Philosophin in Sprechblasen

Die drei Leben der Hannah Arendt als Graphic Novel aus der Feder des amerikanischen Cartoonisten Ken Krimstein. Eine gelungene Einstiegsdroge in das Universum der Denkerin.

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© Ken Krimstein / dtv Verlag

Was für eine Frau, was für ein Leben! Ungebrochen scheint die Faszination, die Hannah Arendt (1906–1975) auch viele Jahrzehnte nach ihrem Tod auf die Nachwelt ausübt. Zu Lebzeiten lagen ihr die größten Geister des 20. Jahrhunderts zu Füßen, angezogen von ihrem messerscharfen Intellekt, ihrem kompromisslosen Denken, ihrer weiblichen Attraktivität und ihrer deutsch-jüdischen Kultur. Zahlreiche Bücher, Biografien, auch ein Spielfilm spürten ihrem Wesen und ihrem Werk mehr oder minder akademisch nach.
Nun hat es der amerikanisch-jüdische Autor und Cartoonist Ken Krimstein gewagt, seiner ganz offensichtlichen Verehrung für diese Ikone der Philosophie auf seine Weise Ausdruck zu verleihen. In Comic-Form zeichnet er auf und nach, wie „das Denken“ von den Tumulten ihres bewegten Lebens geprägt war. In den USA war seine Graphic Novel unter dem Titel The Three Escapes of Hannah Arendt. A Tyranny of Truth bereits Finalist beim National Jewish Book Award, und sogar die einschlägige Fachwelt zeigte sich von diesem originellen Hybrid aus Biografie, Fiction und Comic begeistert.

»Wenn man als Jude angegriffen wird,
muss man sich als Jude verteidigen.«

Hannah Arendt

Hannah Arendts drei Leben nachgezeichet von Ken Krimstein. © Ken Krimstein / dtv Verlag

Die Freundin bedeutender Männer. Grün gekleidet, spaziert Krimsteins Hannah durch die schwarz-weiß gezeichnete Welt um sie herum. Als Kind in Königsberg macht sie ihre erste Begegnung mit dem Antisemitismus, als Studentin in Marburg erlebt sie mit ihrem Philosophieprofessor Martin Heidegger einen mächtigen „Cocktail aus Lust und Liebe, aus Leidenschaft und Philosophie, aus Geheimnissen und Lügen“, der ihr unter dem Etikett „die Jüdin und der Nazi“ noch lebenslang nachhängen wird. Im Berlin der frühen 1930er-Jahre raucht sie im Romanischen Café mit der Avantgardeelite von Brecht, Chagall, Max Ernst, Schönberg, Weill bis Hitchcock und Einstein ihre schwarzen Havannas, heiratet den Juden Günther Stern und erkennt früher als die meisten die heraufziehende Gefahr. Der Zionist Kurt Blumenfeld heuert sie für eine Propagandaaktion an, die sie geradewegs in Gestapo-Haft bringt. Freigelassen, verlässt sie auf der Stelle mit ihrer Mutter Deutschland, verbringt danach einige Jahre in der Pariser Emigrantenszene und heiratet dort nach ihrer Scheidung Heinrich Blücher. „Er ist kein Jude. Meine Mutter wird ihn hassen. Er ist perfekt“, lässt Krimstein sie sprechblasen. Mit Blücher, einem engen Freund Walter Benjamins, der sich auf der Flucht umbringen wird, gelangt sie 1941 schließlich nach New York, wo ihr eine akademische Karriere als weithin anerkannte Philosophin und politische Theoretikerin gelingt.

© Ken Krimstein / dtv Verlag

Anfeindungen. 1961 lässt sie sich als Berichterstatterin zum Eichmann-Prozess in Jerusalem schicken und verfasst danach ihr vielzitiertes und vor allem von jüdischer Seite heftig angefeindetes Buch von der Banalität des Bösen. Was Eichmann betrifft, so habe sich die Philosophin geirrt, stellt Autorin Simone Frieling im Einklang mit wissenschaftlichen Quellen in ihrem Buch Rebellinnen fest. Als Prozessbeobachterin habe Arendt „die Farce nicht durchschaut, die Eichmann dem Publikum darbot“.
Schrankenloses „Durchdenken“, ein „Denken ohne Geländer“, führt sie letztlich zur Erkenntnis, dass es keine Wahrheit, sondern nur viele Wahrheiten gibt, und so begegnet Arendt der öffentlichen Ächtung mit unerschütterlicher Haltung, zieht sich jedoch bis zu ihrem plötzlichen Tod im Jahr 1975 immer mehr in ihre engsten Kreise zurück. „Hätte ich es gewusst, was auf mich zukommen würde, hätte ich vermutlich akkurat das Gleiche getan“, gestand sie ihrem Freund Karl Jaspers.

© Ken Krimstein / dtv Verlag

Mit sicherem Strich zeichnet Krimstein die Lebensstationen dieser Femme fatale der Philosophie nach, lässt sie im ewig grünen Gewand schrittweise mit dem Jahrhundert altern. Entsprechend leichthändig skizziert er salopp die wesentlichen Grundzüge ihres Denkens und bringt dabei ihre bekanntesten Maximen wie etwa „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen“ fast beiläufig unter.
Seit der inzwischen zum Klassiker avancierten Graphic Novel Maus. Die Geschichte eines Überlebenden von Art Spiegelman darf auch der Holocaust in Sprechblasen-Form zu Wort kommen, und spätestens seit Krimstein gibt es, was komplexe Texte betrifft, offenbar auch keine literarischen Genregrenzen. Wobei die literarische Qualität des Bandes ganz wesentlich von den großzügig eingestreuten Originalzitaten Hannah Arendts und mancher Weggefährten herrührt und die Fallhöhe zur trivialeren Comic-Sprache wohl beabsichtigt ist.
Als Einstiegsdroge in das faszinierende Hannah-Arendt-Universum macht dieser durchaus gelungene Pageturner Lust auf mehr – von und über diese große streitbare Denkerin.

Ken Krimstein:
Die drei Leben der Hannah Arendt.
Graphic Novel.
Übersetzt von Hanns Zischler. dtv, 244 S.,
€ 17,40

 

 

 

 

Simone Frieling:
Rebellinen. Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und Simone Weil.
Ebersbach & Simon, 144 S., € 18,50

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