Operation Greenup

Aus Europa geflüchtete Juden halfen 1945 als US-Agenten, Innsbruck ohne viel Blutvergießen zu befreien. Diese US-Nachrichtendienstaktion fand allerdings nicht Eingang in eine breitere heimische Geschichtsschreibung. Dem setzt nun der österreichische Historiker Peter Pirker sein Buch Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945 entgegen.

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Am Ort des Geschehens. Hans Wijnberg und Fred Mayer im Tiroler Dorf Oberperfuss. © Tyrolia Verlag

Inglorious Basterds, der Kultfilm von Quentin Tarantino mit Brad Pitt, Christoph Waltz, Diane Kruger und Til Schweiger, wurde von der Operation Greenup inspiriert. Doch statt Filmhelden waren reale Menschen am Werk, und so ist die Geschichte weniger glamourös als von Tarantino inszeniert. Weniger Glamour bedeutet aber nicht weniger Mut: Nur Helden trauten sich, in das Europa zurückzukehren, das sie Jahre zuvor als Flüchtlinge verlassen hatten.
Ort des Geschehens war das Tiroler Dorf Oberperfuss in der Nähe von Innsbruck. Hier schleusten sich der damals 23-jährige Friedrich „Fred“ Mayer, der ursprünglich aus Freiburg im Breisgau stammte, und der 22-jährige Hans Wijnberg, der von Amsterdam in die USA geflüchtet war, ein. Der 24-jährige Franz Weber war ihre wichtigste Stütze: Der Wehrmachtsdeserteur brachte sie in seinem Heimatort unter, was das Risiko mit sich brachte, erkannt zu werden, gleichzeitig aber ein dichtes Netz an Helfenden erschloss.
Peter Pirker zeichnet in seinem Buch die Operation genau nach, er schildert die Lebensgeschichten der vom OSS – dem Office of Strategic Services, von 1942 bis 1945 ein Nachrichtendienst der USA – entsandten jüdischen Agenten ebenso wie jene der Helfer in Tirol. Die NSDAP war in dem kleinen Ort nicht wirklich gut verankert. Der Krieg neigte sich dem Ende zu, und dennoch gingen alle Involvierten große Risiken ein. Ein Ortsbewohner überlebte die Operation am Ende nicht, er starb an den Folgen der Folter durch die Nazis (die Mayer, der ebenfalls von den Nazis aufgespürt worden war, wiederum überlebte).
Was Pirkers Ausführungen aber auch zeigen: Die österreichische Geschichtsschreibung verwischte die Spuren dieses jüdischen Widerstands. Fritz Molden widmete zwar sein Buch Fepolinski & Waschlapski der Operation. „Großartig zu lesen, in vielen Aspekten wunderbar erfunden, als verlässliche Quelle für eine Ereignisgeschichte mit größer Vorsicht zu genießen“, so die Einschätzung des Historikers Pirker. Denn: „Der ehemalige Wehrmachtsdeserteur und OSS-Kontaktmann stellte die Missionen des amerikanischen Geheimdienstes in den Donau- und Alpengauen des Deutschen Reichs als Ergebnis eines Generalplans dar, den er Anfang November 1944 mit seiner Widerstandsorganisation O5 entworfen habe.“ Tatsächlich habe aber Molden mit der Planung und Durchführung der Operation Greenup nichts zu tun gehabt, „die Kemater Alm im Tiroler Gebirge als Ausbildungsort für Widerständler blieb der schwärmerische Traum eines bürgerlichen Wieners.“ Bei Molden seien nicht zurückgekehrte Juden die Helden gewesen, sondern „verwegene Tiroler und Wiener Burschen“.

Peter Pirker: Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945. Tyrolia 2019, 367 S., 24,94 € © Tyrolia Verlag

Doch Pirker demaskiert in seiner Arbeit zur Operation Greenup, die nun im Verlag Tyrolia erschien, nicht nur Moldens Schilderungen. Er zeigt auch auf, dass Österreichs großer Zeitgeschichte-Erklärer Hugo Portisch in seiner Dokumentationsreihe Österreich II dieses Narrativ im ORF-Fernsehen verbreitete. Die Befreiung Tirols wurde in Folge 1 (Am Anfang war das Ende) und Folge 4 (Das Ende der „Alpenfestung“) von Österreich II, die 1982 ausgestrahlt wurden, behandelt. Die Operation Greenup, Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber kamen darin jedoch nicht vor. Das Wissen um die Geschehnisse lag jedoch auf dem Tisch, wie Pirker nun nachzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der US-Autor Joseph Persico bereits sein Buch Piercing the Reich: The Penetration of Nazi Germany by American Secret Agents During World War II veröffentlicht.
„Hugo Portisch bevorzugte eine österreichische Version der Befreiung, wahrscheinlich in seiner von den ersten Nachkriegsjahren geprägten Denkweise, die Österreicher mit einer eigenen positiven Geschichte versorgen zu müssen“, konstatiert Pirker. Die Kunst, das zu tun, habe er bei der von der US-Besatzungsmacht kontrollierten Tageszeitung Kurier und als Stipendiat der USA gelernt. In den 1960er-Jahren sei er als Kurier-Chefredakteur die Speerspitze gegen den Antisemitismus einer wiedererstarkenden deutschnationalen Bewegung gewesen.

»Die Behauptung der O5, Innsbruck […]
befreit zu haben, ist in hohem Maß Augenauswischerei.« 

Aus dem Schreiben von Fred Mayer
und Hans Wijnberg

Sensationelle Schwejkiaden. In Österreich II ließ er aber die Befreiung Tirols von zwei österreichischen Helden erzählen, dem ersten Landeshauptmann und späteren Außenminister Karl Gruber und dessen Mitarbeiter Fritz Molden. „Sie schilderten ihre waghalsigen und abenteuerlichen Manöver im April und Mai 1945 in Innsbruck als sensationelle Schwejkiaden. Vor dem Bildschirm saßen mehr als 1,5 Millionen Österreicher. Das Resümee war, dass österreichische Widerstandskämpfer die Befreiung im Alleingang geschafft und den heranrückenden US-Truppen Innsbruck übergeben hätten. Gewiss, das war patriotisch und um ein Vielfaches erhebender als die Alternative: Ein amerikanischer Agent jüdisch-deutscher Herkunft übergibt Innsbruck seinen heranrückenden Kameraden, nachdem er Gauleiter Franz Hofer davon überzeugt hat, die Waffen zu strecken.“
Einer, der die Geschichte so erzählen hätte können, wie sie passiert ist, war Franz Weber. Der Wehrmachtsdeserteur sollte später ÖVP-Politiker werden, war Abgeordneter im Tiroler Landtag, im National- und Bundesrat. Der 1920 Geborene (er ist 2001 verstorben) schwieg sich allerdings bis nach seiner Pensionierung aus. 1988 gab er aber – mitten in der Waldheim-Zeit – dem Journalisten Hans Haider ein Aufsehen erregendes Interview, in dem er von seiner Fahnenflucht, aber eben auch der Operation Greenup berichtete. Portisch hätte das in spätere Dokumentationen einbauen können, merkt Pirker an. „Doch Webers reflektiertes Erzählen schaffte es auch nicht in die späteren Folgen von Portischs Sendungen.“
Wer sofort gegen den rasch etablierten Mythos, die O5 und das Provisorische Österreichische Nationalkomitee (POEN) hätten die Befreiung Innsbrucks bewerkstelligt, Position bezog, waren die beiden jüdischen Agenten Fred Mayer und Hans Wijnberg. Am 24. Mai 1945 verfassten sie für die amerikanischen Nachrichtendienste eine finale Einschätzung des Widerstands und der antinazistischen Aktivitäten in Tirol. „[…] in den ersten beiden Kriegsjahren waren die Österreicher in Tirol im Allgemeinen pronazistisch eingestellt, weil sie profitierten und die Nazi-Armee siegreich war. Die Unterstützung für die Regierung der Nazis ging nur sehr zögerlich zurück, und bis zu den letzten Wochen des Krieges gab es praktisch keinen organisierten oder effektiven Widerstand“, schrieben sie. Und weiter: „Die Behauptung der O5, Innsbruck befreit und die Zerstörung ihrer Einrichtungen und des Radiosenders verhindert zu haben, ist in hohem Maß Augenauswischerei.“
Der Schutz Innsbrucks sei vielmehr ein Verdienst lokaler Österreicher gewesen, nachdem Gauleiter Hofer die Bevölkerung über das Radio aufgefordert hatte, dem alliierten Vormarsch nicht entgegenzutreten. Die Durchsage wiederum sei in Verhandlungen zwischen dem Gauleiter und den Greenup-Agenten erreicht worden, dabei habe Hofer sich einverstanden erklärt, Tirol den Amerikanern intakt zu übergeben.
Pirker hat in seinem neuen Buch ein wichtiges historisches Kapitel Österreichs neu dokumentiert und bewertet. Dass Juden 1945 in Österreich Befreiungsgeschichte mitschrieben, mag damals und auch viele Jahrzehnte später nicht angenehm gewesen sein. Deswegen aber einen rein österreichischen Heldenmythos zu erfinden, erscheint aus heutiger Sicht dreist und befremdlich.

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