NOCH EINMAL RUDI GELBARD IM OHR HABEN

Mit dem Buch Rudolf Gelbard. Solidarität – Das wichtigste Prinzip setzt die Theodor Kramer Gesellschaft dem steten Kämpfer gegen Faschismus ein liebevolles Denkmal. Zu Wort kommt dabei vor allem er selbst.

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Rudolf Gelbard in Aktion: Wer ihn je live erlebt hat, weiß: Hier wurde mit Worten, Gesten und Leidenschaft gerungen. Foto: Daniel Shaked

Der Ritualmord-Prozess von Tiszaeszlár, der Hilsner-Prozess in der Tschechoslowakei, der Beilis-Prozess in Russland, der Dreyfus-Prozess.

Die nationalen Burschenschaften Teutonia, Gothia, Bruna Sudetia, Libertas, Olympia.

Die Krone-Journalisten Viktor Reimann, Cato alias Hans Dichand, Staberl und Kurt Seinitz und wie sie in der Causa Waldheim Stellung bezogen.

 

Der Holocaust-Überlebende und stetige Aufklärer Rudolf „Rudi“ Gelbard (1930–2018) war ein überzeugender Redner und ein lebendiges Lexikon. Namen, Daten, Buchtitel, Begebenheiten: Er schüttelte alles aus dem Stegreif aus dem Ärmel.

Thematisch nicht so Bewanderten schwirrte da bisweilen schon einmal der Kopf. Damit möglichst viele möglichst bewandert werden, teilte Rudi Gelbard sein Wissen aber gerne – nicht nur in seinen Erzählungen, auch über Zeitungsartikel und Buchempfehlungen, die er an einen immer größeren Kreis auch postalisch verschickte.

Die Theodor Kramer Gesellschaft lässt Rudi Gelbard in einem nun von Marcus Strohmeier und Alexander Emanuely herausgegebenen Band noch einmal das Wort ergreifen. Im Zentrum des Buches Rudolf Gelbard. Solidarität – Das wichtigste Prinzip steht die wortgenaue Wiedergabe eines Interviews, das der Gewerkschaftssekretär, Politologe und Historiker Strohmeier 2013 mit dem Theresienstadt- Überlebenden, überzeugten Sozialdemokraten und Zionisten Gelbard geführt hat. Der Schriftsteller und Kulturhistoriker Emanuely sorgt für die umfangreichen Endnoten: Hier werden all die Personen, historischen Begebenheiten, Orte, Organisationen, die Gelbard im Interview nennt, erläutert und eingeordnet. Den Abschluss bildet eine sehr persönlich gehaltene Biografie des unermüdlichen Zeitzeugen, ebenfalls von Emanuely verfasst.

Wer das hier wiedergegebene Interview liest und Rudi Gelbard kannte, wird seine Stimme, seinen Sprachduktus wieder im Ohr haben. Mir jedenfalls ging es so. Wer ihn kannte, weiß auch, dass er schon auch einmal laut werden konnte, wenn ihn eine Wortmeldung in einer Debatte erzürnte. Mit Verve setzte er sich stets für seine Überzeugungen, aber auch für das Hochhalten der Wahrheit, das Nichtbeschönigen dessen, was in der NS-Zeit, aber auch danach passierte, ein. Rudi Gelbard hat den 7. Oktober 2023 nicht mehr erlebt. Wie er auf alles, womit Jüdinnen und Juden weltweit seit diesem Tag konfrontiert sind, reagiert hätte? Ich nehme an, mit klaren Worten.

 

„Ich würde mir wünschen, dass man
die Grundbegriffe und die Grundtatsachen
kennt und weiß, dass Solidarität
das wichtigste Prinzip ist.“
Rudolf „Rudi“ Gelbard

 

In dem 2013 geführten Interview befragte Strohmeier seinen Gesprächspartner auch zum Thema Antisemitismus. „Heute scheint der Antisemitismus leider in Österreich wieder zu wachsen, wohl weil die Rechten einfach ungehemmter agieren als noch vor einigen Jahren. Wie siehst du die heutige Jugend in Österreich? Glaubst du, ist sie gefestigter als noch vor Generationen?“

Gelbards Antwort von damals: „Es sind heute drei Gruppen, wo es für Juden problematisch wird. Die erste Gruppe ist natürlich, da brauchen wir ja nicht reden, siehe Aula, siehe Zur Zeit, siehe den Eckartsboten oder Eckart, wo, wenn man das genau liest, natürlich manches Mal sehr mit Codes gearbeitet wird. Wenn man das Handbuch des Rechtsextremismus liest, brauchen wir ja nicht mehr weiterreden. Das ist die eine.

Marcus Strohmeier, Alexander Emanuely (Hg.): Rudolf Gelbard. Solidarität – Das wichtigste Prinzip. Theodor Kramer Gesellschaft 2026, 156 S., € 21

Die zweite ist, da muss man sehr, sehr vorsichtig sein, dass es einen kleinen oder mittleren, das ist schwer zu bestimmen, Teil der äußersten Linken gibt, die durch den Nahostkonflikt antizionistische Positionen haben. Die gelegentlich, gelegentlich, sehr problematisch sind. Ich bin jetzt sehr vorsichtig, weil zum Beispiel ja konkret eine ganz andere Linie hat oder so weiter. Das muss man sich ganz genau anschauen. Besonders das Buch von Margit Reiter zu dieser Frage. Da muss man sehr vorsichtig sein.

Und die dritte Gruppe ist die muslimische Gemeinde, bitte hier auch kein Pauschalurteil, weil wir, die jüdische Gemeinde, einen sehr guten Kontakt mit ihnen suchen und auch haben, so wie auch mit der katholischen, das ist ja gar keine Frage. Aber es gibt, wahrscheinlich, besonders in Deutschland hat man das gesehen, einzelne muslimische Jugendliche, wo der Nahostkonflikt, es gab Vorfälle, zu Übergriffen führt. Noch einmal: keineswegs, ich betone das ausdrücklich als alter Internationalist, der ich immer war und bin, kein Pauschalurteil. Wir suchen sehr den Kontakt und haben ihn auch. […] In Österreich leben ja auch Muslime, die manches Mal einem Anti-Islamismus gegenüberstehen, zu dem wir übrigens in der Kultusgemeinde immer gesagt haben: Wir sind an eurer Seite. Den Satz von der FPÖ ‚Daham statt Islam‘, ‚Pummerin statt Muezzin‘, da werden wir immer auf eurer Seite sein. Das ist keine Frage.“

Ob sein Fazit heute ähnlich oder ganz anders ausfallen würde? Dazu kann man nur spekulieren. Was seine Worte aus dem Jahr 2013 aber eindrucksvoll illustrieren: Zeitenbrüche gehen rasch vonstatten. Stimmungen ändern sich rasant.

Das hat Gelbard als Kind und Jugendlicher selbst erlebt.

Er war sieben Jahre alt, als Österreich nationalsozialistisch wurde. Und elf, als er mit seinen Eltern nach Theresienstadt deportiert wurde. Mit seinen Erinnerungen an diese Zeit beginnt auch das Interview, das Strohmeier mit ihm geführt hat. Und es endet mit einem Bekenntnis zum Prinzip der Solidarität. „Ich würde mir wünschen, dass man die Grundbegriffe und die Grundtatsachen kennt und weiß, dass Solidarität das wichtigste Prinzip ist. Das habe ich im Leben gelernt, dass der Einzelne in manchen Situationen die Solidarität einer Gemeinschaft braucht.“

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