
Er wurde bekannt durch ein ikonenhaftes Bild: Russische Soldaten hissen die rote Fahne über dem Berliner Reichstag. Die feindliche Hauptstadt ist erobert, der Krieg über Nazi-Deutschland gewonnen. Heute weiß man, dass das Bild gestellt war, sogar später nachbearbeitet: Eine der beiden Uhren des Soldaten wurde herausretuschiert, Rauchsäulen wurden eingefügt, schließlich waren die Kämpfe schon zwei Tage vorbei, es sollte aber dramatisch wirken. Der Fotograf war Evgeny Khaldei. Er war mit der Roten Armee mitgezogen, fiel später – als Jude – in Ungnade, war lange ohne Job in seiner Branche, kam dann zurück – und wurde wieder aussortiert.
An diesen großen russischen Fotografen erinnert derzeit in Wien eine Ausstellung, die von der russisch-ukrainischen Gemeinde organisiert wird, der Jewish Russian Speaking Community Vienna. Die Fotos kommen vom Sammler Vadim Levin, der den gesamten Nachlass von Khaldei von dessen Schwester erworben hat und nun – themenbezogen – in internationalen Ausstellungen präsentiert. Der Start in Wien nennt sich Beyond Nuremberg. The Camera as Witness (Über Nürnberg hinaus. Die Kamera als Zeuge). Khaldei war als Fotoreporter beim ersten großen NS-Prozess in Nürnberg akkreditiert – ein Bild seines berühmten Kollegen Robert Capa zeigt ihn im Gerichtssaal mit einer Kamera. Die aktuelle Ausstellung reicht aber über diesen Anlass deutlich hinaus, zeigt auch Fotos, die Khaldei als embedded Reporter an anderen Orten gemacht hat, etwa in Ungarn oder in Wien.
Es begann mit einem Pogrom. Schon als Kind musste Evgeny Khaldei Brutalität und Mord erleben. Im März 1918, als Evgeny kaum ein Jahr alt war, schützte ihn seine Mutter mit ihrem eigenen Körper vor der Kugel eines Nationalisten, der mit seinem Trupp die Juden im ukrainischen Juzovka, dem heutigen Donezk, überfiel. Die Kugel durchschlug sie und blieb unter den Rippen des Kindes stecken. Khaldeis Mutter starb an der Attacke.
Auch die Fotografie begann für Evgeny sehr früh. Schon mit dreizehn Jahren baute er aus einem Pappkarton und der Linse der Brille seiner verstorbenen Großmutter seine erste Kamera. Die Frage, die er sich ein Leben lang stellte, so Khaldei, lautete nicht, „Was sehe ich?“, sondern: „Was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?“

Evgeny begann dann in seiner Heimatstadt, die inzwischen nach dem Diktator Stalin Stalino hieß, eine Lehre als Fotolaborant. Ab 1930 dokumentierte er als Fotograf in einem Stahlwerk vor Ort mit Reportagen die so genannten Bestarbeiter, die mehr leisteten, als die Normen vorgaben. Zwei Jahre später sah er auf Reisen durch das Land das Massensterben der großen Hungersnot. 1936 bekam er eine Fixstelle bei der Nachrichtenagentur TASS. Von 1941 bis 1945 war er als Fotograf der Sowjetarmee zugeteilt, an den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen. Er schätzte nach dem Krieg, dass er dabei insgesamt mehr als 30.000 Kilometer zurückgelegt habe. Er kam etwa nach Murmansk oder auf die Krim, rückte mit der Roten Armee nach Rumänien, Bulgarien und Ungarn vor, fotografierte die Kämpfe um die Befreiungen von Wien und Berlin. Was er damals noch nicht wusste, war, dass schon 1941 und 1942 sein Vater und seine drei Schwestern von den Deutschen in Stalino ermordet worden waren.
Nach dem Kriegsende berichtete Khaldei von den folgenden politischen Verhandlungen und den ersten Kriegsverbrecher- Prozessen, aus Potsdam, aus Nürnberg, aus Paris, und über die große Moskauer Siegesparade. Doch schon 1948 wurde er als so genannter „wurzelloser Kosmopolit“ – gemeint war: als Jude – von der TASS gefeuert und durfte auch nicht mehr für die Parteizeitung Pravda arbeiten. Jahrelang war er auf Gelegenheitsjobs angewiesen, und erst als Nikita Chruschtschow an die Macht kam, stellte ihn die Pravda 1956 wieder ein, um ihn 1972 erneut zu entlassen. Er lebte weitgehend unbekannt in Moskau, wurde dann langsam im Westen gewürdigt und etwa 1995 zu einem Festival ins französische Perpignan eingeladen. Evgeny Khaldei starb 1997 in Moskau.
Das Archiv des Sammlers. Die Fotos von Khaldei, die jetzt in Wien gezeigt werden, stammen alle aus der Sammlung des Privatmannes Vadim Levin. Der russische Ökonomieprofessor und langjährige Banker, Sohn eines jüdischen Vaters, wurde in Leningrad, St. Petersburg, geboren. Er lebte bis vor Kurzem in der Nähe von London, wo seine Kinder studierten, ist aber jüngst nach Zypern übersiedelt.
Levin war neben seinem Brotberuf immer ein leidenschaftlicher Fotograf: „Begonnen habe ich mit sieben Jahren, damals besuchte ich meinen ersten Fotoklub. Es ist traditionelle Fotografie, analog, schwarzweiß, die mich interessiert. Ich habe immer selbst entwickelt, mir dazu auch ein professionelles Labor eingerichtet, zuerst in England, jetzt in Zypern.“ Seine eigene Fotografie konzentrierte sich dann nach seiner Bank- Laufbahn auf Architektur, etwa von St. Petersburg oder von Venedig. Gemeinsam mit anderen Fotografen arbeitete er an einem internationalen Projekt, indigene Stämme zu dokumentieren, und reiste dazu nach Indonesien oder nach Papua Neuguinea.
Mit zunehmendem Wohlstand begann Levin etwa vor zehn Jahren auch zu sammeln. Er besuchte Auktionen und Ausstellungen, arbeitete sich ein, erwarb erste Fotos bekannter Meister wie Robert Capa. Und auch Werke von Khaldei waren bereits darunter, etwa ein Abzug des berühmten Bildes mit der Roten Fahne über dem Reichstag.
Mit Robert Capa war Khaldei befreundet,
sie hatten sich in Paris getroffen, und auch in Nürnberg.
Dann ergab sich die Gelegenheit, das gesamte Archiv von Khaldei zu kaufen. Ein Moskauer Freund erzählte ihm von dessen Existenz – und dass Khaldeis Tochter bereit wäre, es abzugeben, weil sie Geld brauchte. „Das war eine ungewöhnliche Geschichte“, so Levin. „2022 war die Zeit von Covid, daher konnte ich zunächst gar nicht aus England nach Russland reisen. Dann haben wir uns zwar über den Preis geeinigt, aber internationale Überweisungen waren wegen des Ukrainekriegs nicht möglich. Daher hat mein Vater, der in Russland lebt, bezahlt und mir das Geld vorgestreckt.“

Wie sah dieser Nachlass denn aus? Die Tochter hatte in ihrer Wohnung 36 Schuhkartons voller von Khaldei selbst beschrifteter Negative, wusste aber nicht genau, was darin war. Es handelt sich nicht um sein gesamtes Werk, aber doch einen großen Teil davon.
Levin begann gleich nach dem Kauf, mit einem kleinen Team alles zu inventarisieren, einzuscannen, digitale Kopien anzufertigen, historische Hintergründe zu recherchieren. Insgesamt sind es mehr als 27.000 Fotografien. Für Ausstellungen macht Levin die großformatigen Abzüge selbst in seinem Labor: „Die Qualität der Negative ist sehr gut, vielleicht mit der Ausnahme mancher Bilder aus dem Krieg. Khaldei fotografierte ja meist mit einer Leica III, eher selten mit einer Rollei-6×6-Kamera.“
„Übrigens hat Khaldei mit Hingabe gearbeitet und seine Negative selbst belichtet“, erzählt Levin weiter. „Ich weiß ein bisschen über die Geschichte der Fotografie. Das haben ganz wenige der großen Fotografen gemacht. Neben ihm nur Ansel Adams, der amerikanische Landschaftsfotograf. So hat etwa Henry Cartier-Bresson kein einziges seiner Bilder selbst entwickelt und gedruckt.“

Mit Robert Capa war Khaldei befreundet, sie hatten sich in Paris getroffen, und auch in Nürnberg. „Beide waren ja Juden. Sie konnten jiddisch miteinander sprechen. Capa konnte kein Russisch, Khaldei weder Französisch noch Englisch.“ Capa schenkte dem Kollegen auch eine amerikanische Pressekamera, eine Speed Graphic. Levin: „Diese habe ich inzwischen gekauft, und so ist auch sie nun Teil meiner Sammlung.“
Levin hat sein Khaldei-Archiv nach Themen gegliedert, nach denen er auch seine Ausstellungen gestalten will. Die Nürnberg-Ausstellung in Wien ist seine erste Schau, die auch in andere europäische Städte wandern soll. „Khaldei ist schon berühmt, aber ich möchte ihn noch bekannter machen. Es hat in den letzten zehn Jahren schon einige Ausstellungen in Europa gegeben, auch hier in Wien im Jüdischen Museum. Das war alles mit Vintage-Fotos, die Khaldei noch selbst gedruckt hatte. Ich möchte mit meinen hochqualitativen, von den Negativen neu entwickelten Fotos arbeiten.“
„Auch für uns ist das ein erster Versuch“, erzählt Anna Kriss, die in der russisch- jüdischen Gemeinde mit einem Team an dieser Ausstellung arbeitet. „In der Galerie Kramer gab es vor dem Sommer nur mehr kurzfristig eine Möglichkeit von zwei Wochen. Das haben wir genutzt. Wenn wir sehen, wie es ankommt, überlegen wir uns Weiteres.“
Die Fotos von Khaldei, die jetzt in Wien gezeigt werden, stammen alle aus der Sammlungdes Privatmannes Vadim Levin.




















