Niemand bleibt zurück?

In den historischen 48 Stunden zwischen dem Abschluss des letzten Geiselabkommen bis zur tatsächlichen Freilassung der 20 Überlebenden am Tag vor Simchat Tora hielt ganz Israel den Atem an. Jubel und unbändige Freude mischten sich mit der Sorge um den Zustand der Geiseln und der Angst, dass im letzten Moment vor ihrer Übergabe an das Rote Kreuz noch etwas schiefgehen könnte. Nun beginnt die Arbeit an der Rekonvaleszenz der Rückkehrenden, und es bleibt die Ungewissheit, ob auch die toten Geisel wirklich übergeben werden.

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Matan Zangauker, 25, mit seiner Mutter Einav. © AFP / picturedesk.com;

„Ima, was ist hier los?“, soll der junge Alon Ohel seine Mutter gefragt haben, als er vom Hubschrauber aus die jubelnde, wartende Menge erspähte. Er war, wie die meisten Gefangenen, während der letzten zwei Jahre von den aktuellen Nachrichten abgeschnitten gewesen und wusste, außer dass in Israel Krieg herrschte, kaum etwas. Die Heimkehrenden hatten keine Ahnung davon, wie sehr der Großteil der israelischen Bevölkerung um sie bangte, sie wussten nichts vom Kikar HaChatufim, dem Platz der Geiseln, und den wöchentlichen riesigen Demonstrationen, nichts von den vielen Installationen und Aktionen im In- und Ausland und von den endlosen Bemühungen ihrer Familien und deren Unterstützer, sie freizubekommen. Ungläubig und angesteckt von der großen Freude staunten sie über die unglaubliche Welle von Liebe, die ihnen von der Menge entgegen strömte, als sie vor den Spitälern aus den Mini-Vans stiegen. Und plötzlich verstanden sie, dass das ganze Volk auf sie gewartet hatte.

Avinatan Or, 32, wurde von seiner Familie und Freundin empfangen. Eine junge Frau beim Anflug der ersten Hubschrauber © MENAHEM KAHANA / AFP / picturedesk.com;

„722 Tage habe ich Alon nicht lachen und nicht Klavier spielen gehört“, stand auf dem beklemmenden von Alon Ohels Eltern immer wieder aktualisierten Banner auf der Strandpromenade, als ich das letzte Mal dort vorbeiging. Alon musst beim letzten Geiselabkommen in Gaza zurückbleiben, während sein Freund, mit dem er gemeinsam im Tunnel gefangen gewesen war, freikam. Unvergesslich bleibt die Sorge seiner Eltern um seinen Gesundheitszustand und das verzweifelte Schluchzen seiner Mutter auf der Bühne des Kikar HaChatufim, nachdem sie von den Freigelassenen verstanden hatte, dass Alon verletzt, angekettet und völlig abgemagert im Tunnel zurückgeblieben war.

Ungläubig und angesteckt von der großen Freude
staunten sie über die unglaubliche Welle von Liebe.

Doch sie war nicht allein in ihrem Schmerz, viele hunderttausende Israelis haben die Familie Ohel und all die anderen Familien während dieser letzten zwei Jahre in ihrem Kampf um die Freilassung unermüdlich unterstützt und das Versprechen „Ihr seid nicht allein“ immer wieder aufs Neue bewiesen. Das Prinzip, dass niemand zurückgelassen wird, ist in der jüdischen und israelischen Tradition ungemein wichtig, und so waren auch am Samstagabend nach Bekanntwerden des letzten Abkommens mit der Hamas der Kikar HaChatufim und die umliegenden Straßen wieder dicht gefüllt von Menschen, die das Schicksal der Geiseln mit dem ihrigen verbunden hatten. Diesmal konnte man anstatt der Tränen, der Wut und der Verzweiflung der letzten zwei Jahre erstmals Jubelrufe und vorsichtige Freude spüren, während Steve Witkoff, Jared Kushner und Ivanka Trump sichtlich selbst gerührt ihre Reden hielten.

Omri Miran, 48, umarmt sein Kind nach zwei Jahren. © AFP / picturedesk.com

Dr. Einat Yehene, Rehabilitationspsychologin im Forum von „Bring them home“, spricht von „der außergewöhnlichen und unglaublichen Resilienz des Volks“ und dem ungewöhnlichen Phänomen, dass so viele Menschen so lange und so intensiv vom Schicksal der Geiselfamilien beeinflusst waren. Am Tag der Freilassung stieg in Tel Aviv die Aufregung ins Unermessliche, als man diesmal statt den angreifenden Raketen und dem ständigen Dröhnen der Kampfflugzeuge das Rauschen der Helikopter, die die Heimkommenden in die Spitäler brachten, über den Häusern hören konnte. Tausende Menschen winkten von Straßen und Balkonen, einige bliesen sogar Schofar. Und es gab wohl kaum jemanden, der nicht mit Tränen in den Augen die aktuellen Nachrichten verfolgte. Sogar Jonit Levi, die bekannte Nachrichtensprecherin von Channel 12, verlor ihre übliche Contenance und konnte anlässlich der ausgestrahlten Bilder des ersten Wiedersehens der Rückkehrenden mit ihren Familien ihre Rührung nur mühsam unterdrücken. „Ist er noch immer mein Papa?“, soll die kleine Alma, eine der Töchter des freigelassenen Omri Meran, gefragt haben, als sie ihren Vater nach zwei Jahren erstmals wiedersah.

„Sie müssen wahrscheinlich erst wieder
erlernen, dass sie individuelle
Menschen sind und freie Entscheidungen treffen dürfen.“

Am 13.Oktober, nach 738 endlosen Tagen, konnte Idit Ohel ihren Sohn endlich wieder in die Arme schließen und ihn auch wieder spielen hören – auf dem Klavier, das ihm im Spital bereitgestellt worden war. Er ist mager, blass und hat schwarze Ringe unter den Augen. Und er hat, wie alle Freigelassenen, noch einen langen Weg der körperlichen und seelischen Rekonvaleszenz vor sich, aber er ist frei. Viele von ihnen waren, bevor ihre „Kerkermeister“ sie in Hinblick auf ihre Freilassung wieder „aufzupäppeln“ begannen, in unmittelbarer Lebensgefahr, und ihr Gesundheitszustand ist noch immer sehr labil. Dr. Hagai Levine, Vorsitzender des Ärzteteams im Forum, recherchierte in den letzten zwei Jahren, welche Auswirkungen der kollektive Albtraum und seine Folgen auf die Geiseln und ihre Familien, aber auch auf ihre Gemeinden und auf die gesamte israelische Bevölkerung haben. Er konnte beobachten, wie sehr dieses nationale Trauma den Zustand der Israelis beeinflusst hat. „Die gesamte Gesundheit der Bevölkerung hat sich in diesen letzten zwei Jahren verschlechtert. Die Leute verloren das Vertrauen in die Obrigkeiten, waren gequält von Schuldgefühlen und Bitterkeit, aßen und schliefen nicht mehr richtig.“

Matan Angrest, 22, selbst eben befreit, besucht das Begräbnis seines Freundes Daniel Shimon Perez. © Ilia Yefimovich / dpa / picturedesk.com;

Was den Gesundheitszustand der Freigelassenen betrifft, meint Dr. Levine bei einem Gespräch mit Journalisten: „Wir werden zuerst versuchen, ihren physischen Zustand, vor allem die Funktion der lebenswichtigen Organe, zu stabilisieren.“ Was die langfristigen psychischen Auswirkungen der langen Tortur und Entmenschlichung sein werden, könne man noch nicht genau einschätzen: „Sie müssen wahrscheinlich erst wieder erlernen, dass sie individuelle Menschen sind und freie Entscheidungen treffen dürfen.“ In den diversen Spitälern erwartete jeden Freigelassenen ein Kit mit persönlichen Toilette- Utensilien, Wäsche, einem Handy, einem I-Pad. Für viele ist es anfangs noch schwierig zu verstehen, dass sie wieder privates Eigentum haben oder dass sie die Toilette aufsuchen können, wann immer sie wollen. Es wird erwartet, dass die mentale Rekonvaleszenz umso schwieriger wird, je länger die Gefangenen allein in den Tunneln verbracht haben. Die meisten von ihnen sind auch extrem unterernährt. Doch während die körperliche Rehabilitation der Rückkehrenden viele Monate dauern kann, werden sie vielleicht ein Leben lang um ihre seelische Genesung kämpfen müssen, erläutert Prof. Levine.

„Ima, ich bin’s, Matan, ich bin nicht gebrochen“, soll Matan Angrist beim Wiedersehen zu seiner Mutter gesagt haben. „Ich wusste immer, dass ich eine Familie habe, zu der ich zurückkehren kann.“ Später erzählte er ihr von den psychischen und körperlichen Torturen, die er vor allem in den ersten Monaten der Gefangenschaft erleiden musste. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, sagte Matans Mutter in einem ersten berührenden Interview unmittelbar nach der Freilassung ihres Sohnes. „Matan ist unterernährt, hat Probleme mit Augen und Gehör, und er hat Verbrennungen auf Armen und Händen und teils verstümmelte Finger. Er kommt aus einer Hölle, hat Flashbacks von Folterungen und weiß nur noch, dass er irgendwann das Bewusstsein verloren hat. Aber jetzt weiß ich, dass wir es schaffen werden.“

Selten sind Schmerz und Euphorie so nahe beieinander. Der Schmerz um all die brutal ermordeten unschuldigen Opfer des 7. Oktober 2023, um jene Geiseln, die es nicht geschafft haben, um die Soldaten, die in diesem Krieg ihr Leben gaben oder noch immer mit schweren Verletzungen in den Spitälern um ihre Wiederherstellung kämpfen, wird noch lange präsent sein. Dazu kommt das Bangen um die Rückstellung der toten Geiseln. Die Hoffnung war, dass alle gleichzeitig zurückkommen. Es sei ein ungemein wichtiger Faktor für die seelische Heilung, dass niemand zurückgelassen wird, damit die Schuldgefühle abgelegt und der Genesungsprozess voll begonnen werden könne, meint Dr. Yehene. Für 24 Familien ist jedoch die qualvolle Reise noch nicht vorüber. Sie warten noch auf die Übergabe der Toten, um ihren Trauerprozess endlich abschließen zu können. Nur vier Särge von den erwarteten 28 wurden bisher überführt. Die Familien fürchten nun, dass sie allein zurückbleiben, ohne die breite Unterstützung am Kikar HaChatufim, und dass sie niemals Gewissheit haben werden, was mit ihren geliebten Menschen wirklich geschehen ist.

Unter den überführten Toten ist auch Jossi Sharabi. Sein Bruder Sharon sagte anlässlich der Freilassung der Überlebenden: „Bei allem Schmerz ist es dennoch ein freudiger Moment.“ Vielleicht darf man jetzt wieder vorsichtig optimistisch nach vorne blicken und mit dem Wiederaufbau beginnen, mit dem Wiederaufbau des Landes, der Wirtschaft, der Gesellschaft.

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