Nägel und Schrauben für Europa

Eduard Pinchasov vertreibt über Wien Produkte des riesigen weißrussischen Stahlwerkes Schlobin, das einst Österreicher gebaut hatten.

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© Reinhard Engel

„Ein bisschen ist Belarus für mich inzwischen zur zweiten Heimat geworden“. Eduard Pinchasov fliegt einmal im Monat nach Minsk, von dort geht es auf der Straße weiter Richtung Südosten, nahe an die russische und ukrainische Grenze. Dort steht das einzige Stahlwerk des Landes und einer der größten Devisenbringer. Pinchasov spielt mit seiner Wiener RMZ-Vetriebsgesellschaft eine nicht unwichtige Rolle im Export der Stahlprodukte nach Westeuropa.
Dabei wurde er in einem ganz anderen Teil der ehemaligen Sowjetunion geboren, in Taschkent, dem heutigen Usbekistan. Das war 1967, und seine Familie wanderte nach Israel aus, als er drei Jahre alt war. Dort besuchte er auch die ersten zwei Volksschulklassen, ehe seine Familie nach Wien weiterzog. Der Vater betrieb ein Textilgeschäft in Gumpendorf, die Mutter arbeitete am AKH als Hebamme, „und sie hat im Lauf ihrer Karriere auch sehr viele jüdische Kinder zur Welt gebracht“, erzählt Pinchasov.
Er erinnert sich, dass diese mehrmaligen Umstellungen für ein Kind nicht ganz leicht waren, „drei Sprachen und drei Schriften in ganz kurzer Zeit“, aber dennoch standen diese keinen höheren Schulen im Weg. Sein Bruder wurde Zahnarzt, Eduard absolvierte eine HTL für Elektrotechnik. „Aber ich habe schon sehr früh gewusst, dass ich irgendetwas mit meiner russischen Sprache machen möchte. Das haben nicht so viele Leute gekonnt, und es gab einen großen Markt und einen großen Bedarf.“
Den ersten Job nach der Schule fand er in einem oberösterreichischen Pharmaunternehmen. „Wir haben Medikamente nach Moskau geliefert, von dort wurden sie in alle Regionen der Sowjetunion weitergeleitet.“ Doch als die Sowjetunion zerfiel, zerbröselten damit auch ökonomische Strukturen. Die Medikamente wurden zwar nach wie vor gebraucht, aber jetzt musste der Lieferant selbst die Regionen des immer noch riesigen Russland bearbeiten. Pinchasov tourte eineinhalb Jahre viele tausende Kilometer quer durch die russische Provinz.
Es war seine Frau, die dieser Arbeit ein Ende setzte. „Sie stammt aus New York, und Unterach am Attersee ist eine schöne Gegend, aber es war für sie nicht das Richtige“, erinnert er sich. Also übersiedelten die Pinchasovs nach Wien, und er sah sich nach anderen Möglichkeiten mit Russland-Bezug um. Er sollte sie bald finden.

»Ich habe schon sehr früh gewusst, dass ich irgendetwas mit meiner russischen Sprache machen möchte. Das haben nicht so viele Leute gekonnt, und es gab einen großen Markt und einen großen Bedarf.«
Eduard Pinchasov

Neue Märkte suchen. Mitte der 80er-Jahre hatte der damals noch staatliche österreichische Voestalpine-Industrieanlagenbau gemeinsam mit dem italienischen Unternehmen Danieli in der weißrussischen Republik ein riesiges Stahlwerk errichtet: Schlobin. Bundeskanzler Fred Sinowatz reiste 1984 sogar zur Eröffnung an. Aber die Stahlkocher sollten bald ähnliche Verwerfungen erleben wie die Pharmabranche. Man hatte das Werk für die Sowjetunion gebaut, doch nach dem Zerfall gab es kaum noch Nachfrage. Man musste sich neue Märkte suchen – im Westen.

Eduard Pinchasov pflanzt mit dem Generaldirektor des Stahlwerks Schlobin, Anatoly Savenok, ein Bäumchen. © Reinhard Engel

Pinchasov kam gerade zur richtigen Zeit. Er wurde engagiert, um den Vertrieb von Wien aus aufzubauen. „Das erste wichtige Produkt war Stahlcord, das sind ganz feine Stahlfäden, die in Autoreifen für Festigkeit sorgen.“ Anfang der 90er-Jahre hatte ein belgischer Hersteller den europäischen Markt fest in seiner Hand, konnte daher auch überhöhte Preise verlangen. Das war die Chance für die Newcomer, und der erste Kunde sollte der niederösterreichische Reifenhersteller Semperit sein. Dieser wurde später von der deutschen Continental-Gruppe übernommen, und so fand sich diese wie auch andere Reifenkonzerne auf den Kundenlisten der Weißrussen wie Michelin oder Good-
year. Daneben verkaufte Pinchasov aber auch andere Produkte aus dem Werk, etwa Baustahl für die Armierung von Betonkonstruktionen.
Das Werk in Staatsbesitz wurde übrigens laufend modernisiert, unter anderem auch wieder teilweise von jenen Firmen, die es einst gebaut hatten, der italienischen Danieli-Gruppe und den Linzer Anlagenbauern, die mittlerweile zu Siemens gehörten. Pinchasov: „Es war ein Glück, dass dieses Werk nicht in die Hände von Oligarchen gelangte wie in Russland. Die wollten dort nur Geld herausholen und dann die Fabriken wieder weiterverkaufen. Daher ist es mit vielen von denen bergab gegangen.“
Für die Regierung in Minsk hatte aber nicht nur das Stahlwerk mit seinen 12.000 Beschäftigten einen hohen Stellenwert. Daneben gab es noch eine weitere Fabrik, die Rechitsa Metizny Plant, die Stahl aus Schlobin weiterverarbeitete, aber hohe Verluste schrieb. An diesem Werk hingen weitere 2.000 Jobs. Also ging man daran, deren Erzeugnisse intensiver zu vermarkten, ebenfalls in Westeuropa, und dafür gründete Pinchasov mit den Weißrussen gemeinsam die RMZ-Vertriebsgesellschaft in Wien, hier ist er 50-Prozent-Partner. Rechitsa war übrigens 1912 von der jüdischen Unternehmerfamilie Zwick gegründet und mit der Revolution 1917/18 verstaatlicht worden. Pinchasov erzählt, dass er im Firmenarchiv Fotos des Werksfußballclubs gesehen hat, auf denen ein Teil der Spieler mit Kippa auf dem Kopf in die Kamera schauten.
Auch dieser Exportplan ging gut. Pinchasov dirigiert mittlerweile mit seiner Wiener 12-Mitarbeiter-Firma monatlich 500 mit Stahlprodukten beladene LKWs in Richtung Westen. „Geholfen hat uns dabei, dass viele dieser LKWs zwar Güter nach Russland gefahren hatten, aber auf der Retourfahrt leer waren. Deshalb haben wir einen guten Preis bekommen.“
Während den Stahlcord mittlerweile ein anderes Unternehmen verkauft, hat sich die RMZ von Pinchasov auf so genannte Befestigungsmittel spezialisiert. Das sind vor allem Nägel und Schrauben unterschiedlichster Dimensionen und für die verschiedensten Anwendungen, vom Holzbau bis zur Maschinenindustrie und der Automobilbranche. Geliefert wird nicht an die Endverbraucher, sondern an große Händler, die Lager betreiben, etwa Thyssen oder Würth. „Würth ist so etwas wie der Mercedes in dieser Branche, dass wir dort A-Lieferant sind, macht mich schon ein wenig stolz.“
Die Firma, die er seit dem Jahr 2000 führt, ist schon fast so etwas wie sein viertes Kind, scherzt Pinchasov – neben seinen beiden Söhnen (25 und 19) und seiner Tochter (22). Für aktives Engagement in der jüdischen Gemeinde in Wien lässt ihm sein Job keine Zeit, aber wenn Sponsoren für bestimmte Projekte gefragt sind, ist er dabei.

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