
Anfang Februar trafen sich in St. Gallen in der Schweiz Vertreter der OSZE-Mitgliedstaaten, um Antworten auf die seit dem 7. Oktober 2023 stark gestiegene Zahl antisemitischer Vorfälle zu finden. Antisemitismus ist derzeit stark zu spüren: in Beschimpfungen und Bedrohungen, in verbalen Entgleisungen oder physischen Angriffen auf offener Straße ebenso wie im digitalen Raum. Zudem sehen sich jüdische Institutionen gezwungen, ihre Sicherheitsmaßnahmen deutlich zu erhöhen.
Gleichzeitig wurde die Wichtigkeit betont, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Eine zentrale Rolle spielt die Erinnerung an den Holocaust. Es ist kein Zufall, dass die Konferenz in St. Gallen durchgeführt wurde. Die Grenzregion steht für gegensätzliche Erfahrungen jüdischer Geschichte: für Menschen, denen dank mutiger Fluchthelfer wie dem St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger die Rettung in die Schweiz gelang – aber ebenso für viele, deren Flucht aus Österreich scheiterte und die später in Nazi- Deutschland ermordet wurden. Mit dem Konferenzort nahe der Grenze zu Österreich setzte die Schweiz ein wichtiges symbolisches Zeichen. Zu den Eröffnungsrednern zählte unter anderem Sepp Schellhorn, Staatssekretär im österreichischen Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten. In seiner Rede unterstrich auch er die Notwendigkeit, Erinnerung nicht bei Symbolik stehen zu lassen, und forderte zum Handeln auf.

Konkret entsteht nun an der Grenze der Schweiz zu Österreich ein transnationaler Vermittlungs- und Erinnerungsort für die Opfer des Nationalsozialismus. Zwischen Diepoldsau und Hohenems in Vorarlberg wird in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems ein Ort des Gedenkens entstehen, der helfen soll zu verstehen, wohin Antisemitismus führen kann. Denn Antisemitismus beginnt nicht mit roher Gewalt. Er beginnt mit Vorurteilen, Worten und Ausgrenzung. Daraus können Übergriffe entstehen, von Beschimpfungen bis zu physischen Angriffen. Auf dieser Grundlage kann letztlich der Wille zur Vernichtung entstehen, wie der Holocaust auf grausame Weise bewiesen hat. Das zeigt auch meine eigene Familiengeschichte. Meine Großeltern flüchteten im November 1938 mit meinem Vater von Wien illegal über den eiskalten Rhein in die Schweiz und retteten sich so vor der Verfolgung und Deportation.
Erinnerungsarbeit allein genügt jedoch nicht. Es braucht Maßnahmen, die dort ansetzen, wo Antisemitismus entsteht. Darum sind länderübergreifende Dialog- und Präventionsprogramme wie Likrat und Meet a Jew von entscheidender Bedeutung. Am Panel der Konferenz zum Thema Voices from the Field: Best practices to prevent Anti-Semitism and other forms of intolerance wurde Likrat durch Eden Barakow (Likrat Österreich/Jugendabteilung der IKG Wien) und Yael Schipper (Likrat Schweiz) vertreten und vorgestellt. Solche Programme, die die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und der Zentralrat der Juden in Deutschland seit Jahren umsetzen und fördern, schaffen direkte Begegnungen, vermitteln Wissen und bauen Stereotype ab. Sie entziehen dem Antisemitismus jenen Nährboden, auf dem er gedeihen kann. Die Zusammenarbeit von Likrat in Österreich und der Schweiz zeigt auf, wie wichtig grenzüberschreitende Präventionsarbeit ist.
Es braucht Maßnahmen, die dort
ansetzen, wo Antisemitismus entsteht.
Darum sind länderübergreifende Dialog- und
Präventionsprogramme wie Likrat und Meet a Jew
von entscheidender Bedeutung.
Es braucht aber nach wie vor den Mahnfinger, damit sich der Holocaust nicht wiederholen kann. Das „Nie wieder!“ ist keine Floskel, sondern eine Notwendigkeit. Das entstehende Erinnerungs- und Vermittlungsprojekt im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Österreich ist darum wichtiger denn je. Wie an der Konferenz mehrfach betont wurde, macht Antisemitismus vor nationalen Grenzen keinen Halt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer vertieften Zusammenarbeit der Staaten. Mit Blick auf den Ort des Gedenkens an der schweizerisch- österreichischen Grenze ist eine engere Zusammenarbeit zwischen der Schweizer Eidgenossenschaft und der Republik Österreich anzustreben.
Es braucht mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner. Weniger deutlich wurde an der Konferenz, wie schwierig sich der Kampf gegen Antisemitismus in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage gestaltet. Die Erinnerung an den Holocaust und die Bekämpfung antisemitischer Denkmuster stehen heute zunehmend in Spannungsfeldern, die Debatten belasten und Diskussionen verengen. Und so stand in Anwesenheit der politischen Vertretungen ein Elefant im Raum, über den kaum gesprochen wurde – wohl um keine politischen Gräben aufzureißen und eine gewisse zwischenstaatliche Einigkeit zu zelebrieren.
Dabei kann der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur auf Grundlage eines kleinsten gemeinsamen Nenners geführt werden. Es braucht auch die Bereitschaft, schwierige und kontroverse Fragen offen anzugehen. An der Konferenz konzentrierte man sich dagegen vor allem auf das Gemeinsame: Antisemitische Vorurteile müssen gezielt und strategisch angegangen und das Engagement für die Erinnerung an den Holocaust weitergeführt werden, über Grenzen hinweg. Die Schweiz und Österreich bzw. Akteure in diesen Ländern machen hier bereits einen Anfang, der richtig und wichtig ist.
Jonathan Kreutner ist Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), Historiker und Vorstandsmitglied des Vereins, der den transnationalen Vermittlungsort in St. Gallen fördert. Seine eigene Familiengeschichte ist zudem eng mit der Grenzregion St. Gallen verbunden.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Jüdischen Allgemeinen“ und wurde vom Autor für „WINA“ angepasst.
























