
Es war erst kurz vor der angekündigten Rückkehr der Geiseln, dass deren Eltern aus der Zeitschleife ausbrachen, in der die sie seit dem 7. Oktober gehalten waren. So sehr sie sich draußen aktiv engagierten, zuhause, falls es intakt geblieben war, herrschte Stillstand. Bis zum letzten Moment wollten viele der zwei Jahre lang ersehnten Nachricht erst dann trauen, wenn ihre Angehörigen tatsächlich frei waren. Kurz zuvor sind sie dann aber doch in den Vorbereitungsmodus übergewechselt. Sie habe gerade die Wäsche ihres Sohnes gewaschen, sagte eine Mutter, „alles durcheinander in einer Maschine, Buntwäsche und weiß.“ Damit müsse er dann eben fertig werden. Auch der Sinn für Humor schien also zurückgekehrt.
Alle lebenden Geiseln sind inzwischen zurück, nicht aber die toten. Die Erleichterung darüber, dass jetzt niemand mehr in den Tunneln von Gaza dahinsiecht, war mit Händen zu greifen. Die Bilder der Heimkehrer, deren Namen und Geschichten längst alle kannten, verschwanden bald aus dem öffentlichen Raum. Sie wurden schnell von neuen Slogans ersetzt, erinnern daran, dass immer noch nicht alle zurück seien und man sich dafür einsetzen werde, niemanden zurückzulassen. Dass auch diese Angehörigen, wenn sie schon keine Lebenden mehr zurückbekommen werden zumindest ein Grab für ihre Lieben haben, um trauern zu können. Es ist dabei völlig unklar, ob tatsächlich alle noch gefunden werden können.
An die Emotionen, die von der Freilassung freigesetzt wurden, wird sich jeder, der an diesem Tag entweder auf dem Geiselplatz war oder zuhause schon früh morgens am Bildschirm klebte, für immer erinnern. Zugleich begann, was viele vorsichtshalber als den Anfang vom Ende des Krieges bezeichnen. Denn keiner weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden, wer etwa in Zukunft die Hamas – notfalls eben gewaltsam – entwaffnen soll.
Am Tag der Geiselübergabe aber war das Neue zu spüren. Über die Dächer von Tel Aviv flogen viele Hubschrauber, aber alles wussten, dass sie diesmal keine schwer verwundeten Soldaten in die Krankenhäuser transportierten, sondern die gerade freigekommen Männer mit ihren Angehörigen. Weil der Motor so laut ist, kommunizierten sie auf dem Luftweg mithilfe von Schreibtafeln – Gesichter voller Glück und Erleichterung. Auch wenn dann die ersten konkreten Erzählungen von dem, was die Freigekommenen durchgemacht haben, bei einigen Eltern am Abend wieder zu einem ernsten Gesichtsausdruck führten. Niemand macht sich Illusionen: Das Leben danach wird für die Betroffenen nicht einfach sein, und vielleicht nie mehr normal sein können, aber sie sind zurück.
Dass an diesem Tag dann auch gleich noch der amerikanische Präsident das Land besuchte, was er ja bis dahin geflissentlich vermieden hatte, und in der Knesset redete, wobei sich Donald Trump nicht immer an die Vorlage hielt, auch das wird sich tief in das kollektive Gedächtnis einprägen.
Alle lebenden Geiseln sind inzwischen zurück, nicht aber die toten. Die Erleichterung darüber,
dass jetzt niemand mehr in den Tunneln von Gaza dahinsiecht, war mit Händen zu greifen.
Zwei Jahre nach dem 7. Oktober ist Israel im Danach angekommen. Auch wenn niemand weiß, wie sich Trumps 20-Punkte-Plan entwickeln wird. Jeder einzelne Punkt würde so viele Fallstricke bergen und so unterschiedliche Koordinationssysteme erfordern, dass er einem Rubik-Würfel gleichkomme, sagen die Experten. Aber immerhin gibt es einen Plan. Fast wäre auch der indonesische Präsident nach Jerusalem gekommen, was einer Revolution bedeutet hätte, denn immerhin handelt es sich um das größte muslimische Land der Welt. Der historische Besuch war schon angekündigt, wurde dann aber wieder abgesagt. Es gab Leaks, die Empörung in der indonesischen Bevölkerung war groß, und der Präsident hat dann wohl kalte Füße bekommen. Inzwischen behauptet das Außenministerium in Jakarta sogar, ein solcher Besuch hätte nie auf der Tagesordnung gestanden.
Niemand macht sich Illusionen: Das Leben danach wird für die Betroffenen
nicht einfach sein, und vielleicht nie mehr normal sein können, aber sie sind zurück.
Man kann es auch andersrum sehen: Dass ein solcher Besuch überhaupt denkbar war, unmittelbar nach einem zwei Jahre langen Krieg in Gaza, kann immerhin als ein Zeichen gelesen werden, dass der Nahe Osten trotz allem im Wandel ist. Dass Dinge möglich sind, die bisher als ausgeschlossen galten. Die Frage bleibt inzwischen bloß, wer über ihren Lauf bestimmt. Und es sieht so aus, als wäre das Trump, zu dessen neuen engen Verbündeten fortan eben auch die Türkei und Katar zählen.

























