Nachspüren, was schiefgelaufen ist

Der Schrecken über das islamistische Attentat in Wien sitzt uns noch in den Knochen – der islamistische Terror, mit dem etwa Frankreich und Deutschland seit Jahren konfrontiert sind, hat nun auch Österreich erreicht. In dem eben erschienenen Buch Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft, einer Zusammenschau verschiedener Expertenbeiträge, setzt sich die Politikwissenschafterin Soma Mohammad Assad mit einem wichtigen Aspekt dieser Problemlage auseinander: der universalisierten Opferschaft. Sie sei auch mitverantwortlich für den Erfolg des islamischen Antisemitismus in Europa.

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Nikolaus Hagen/ Tobias Neuburger (Hg.): Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Theoretische Überlegungen, empirische Fallbeispiele, pädagogische Praxis. Innsbruck university press 2020, 222 S., € 28,90

Assad führt aus, wie hier verschiedene Faktoren zusammenspielen. Einerseits ergeben sich Konfliktpunkte zwischen religiösem Leben in einer säkularen Gesellschaft. „Um den Glauben für sich glaubhafter zu machen, muss umso mehr die Richtigkeit der rigiden Moral- und Sittenvorstellungen nach außen zur Schau gestellt werden.“ Diese Radikalisierung werde im Dschihadismus am offensichtlichsten, die Tendenz sei aber bereits bei Migrantinnen der zweiten und dritten Generation zu sehen, die sich für die Verschleierung entscheiden. Der Islam sei hier „politisches Statement der bewussten Abgrenzung von und Auflehnung gegen die als feindlich erklärte säkulare Gesellschaft“, meint die Politikwissenschafterin.

»Um den Glauben für sich glaubhafter zu machen,
muss die Richtigkeit der rigiden Moral-
und Sittenvorstellungen nach außen
zur Schau gestellt werden.«
 

Soma Mohammad Assad

Andererseits entwickelte sich das heutige Verständnis von Menschenrechten in Europa „als scheinbare Lehre aus Nationalsozialismus und Holocaust“. Die Schoah sei dabei örtlich, zeitlich und schlussendlich historisch allerdings entkontextualisiert worden. „Die Konsequenz war die Verwischung der Grenzen zwischen Tätern und Opfern.“ Da würde nicht mehr von Juden gesprochen, sondern von Menschen allgemein und in der Folge von Verbrechen gegen die Menschheit. „Das gemeinsame Maß für das europäische Projekt bildete daher eine unterschiedslose Opferschaft, und der Holocaust wurde zum Maß des eigenen Leidens stilisiert.“
Wie sich das weiterentwickelte: Nun war es vielen Opfergruppen sozusagen erlaubt, sich in den jüdischen Opfern wiederzuerkennen. Das spiegelt sich im Menschenrechtsdiskurs wider – das machen sich aber eben auch verschiedenste Gruppen zu eigen. „Im europäischen Gedächtnis geht es in erster Linie um Verfolgung, Demütigung, Hass. […] Im Verteidigen des Islam seitens sich als progressiv Verstehender wurden zuerst die Palästinenser und später verallgemeinert die Muslime als Opferkollektiv gesetzt.“ So komme es zu Sätzen wie, „du musst kein Moslem sein, um für Gaza einzustehen. Es reicht, ein Mensch zu sein.“

Assad kommt daher zu dem Schluss: Der islamische Antisemitismus sei nicht nur eine Konsequenz der politischen Kräfteverhältnisse in den islamischen Ländern, „sondern muss auch konkret auf den Diskurs der Linken und Rechten über den Islam sowie die Zugeständnisse der jeweiligen europäischen Regierungen an islamische Vereinigungen zurückgeführt werden“. Kritisiere man den Islam, werde häufig der Vorwurf der Islamophobie erhoben. Dieses vermeintlich antirassistische Argument kehre aber die berechtigte Angst von Menschen vor dem Islam, die in islamischen Ländern oder Communitys aufgewachsen sind, unter den Tisch. Im Gegensatz zur rechten Islamkritik gebe es auch eine emanzipatorische Islamkritik.
Die Politikwissenschafterin plädiert deshalb dafür, säkulare Kräfte und Initiativen kritisch-politischer Bildungsarbeit in Europa zu fördern, aber auch in islamischen Ländern zu unterstützen. „Dabei geht es nicht darum, dass man Menschen irgendeinen europäischen Wertekanon aufzwingt, sondern darum aufzuzeigen, dass das ‚Sapere Aude!‘, das Kant’sche Diktum ‚Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen‘, jedem zumutbar ist. Das wäre die emanzipatorische Wendung des Universalismus.“

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