Nicht vergessen, nicht vergeben

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70 Jahre nach der Befreiung bleibt Auschwitz unfassbar. Unzählige Bücher, Studien, Filme, Analysen und Erklärungsversuche haben daran so gut wie nichts geändert. Wie wenig man überhaupt verstehen kann, wenn man friedlich im Warmen sitzt, macht ein Augenzeugenbericht aus der Hölle deutlich. Von Anita Pollak  

„Irgendwie fanden wir es nicht richtig, dass die Welt sich weitergedreht hatte, während es Auschwitz gab.“

Niemand wollte ihnen glauben, als sie das Unmögliche geschafft hatten. Die Flucht aus Auschwitz. Kaum entkommen, doch noch keineswegs in Sicherheit, lieferten Walter Rosenberg und Alfréd Wetzler Ende April 1944 ihren ersten Bericht ab. Den geplanten Massenmord an den ungarischen Juden mit ihrer Warnung verhindern zu können, blieb eine Illusion. Aber letztlich führte auch ihr Protokoll dazu, dass Miklós Horthy unter Druck geriet und im Juli 1944 weitere Deportationen stoppen ließ. Viel zu wenige, aber doch noch viele konnten dadurch überleben.

Unter seinem „arischen“ Namen Rudolf Vrba, den er bis zu seinem Tod im Jahr 2004 behielt, veröffentlichte Walter Rosenberg 1963 in England seine Erinnerungen unter dem Titel I cannot forgive. Neu übersetzt und ergänzt unter anderem mit einem Vorwort von Beate Klarsfeld erscheint das Buch nun wieder, und noch immer trifft es mit voller Wucht.

Rudolf Vrba: Ich kann nicht  vergeben.  Meine Flucht  aus Auschwitz. Mit einem Vorwort von Beate Klarsfeld.  Schöffling Verlag,  528 S.,  15,40 EUR
Rudolf Vrba:
Ich kann nicht
vergeben.
Meine Flucht
aus Auschwitz.
Mit einem Vorwort von Beate Klarsfeld.
Schöffling Verlag,
528 S., 15,40 EUR

Atemlos liest man diese unglaubliche Geschichte eines jungen slowakischen Juden, der zuerst Majdanek und darauf fast zwei Jahre in Auschwitz überlebte, eine Zeitspanne, die dort so gut wie nicht zu überleben war. Intelligenz, ein ungebrochener Lebenswille, außergewöhnliche physische und psychische Kraft zeichneten den jungen Mann aus, der bei seiner Flucht noch nicht einmal 20 Jahre alt war. Seine Mutter erkannte ihn kurz danach nicht wieder, so sehr hatte ihn das Todeslager verändert.

Sklavenarbeit beim Bau neuer Vernichtungsanlagen, an der Rampe, bei der Verwertung des Raubguts, bei der Beseitigung der Leichen, im Dunstkreis der SS und ihrer Aktionen – überall lernt er das Lager, seine präzise, teuflische Mechanik und seine Hierarchien kennen, Häftlinge und Kapos, Mörder und Opfer. Literarisch tiefer als Primo Levi führe Vrba „in die menschliche Natur der Täter ein“ stellt Beate Klarsfeld in ihrem Vorwort fest. Unsentimental, mit Distanz und Detailgenauigkeit, mit sarkastischem Humor und analytischem Verstand gibt er Zeugnis ab. Aus der Perspektive eines Opfers, das kein Opfer sein wollte.

Fluchtgeschichte

Von Anfang an denkt er an Flucht und daran, seinen Bericht abzuliefern, um damit noch weitere Massaker verhindern zu können. Viele Pläne scheitern, aber er gibt die Hoffnung nicht auf, obwohl er zusehen muss, wie erfolglose Flüchtlinge auf das Grausamste zu Tode gefoltert werden. Wie ihm und seinem Gefährten das Unmögliche gelingt, allein diese dramatische Fluchtgeschichte zieht einen noch immer in ihren Bann. Es ist der echte, unverfälschte Ton, der diese Erinnerungen aus erster Hand so viel bewegender macht als Legionen der Holocaust-Bücher danach. Noch heute zählt dieser tief gehende Einblick in die Todesfabrik zu den wichtigsten Dokumenten der Schoa.

„Irgendwie fanden wir es nicht richtig, dass die Welt sich weitergedreht hatte, während es Auschwitz gab, dass die Leute gelacht und gescherzt, getrunken und sich geliebt hatten, während Millionen starben und wir um unser Leben kämpften.“ ◗

© akg-images/picturedesk.com

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