Nachricht aus dem Jenseits

Eine Familie trauert noch immer um die vor drei Jahren an Krebs verstorbene Mutter. Dann taucht ihre im Rahmen eines künstlerischen Schulprojekts an einer Wiener Hausmauer ausgeschriebene Lebensgeschichte aus. Für die Familie ist das wie ein Wunder.

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Elazar Niyazov.„Diese Nachricht ist vielleicht die Nachricht, auf die wir alle gewartet haben.“ ©Daniel Shaked

“Ich fahre fast täglich dort vorbei“, erzählt Avital Jurist. Dort: Das ist eine Wand in der Trunnerstraße, gegenüber dem Bezirksgericht Leopoldstadt. Auch die anderen Kinder der vor drei Jahren verstorbenen Lea (Luba) Niyazov sind immer wieder dort unterwegs. Doch keinem von ihnen fiel bisher die beschriebene Mauer auf, die es schon viele Jahre gibt: Sie wurde 2006 von der Künstlerin Kristina Leko mit Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums in der Vereinsgasse gestaltet.
In dem in Schreibschrift auf die Wand übertragenen Text wird die Lebensgeschichte von Lea Niyazov erzählt – allerdings ohne ihren Namen zu nennen. Es war Chanan Babacsayv, früherer Vizepräsident der IKG, dem die Mauer auffiel und der sich die Geschichte durchlas. Sie kam ihm bekannt vor, dennoch wusste er nicht gleich, um wen es sich handelte. Auf Facebook postete er ein Foto der Inschrift und bat um Hinweise. Nach ein paar Tagen war klar, um wen es sich handelte.
Die Kinder sind Babacsayv sehr dankbar, wie sie betonen. „Das ist wie eine Nachricht aus dem Jenseits von meiner Mutter“, sagt Nili Jagudaew, eine der Töchter. Sie habe vor dem Tod der Mutter viel Zeit mit ihr verbracht. Vor dem ersten Pessachfest nach dem Ableben der Mutter habe sie dann ihr Zimmer sauber gemacht, dabei alles in die Hand genommen und gedacht, „hat meine Mutti wirklich keine Nachricht hinterlassen?“ Und nun sei sie plötzlich da, die Nachricht. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem auch die Großmutter der Familie kurz vor Rosch ha-Schana verstorben ist.

»Wir waren so gerührt. Da steht,
was sie sich für uns wünscht.«

Anat Sadikov

Was die Kinder vor allem bewegt: Hier können sie noch einmal nachlesen, wie die Mutter dachte. „Gott entscheidet über ihr Leben, und sie nimmt es an“, steht da etwa. Aber auch: „Ein Paradies auf Erden würde es ohne Terror geben.“ Und: „Einen Himmel ohne Wolken und den Weltfrieden wünscht sie sich für ihre Kinder.“ Dieser Satz stimmt Tochter Anat Sadikov besonders emotional: „Wir waren so gerührt. Da steht, was sie sich für uns wünscht.“

Einen Schatz gefunden. Für Avital Jurist ist es auch ein Wunder, dass die Wand mit der Geschichte ihrer Mutter schon seit 2006 besteht, bisher aber nicht beschädigt wurde. „Normalerweise werden solche Sachen bekritzelt.“ Ihr Bruder Elazar Niyazov wiederum meint, „man geht im Leben oft an Sachen vorbei und beachtet sie nicht, und es fällt einem erst nach Jahren auf, dass man so oft vorbeigegangen ist und nicht hingeschaut hat. Das passiert leider oft. Wir sind froh, dass wir jetzt diesen Schatz gefunden haben. Wenn wir über unsere Mutter träumen, redet sie meist nicht. Diese Nachricht ist vielleicht die Nachricht, auf die wir alle gewartet haben.“
Gerührt ist auch Anton Niyazov, der Mann der Verstorbenen. Er ist sich sicher: „Sie wartet auf mich.“ Und er sagt: „Meine Frau war eine gute Frau.“ Auf seine Finger hat er sich vor vielen, vielen Jahren – das Paar lernte sich in der ehemaligen Sowjetunion kennen, bevor sie gemeinsam zunächst nach Israel auswanderten – ihren Vornamen tätowieren lassen: Luba. Er geht und holt die Grabunterlagen, zeigt, wo er einst neben seiner Frau begraben sein wird. „Da ist mein Platz.“ Angst habe er keine vor dem Tod. „Am Ende sind wir alle gleich, egal wie viel oder wenig Geld wir haben.“ Tochter Anat erzählt Ähnliches von der Mutter: „Sie hat immer gesagt, wir gehen alle denselben Weg.“ „Und wir nehmen gar nichts mit“, ergänzt ihre Schwester Nili.
Was sich die Kinder trotz der anhaltenden Wehmut über den Tod der Mutter, die schon einmal den Krebs besiegt hatte, dann aber neuerlich erkrankte und im Alter von 63 Jahren starb, wünschen: dass der Vater nochmals heiratet. „Wir möchten, dass er nicht alleine bleibt“, sagt Anat. Ihre Schwester Avital meint dazu jedoch: „Mein Vater meint, so eine Frau wie meine Mutter wird er nicht mehr finden.“
Die Mutter erzählte den Schülern und Schülerinnen, die schließlich ihre Lebensgeschichte auf die Wand in der Trunnerstraße schrieben, dass ihre Kinder religiös leben. „Ihre Kinder gingen hier in Wien in die jüdische Schule und sind sehr gläubig“, notierten die Schüler an der Mauer. Ein kurzer Satz, der beschreibt, was ist. Ein kurzer Satz, der beschreibt, wie sie war, ist dieser: „Es ist sehr wichtig, mit einem Lächeln durch das Leben zu gehen und immer zufrieden zu sein.“
Es ist nachvollziehbar, warum die Familie so gerührt über dieses Projekt reagierte. Dargestellt werden sollten damals Lebensgeschichten von Menschen aus dem Grätzel. Aus der Erzählung von Lea Niyazovs Geschichte wurde inzwischen eine Art Denkmal – auf dem übrigens auch die kürzlich verstorbene Schwiegermutter erwähnt wird. Beide würden durch diese Wand nicht mehr vergessen, betont Chanan Babacsayv und sagt: „Ich werde mich an sie erinnern, wenn ich wieder dort vorbeigehen werde. Baruch dayan haemet.“

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