Olga Neuwirth erhält den prestigeträchtigen Wolf Prize

Die israelische Stiftung ehrt die österreichische Komponistin für ihr umfangreiches Werk und ihre humanistische Haltung.

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© Ouriel Morgenstern

Es ist leider nicht überliefert, ob in der von Adolf Loos 1927/1928 erbauten Möller-Villa im 18. Bezirk je Nobelpreisträger zu Besuch waren. In der Residenz des Botschafters des Staates Israel – die sich seit 1950 in diesem Loos’schen Baujuwel in Pötzleinsdorf befindet – waren Anfang Februar 2023 sogar zwei Nobelpreisträger gleichzeitig zu Gast: der Österreicher Anton Zeilinger, der 2022 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, und der Israeli Dan Shechtman, dem im Jahr 2011 der Nobelpreis für Chemie verliehen wurde.

Als „historisches Ereignis“, bezeichnete der Gastgeber, Botschafter Mordechai Denis Rodgold, diesen Abend, nicht nur, weil diese beiden angesehenen Wissenschaftler, selbst Träger des Wolf Prizes, anwesend waren, sondern weil sie und viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur Ehrung einer besonderen Frau gekommen waren: Der Komponistin Olga Neuwirth wurde der renommierte Wolf Prize in Music 2021 hier verliehen.*

Der Wolf-Preis wird seit 1978 vergeben und zählt heute in den Naturwissenschaften zu den angesehensten Wissenschaftspreisen weltweit. Er wird in den Gebieten Chemie, Mathematik, Medizin und Physik sowie Landwirtschaft und Kunst verliehen. Von den bisherigen 50 Physik-Preisträgern wurden in den nachfolgenden Jahren 15 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Die Non-Profit-Stiftung würdigt Neuwirths „außergewöhnliche Meisterschaft, ihr künstlerisches Talent und ihre medialen Fähigkeiten. Olga Neuwirth hat die Grenzen ihrer Kunst erweitert und sie zu einem Werkzeug gemacht, das universellen und idealistischen humanistischen Werten dient“, so die Begründung der Jury. Laut dem Vorsitzenden der Wolf Foundation, Professor Dan Shechtman, werden Persönlichkeiten für ihre Errungenschaften im Dienste der Menschheit und der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Völkern geehrt.

In der Kategorie Musik wird der mit insgesamt 100.000 US-Dollar dotierte Preis nur alle drei Jahre verliehen. Olga Neuwirth teilt sich die Auszeichnung aus dem Jahr 2021 mit dem US-amerikanischen Musiker Stevie Wonder. Wegen der Pandemie konnte die Zeremonie nicht wie gewohnt in der israelischen Knesset abgehalten werden, berichtete der Vorsitzende des Wolf-Preis-Komitees Shechtman, der die Urkunde in Wien übergab.

Die beiden Nobelpreisträger Dan Shechtman und Anton Zeilinger zählten zu den zahlreichen Gratulanten des Abends. © Ouriel Morgenstern

Eine Frau mit Vorbildwirkung. Die Preise werden weltweit ausgeschrieben: In Wien hat die Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst, Ulrike Sych, die Alumna Neuwirth, derzeit Professorin an der mdw, vorgeschlagen und gratulierte ihr in der israelischen Botschaft: „Olga Neuwirth ist eine der bedeutendsten Komponistinnen unserer Zeit, die der Musik neue Wege eröffnet hat. Sie beweist als Künstlerin Haltung und zeigt auch mit den Mitteln ihrer Kunst gesellschaftspolitisches Engagement. Zugleich ist Olga Neuwirth ein starkes Vorbild für Frauen im Bereich der Komposition. Im Namen der Universität gratulieren wir zu dieser Auszeichnung und freuen uns über diese starke Signalwirkung.“

Die 1968 in Graz geborene Olga Neuwirth befindet sich in sehr guter Gesellschaft, obwohl sie sowohl die erste österreichische Preisträgerin (für Physik bekamen den Preis Peter Zoller und Anton Zeilinger) wie auch erst die dritte Frau ist, die den Wolf-Preis zuerkannt bekommen hat. Die früheren Laureatinnen waren die Jahrhundertsängerin Jessy Norman und die Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Unter den Ausgezeichneten in den Sparten Architektur, Malerei, Bildhauerei und Musik befinden sich unter anderen Marc Chagall, Isaac Stern, Yehudi Menuhin, Jasper Johns, Krzysztof Penderecki, Luciano Berio, Pierre Boulez, György Ligeti, Frank Gehry, Jean Nouvel, Paul McCartney, Claudio Abbado und Ricardo Muti.

Auch wenn sich bei Olga Neuwirth diese Auszeichnung an mehrere internationale Preise reiht, zeigte sie sich bei der Verleihung des Wolf-Preises hoch erfreut und emotional berührt. Sie habe sich im Laufe ihres kreativen Schaffens immer wieder mit jüdischer Geschichte und Kultur beschäftigt. „In den 1980er-Jahren suchte ich sehr intensiv nach meiner Identität und las Hugo Bettauers klugen und hellseherischen Roman aus dem Jahr 1922 Die Stadt ohne Juden. Wie das Schicksal so spielt, ersuchte man mich 2016, die Musik zum gleichnamigen Stummfilm zu schreiben, die bei der Weltpremiere der restaurierten Originalkopie in Cincinnati uraufgeführt wurde“, erzählt die zierliche Frau bei ihrer Dankesrede. „Ich versuchte die Jahre 1922 und das Heute zu verbinden, um auf den Alltagshass, den Antisemitismus und die weltweiten Diskriminierungen hinzuweisen, die von der Politik mit leeren Worthülsen abgespeist wird.“

Riesigen Erfolg hatte die Komponistin mit der Uraufführung ihres Orchesterwerks Dreydl** in Lyon im Mai 2022 sowie bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Dresden im Dezember 2022. „Das einsätzige Orchesterwerk Dreydl ist aus meiner Beschäftigung mit den Themen der Erinnerung und dem Vergehen von Zeit entstanden“, erzählt Neuwirth. „Das hat mich schon in meiner ersten Oper Bählamms Fest (1994) dazu veranlasst, ein kleines Fragment von Mordechaj Gebirtigs ,Hulyet hulyet kinderlach‘ mit der Zeile ,Wayl fun friling bis tsum winter is a katzensprung‘ zu verwenden.“ Später inspirierte sie die erste Zeile des jiddischen Kinderlieds Ich bin a kleiner dreydl zum Titel des Orchesterwerks. „Wie das Würfeln, ist der Dreydl ein Spiel mit dem Zufall. Unaufhörlich dreht und dreht er sich und ist deshalb für mich ein Symbol des Lebens.“

Auf der Suche nach künstlerischen Anregungen und Ausdrucksmöglichkeiten überschritt Neuwirth bereits in den 1990er-Jahren die Genregrenzen zwischen Schauspiel, Oper, Hörspiel, Performance und Video, wie zum Beispiel bei The Outcast nach Herman Melville und American Lulu nach Alban Berg. Sie kritisiert in vielen Texten die dürftige Sichtbarkeit und Vernachlässigung der Komponistinnen – aber auch der männlichen Kollegen – innerhalb der Gegenwartskunst. Die Musikerin äußert sich immer wieder zu brisanten gesellschaftspolitischen Themen, wie z. B. in ihrer Rede vor der Wiener Staatsoper bei der Großdemonstration am 19. September 2000 mit dem Titel Ich lasse mich nicht wegjodeln, um nicht nur Wachsamkeit, sondern auch Aktivität bei gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zu fordern. Genau in dieser Staatsoper wurde im Dezember 2019 Neuwirths Oper Orlando, basierend auf dem Roman von Virginia Woolf, uraufgeführt, als die erste von einer Frau komponierten abendfüllenden Oper.

* Siehe Details zu Wolf Prize beim Interview mit Dan Shechtman von Reinhard Engel.
** Ein Dreydl ist ein Kreisel, mit dem Kinder auch heute während des Chanukka-Festes spielen.

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