„Noch ist die Rechnung nicht gemacht“

Dem großen Amos Oz (1939–2018) noch einmal beim Denken und beim Sprechen zuhören kann man jetzt lesend in einem Band seiner gesammelten Reden.

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Fania Oz-Salzberger, Gafnit Lasri Kokia (Hg.): Amos Oz: Worte. Essays und Reden. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. Suhrkamp 2026, 303 S., € 26,80

25 war Oz, als er in einem Radiointerview die Frage aufwarf: „In was für einem Staat Israel wollen wir eigentlich in dreißig Jahren leben?“ Da schrieb man das Jahr 1964, und Amos war noch ein Kibbuznik in Chulda.

Die Frage nach der Zukunft des Landes begleitete den Erzähler, politischen Aktivisten und Public Intellectual also von Anbeginn. Nicht nur altersgemäß verdüsterte sich sein Ausblick auf die Entwicklungen seiner Heimat zunehmend, und er versäumte keine Gelegenheit, kein Forum, um unermüdlich vor deren Konsequenzen zu warnen. Doch dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land, aber „im Land der Propheten“ überdies noch mit „viel Konkurrenz“ zu kämpfen hat, wusste er nur zu gut.

Rückblickend lesen sich die Interviewaufzeichnungen und Redentexte, die seine Tochter Fania Oz-Salzberger gemeinsam mit der Redakteurin Gafnit Lasri Kokia nun in Buchform herausgebracht hat, nicht nur wie sein Vermächtnis, sondern auch wie erschreckend hellsichtige Befunde der jeweiligen Gegenwart Israels, vom Sechstagekrieg und den vielen folgenden Konflikten bis hin zum Sommer 2018, als er seinen letzten Vortrag – Noch ist die Rechnung nicht gemacht – an der Universität Tel Aviv hielt. Er endet mit seinem seit Jahren wiederholten Ceterum censio, der Überzeugung, dass es schmerzlich, aber unausweichlich sei, das Land zu teilen.

„Ich möchte nirgendwo mehr Minderheit sein.“

 

Prophetisch. Der ehemalige Oberfeldwebel der israelischen Armee bezeichnete diese Lösung als alternativlos. Oz war dabei kein naiver Pazifist, obwohl er der Friedensbewegung angehörte, und trotz seiner strahlend blauen Augen kein blauäugiger Schriftsteller. Mit Schaudern erkennt man, dass uns sein dunkles Szenario fast schon eingeholt hat: „Ich sehe voraus, dass in nicht ferner Zukunft Flughafenarbeiter in Amsterdam oder Dublin oder Madrid sich weigern, El-Al-Flugzeuge abzufertigen. Käufer israelischer Produkte boykottieren und in den Regalen liegen lassen.“

„Wir sind schon auf halbem Weg dorthin“, erklärt er im Februar 2015, denn ohne Zwei-Staaten-Lösung drohe eine Diktatur extremistischer Juden, am Ende ein arabischer Staat „vom Mittelmeer bis zum Jordan“ und davor „vielleicht noch ein internationaler Boykott oder ein Blutbad oder beides auf einmal“.

Was hätte dieser Rufer in der judäischen Wüste wohl zum 7. Oktober 2023 gesagt? Dass er das Land, dass er die hebräische Sprache, deren Wiederbelebung er als größtes „Wunder“ betrachtet, leidenschaftlich liebt, dass er, der säkulare Jude, die Bibel verehrt und kenntnisreich zu deuten weiß, gehört zu den Selbstverständlichkeiten seiner Existenz, wie er immer wieder wort- und variantenreich ausführt, in seiner wunderbaren Literatur ebenso wie in seinen Essays und politischen Wortmeldungen.

Herzl und die Gründergeneration, die Shoah und seine eigene Familiengeschichte reflektierend, beschäftigt den Zionisten Oz immer wieder das Thema des Zionismus und der jüdischen Identitäten, in der Diaspora und im jüdischen Nationalstaat. Prinzipiell lehnt er die Idee jedes Nationalstaats ab, doch mit Blick auf die Geschichte weiß er, „ich möchte nirgendwo mehr Minderheit sein“.


Amos Oz: Trotz seiner strahlend blauen Augen war der Pazifist kein
blauäugiger Schriftsteller und wohl deshalb
auch die wichtigste literarische Stimme Israels.


Und wie in dieser Frage ist Oz auch in anderen großen Problemen wie Krieg und seine Mittel, Frieden und sein Preis niemals dogmatisch oder fanatisch. Mit der ihm eigenen Ironie nennt er seine Streitschrift gegen jede Form des Extremismus Liebe Fanatiker, lässt sie in den Siedlungen verteilen und unter anderem auch ins Arabische übersetzen.

Wer das Vergnügen hatte, Amos Oz 2007 bei der „Literatur im Nebel“ im Waldviertel zwei Tage lang live zu erleben, wird in vielen Passagen des Bandes an seine geistreichen und humorvollen Äußerungen, vielleicht sogar an seine Stimme erinnert werden.

Wie groß die Lücke ist, die sein Ableben nicht nur in Israel hinterlässt, davon kann man nun auch nachlesend eine Ahnung erhalten.

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