Opernführer Marcel Prawy: Einer von 500 Austrian „Ritchie Boys“

Der Historiker Robert Lackner legt eine bemerkenswerte Studie über deutschsprachige Verhörsoldaten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg vor.

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Marcel Prawy und sein berühmtes Sackerl-Archiv.© Weber, Harry/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Als ich 1956 das Musical Kiss me Kate an die Wiener Volksoper brachte, wurde dieses Genre hier vehement abgelehnt“, erzählte der legendäre Opernerklärer Marcel Prawy 1999 in einem TV-Interview mit Helmut Zilk. „Ich bin überzeugt, dass es auch geheißen hat: ‚Der Prawy ist ein bezahlter Agent der Amerikaner und macht das, um die österreichische Kultur zu ermorden.‘“ Der charmante Prawy schmunzelt zwar, aber eine gewisse Bitterkeit dringt dennoch durch. Denn nur weil er 1938 den Nazis entkommen war, konnte er 1946 als Kulturoffizier der US-Army nach Wien zurückkehren.
Ein „Spion“ im herkömmlichen Sinne war er sicher nicht, aber einer der sagenumwobenen „Ritchie Boys“, also einer von knapp 500 Österreichern, die zwischen 1942 und 1945 das wohl speziellste Ausbildungslager der US-Armee im Zweiten Weltkrieg absolvierten: das Military Intelligence Training Center (MITC) in Camp Ritchie, Maryland. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihres kulturellen Know-hows wurden diese unfreiwilligen Emigranten in intensiven acht Wochen zu Verhörspezialisten ausgebildet und stellten damit ein wichtiges Asset für den Kampf gegen Hitler-Deutschland dar. Der Grazer Historiker Robert Lackner recherchierte für sein neues Buch Camp Ritchie und seine Österreicher: Deutschsprachige Verhörsoldaten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg akribisch die Geschichte dieses Trainings und seiner Absolventen nach. Mit seiner faktenreichen Studie liegt erstmals eine namentliche Erfassung aller österreichischen „Ritchie Boys“ vor.

Robert Lackner: Camp Ritchie und seine Österreicher. Deutschsprachige Verhörsoldaten der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Boehlau 2020, 342 S., € 41

Helmut Zilk wollte im erwähnten Interview von Prawy wissen, ob man als Ausländer für diesen Job rekrutiert wurde oder ob es freiwillig geschah? „Die Amerikaner haben da etwas Verbotenes gemacht“, so der spätere Operndramaturg, „sie behaupteten nämlich, dass man ohne diesen Dienst nie die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten würde. Das war eine glatte Lüge, aber so wurden wir alle zu ‚Freiwilligen‘.“ Doch unter den österreichischen Ritchie Boys gab es nicht nur bekannte Kulturschaffende wie den scharfzüngigen Kabarettisten Georg Kreisler oder den Filmtycoon Eric Pleskow. Obwohl der Großteil Juden waren, befanden sich ebenso konservative Ständestaatler wie auch Sozialdemokraten und Kommunisten darunter: Sie waren vor dem NS-Regime geflohen und sahen ihre Aufgabe in der US-Armee als ihren „Widerstand von außen“, so der Historiker Lackner, der bis 2018 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Austrian Center for Intelligence, Propaganda & Security Studies tätig war.

Schwierig war es für den Autor, den Personenkreis als österreichisch einzugrenzen, da viele noch während der Monarchie geboren wurden – daher konzentrierte er sich großzügig auf die sprachliche Prägung und kulturelle Zugehörigkeit. Was den Historiker überraschte, war der große Nachholbedarf der USA im Bereich der Propaganda und psychologischen Kriegsführung. Während die Achsenmächte Italien und Deutschland seit Jahren Propagandaschlachten orchestrierten und Großbritannien über solides Geheimdienstwissen verfügte, hatten die USA mit Kriegseintritt zunächst einen völlig unterentwickelten Auslandsgeheimdienst – und schickten ihre Leute zur Ausbildung nach England. Es fehlte das Personal für die Befragung von Kriegsgefangenen, für das Verfassen von Flugblättern, die zur Kapitulation der deutschen Wehrmacht führen sollten. Jene Migranten, die ihre Familien zurückgelassen oder verloren hatten, galten bei ihrer Ankunft noch als enemy aliens, aber ein Jahr später benötigte man sie: Nach der Landung amerikanischer Truppen in Nordafrika, Sizilien und der Normandie bestand ihre Hauptaufgabe darin, Nachrichten über den Feind einzuholen, „Intelligence“ zu produzieren. Das Erbeuten von Dokumenten, vor allem aber die Verhöre von Kriegsgefangenen sollten taktische und strategische Informationen liefern und die Moral des Gegners einschätzen helfen.

Ich bin überzeugt, dass es auch geheißen hat: ‚Der Prawy ist ein bezahlter Agent der Amerikaner und macht das, um die österreichische Kultur zu ermorden’.
Marcel Prawy

GI und Kulturoffizier. Der Großteil der österreichischen Ritchie Boys ergriff nach 1945 einen zivilen Beruf und baute sich ein neues Leben in den USA auf. Der spätere „Opernführer der Nation“ Prawy und wenige andere kehrten nach Österreich zurück und versuchten hier, den Anschluss an ihr früheres Leben zu finden – ohne sichtbaren Groll und nagendes Ressentiment. Denn auch der humorvolle Opernauskenner mit dem wienerischen Schmäh und den einzigartigen Anekdoten musste einen harten Schnitt in seinem Lebenslauf hinnehmen.
Als Marcell Horace Frydmann Ritter von Prawy 1911 in Wien geboren, stammte er aus einer jüdischen Juristenfamilie, sein musikalischer Vater Richard war Ministerialrat am Verwaltungsgericht. Prawy selbst promovierte zwar als Jurist, studierte aber gleichzeitig Musik bei Egon Wellesz. Seine frühe Opernleidenschaft rettete ihm auch indirekt das Leben. Er lernte den Tenor Jan Kiepura kennen und wurde dessen Privatsekretär. Der polnische Sänger zählte mit Richard Tauber und Joseph Schmidt zu den populärsten „Drei Tenören“ der 1930er-Jahre. Nur mit einer List von Kiepura konnte Prawy im Oktober 1938 mit dessen Familie über Rom in die USA entkommen. Etwas später holte er seinen Vater nach; seine Mutter hatte bereits 1918 Selbstmord begangen. In der Uniform eines GI kam Prawy 1946 als Kulturoffizier nach Wien. In dieser Funktion betreute er den Regisseur Orson Welles, als dieser 1949 in Wien den Film Der dritte Mann drehte. 1950 quittierte er den Dienst bei den US-Streitkräften und wurde Schallplattenproduzent und Veranstalter von Musikabenden im Kosmos Kino.
Ab 1955 war Prawy Dramaturg an der Wiener Volksoper und 1972 sollte er Operndirektor der Wiener Staatsoper werden, der damalige Minister Leopold Gratz entschied sich aber für Rudolf Gamsjäger. So wurde er „nur“ Chefdramaturg des Opernhauses. Doch seiner großen Popularität tat dies keinen Abbruch: Er gestaltete bereits ab 1962 rund 240 Fernsehsendungen und 132 Opern- und Operettenmatineen. Von 1976 bis 1982 war er ordentlicher Hochschulprofessor für Operndramaturgie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien sowie Gastprofessor an zahlreichen amerikanischen und japanischen Universitäten. Der Wiener Ritchie Boy Prawy behielt – ebenso wie Georg Kreisler – seine amerikanische Staatsbürgerschaft bis an sein Lebensende. Dankbarkeit ist doch eine Kategorie.

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