Die Geschehnisse des 7. Oktober 2023 und die daraus resultierenden Entwicklungen, die sich in Form einer antisemitischen Welle die Weltbevölkerug erfasste, legen die Vermutung nahe, dass das Motto „Nie wieder!“ in zahlreichen Fällen nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist. Aus diesem Grund schließt sich die Redaktion dem vorliegenden offenen Brief österreichischer Literatinnen und Intellektuellen und den darin formulierten Gedanken und Hoffnungen an. Das reine Gedenken an historische Ereignisse reicht nicht mehr aus, um eine Verbindung zur Gegenwart herzustellen. Am 10. November wird in Wien der Gedenkmarsch der jüdischen Jugend Wiens stattfinden und die „Lights of Hope“ durch die Innenstadt tragen – für eine unbeschwerte Zukunft in Österreich ohne Antisemitismus. Gehen wir diesen Weg alle gemeinsam.

Nachfolgend finden Sie den offenen Brief im Wortlaut:
Gedenken als Bekenntnis reicht nicht mehr aus
Zum Gedenken an die November-Pogrome vor 87 Jahren
Es ist 2025 und der Antisemitismus wird – wieder – zum Alltagsphänomen für Jüdinnen und Juden. 726 antisemitische Vorfälle wurden allein im ersten Halbjahr 2025 registriert. Die Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien verzeichnete in den Sommermonaten seit Juni bereits mehr Angriffe und Bedrohungen als im gesamten ersten Halbjahr – die Lage ist alarmierend. Wir gedenken am 9. November der Pogrome, die 1938 den Anfang der Schoa einläuteten. Nie hätten wir gedacht, dass wir 2025 wieder vom enthemmten Antisemitismus sprechen müssten oder dass Antisemitismus als Alltagsbedrohung für Jüdinnen und Juden gelten könnte.
In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten waren es Appelle an die Zivilcourage, die uns wach halten sollten. Sie haben ihre Wirkung offensichtlich verfehlt: Was wir sehen, ist eine ständige Grenzverschiebung des Sagbaren, und antisemitische Übergriffe, Beleidigungen und Gewalttaten sind an der Tagesordnung. Heute ist es für jene, die sich persönlich konsequent gegen jeden Antisemitismus stellen, zur Mut-Frage geworden, dies auch öffentlich zu tun. Viele schweigen aus Angst, sie könnten als Nächste an den Pranger eines wütenden Online- Mobs gestellt oder aufgrund ihrer Haltung gegen jeden Antisemitismus gecancelt werden. Vergessen wird all zu oft, dass wir eine Verantwortung für unsere Gesellschaft haben, wenn sie von Antisemiten und Antisemitinnen angegriffen wird. Es geht nicht darum, zur Situation im Nahen Osten das Falsche oder Richtige zu sagen. Worum es geht, wofür uns in erster Linie Verantwortung zukommt, sind die Zustände in unserer Gesellschaft. Es sind Antisemiten und Antisemitinnen, die wieder Gräben in unserer Gesellschaft aufzureißen versuchen, um eine Atmosphäre des Misstrauens und der Unsicherheit zu schaffen. Die Zahlen des Halbjahresberichts der Antisemitismus Meldestelle sprechen eine deutliche Sprache, und wir spüren diesen Trend auch in der Kunst und Kultur, an den Universitäten und vor allem in den sozialen Netzwerken. Der Antisemitismus betrifft uns alle und wir müssen handeln, gemeinsam und öffentlich, um die Risse in unserer Gesellschaft zu kitten, die offene Gesellschaft und ja, auch das jüdische Leben in Österreich und uns vor der Spaltung zu bewahren. Wir müssen jetzt handeln, damit sich nicht wiederholt, was sich nie wieder wiederholen sollte – Gedenken als Bekenntnis reicht nicht mehr aus. Ein erster kleiner Schritt dazu ist oft schwierig – aber immer möglich. Am 10. November um 18 Uhr am Karmeliterplatz veranstaltet die jüdische Jugend Wiens den Light of Hope, einen Gedenkmarsch in Erinnerung an die Novemberpogrome, für eine unbeschwerte Zukunft in Österreich, frei von jedem Antisemitismus. Wir sind eingeladen, diesen Weg mit ihr gemeinsam zu gehen. Nur so werden wir eine Trendumkehr für eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Demokratie für alle erreichen.
Unterzeichner*innen:























