte sie unfreiwillig zur Aktivistin. Sie erklärt, dass sie seit dem 7. Oktober anfing, etwas über alle leidenden Mütter zu verstehen, obwohl sie es damals noch nicht benennen konnte. „Als meine größte Angst Realität wurde – dass ich meine Kinder nicht beschützen könnte und dass Liebe nicht genug ist –, reagierte auch mein Körper, bevor mein Verstand es konnte“, sagt Zangauker. Tatsächlich berichten viele israelische Frauen von seelischem Leiden, Zyklus-
störungen, plötzlichen Wechseljahren und unerfülltem Kinderwunsch. „Unsere Körper protestieren kollektiv gegen das Gefühl der Verlassenheit. Es ist nicht nur Biologie; es ist Protest. Eine somatische Form der Gewissensverweigerung.“

Was mit einzelnen Müttern begann, die aus persönlichem Leid heraus aufstanden, ist längst zu einer kollektiven Bewegung geworden – zu einem Geflecht aus Schmerz, Wut und Verantwortungsgefühl, das Israels moralische Wunde sichtbar macht. Inmitten einer Nation, die zwischen Angst und Erschöpfung taumelt, suchen immer mehr Eltern, Psychologen und Aktivisten nach Wegen, diesen Schmerz nicht länger nur zu ertragen, sondern zu verwandeln.

Zorn aus Liebe. Aus diesem Bedürfnis heraus entstand „Mishmeret 101“ (hebräisch: Schicht), eine Gruppe israelischer Ärzte, Wissenschaftler und vor allem Mütter, die sich der seelischen Genesung der Gesellschaft verschrieben hat, um ein emotionales und zerrissenes Israel zu heilen. Nicht durch Schweigen oder Vergessen, sondern durch Mitgefühl, Verantwortung und die Wiederherstellung einer gemeinsamen Zukunft.

„Israel muss vor sich selbst gerettet werden“, warnt Yoram Yovell von der Hebräischen Universität in Jerusalem und Mitbegründer der Bewegung – vor einem inneren moralischen und demokratischen Zusammenbruch. „Und leidende Mütter können dabei eine prägende Rolle spielen. Denn die Geschichte lehrt, dass große revolutionäre Kraft in Frauen liegt, wenn sie erkennen, wie sie die Wärme ihrer Liebe zu ihren Kindern in brennenden Zorn gegen diejenigen verwandeln können, die ihnen die Freude an Familie und Mutterschaft rauben. Es geht jetzt nicht mehr nur darum, wie man Kriege gewinnt, sondern darum, was für ein Land wir noch sein wollen und wer zu dem Wir gehört, das sich Nation nennt.“

Der Psychiater erläutert. wie stark das Massaker vom 7. Oktober offenlegte, wie fragil Israels Einheit und Führung geworden seien. Die Rettung des jüdischen Staates erfordere daher nicht nur militärische Stärke, sondern auch eine psychologische und gesellschaftliche Erholung – eine Wiederherstellung des israelischen Selbstverständnisses. Er sieht die Krise als existenziell an und warnt, dass Israels Gesellschaft in Gruppen zersplittert ist, die keine gemeinsame moralische oder emotionale Heimat mehr haben. Für ihn gehe die eigentliche Gefahr, nicht nur von der Hamas oder dem Iran aus, sondern vom Verlust der kollektiven Identität und des gesellschaftlichen Vertrauens. Seiner Ansicht nach habe der Krieg Illusionen zerstört und gezeigt, wie politische Korruption, religiöser Extremismus und der Verlust von Empathie den Staat ausgehöhlt haben.

„Das Schicksal der Geiseln ist ein Spiegel des Staatsgewissens“, sagt Yovell. „Eine Bewährungsprobe dafür, ob Israel noch an gegenseitige Verantwortung glaubt. Die betroffenen Mütter haben durch ihre überwältigende Trauer und tiefe emotionale Bindung zu ihren Kindern die Demonstrationen im Kampf um die Rückkehr der Geiseln geprägt. Außerdem hat diese anhaltende Sorge gezeigt, das jetzt keine weiteren politischen Slogans mehr nötig sind, sondern ein Pakt der Anständigkeit – ein neues Bündnis zwischen den zersplitterten Bevölkerungsgruppen des Landes, gegründet auf Mitgefühl, Wahrheit und bürgerlichem Mut. Nur durch diese moralische Erneuerung kann Israel seine Einheit und Sinn wiederfinden und beginnen, das Trauma zu überwinden.“

Dafür müssten alle sterblichen Überreste der Geiseln zurückkehren. Diese offene Wunde verletzt die kollektive Psyche der gesamten Nation, in dem jeder Verlust persönlich empfunden wird. Die Rückführung der Leichen würde den Familien und ganz Israel ermöglichen, mit der Heilung zu beginnen, und einen Ort schenken, an dem man sich erinnern kann. Es ist nicht nur ein humanitärer Akt, sondern ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Es geht um Glauben, Würde und das ewige Versprechen, dass kein Jude jemals wieder in der Dunkelheit der Geschichte verschwinden wird. Ohne sie bleibt die Trauer aufgeschoben und verwandelt sich in chronisches Trauma und gesellschaftliche Unruhen.

„Trotz allem bleibe ich optimistisch“, sagte Orna Shimon von den Vier Müttern. „Ich lasse mir diese Hoffnung von niemandem nehmen und glaube fest daran, dass alle Geiseln zurückkehren werden.“ Erst dann könne man wieder von Wiederbelebung und Erneuerung des Zionismus sprechen. Frauen spielen bei den Demonstrationen eine entscheidende Rolle, so Shimon, denn „der Mutterleib ist der Ort, der Leben schenkt, und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, dieses zu schützen“.

Die Aktivistin erklärt, dass es erst nach der Rückführung aller möglich sein wird, aus Katastrophen zu lernen, anstatt nur Erklärungen darüber abzugeben und gleichzeitig die gegenseitige Garantie wiederherzustellen, die der jüdische Staat nach dem 7. Oktober verloren hat.

Für Israel bergen diese Worte eine stille Warnung. Unter dem Waffenstillstand, der Diplomatie und der Erschöpfung zweier Jahre bleibt die moralische Wunde des Landes offen. Die Familien der verbliebenen Geiseln und der Getöteten – nun unterstützt von internationalen Stimmen – drängen auf das Einzige, das nach diesem Grauen die Menschlichkeit wiederherstellen kann: die Rückkehr der Toten.

„Wir können sie nicht wieder zum Leben erwecken“, sagt Shimoni, „aber zurückbringen. Und wir haben die Macht, dafür zu sorgen, dass der Hass nicht wieder siegt. Erst dann kann das Land wieder aufgebaut werden.“ 

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