
Auffälliger Silberschmuck um Stirne und Hals, das Kostüm samt Turban orientalisch anmutend, der Gestus selbstbewusst. Kein Zweifel, hier hat sich eine schöne Frau für ein Foto sorgfältig gekleidet und inszeniert. Ihr Cognito eröffnen die beigefügten Daten: Ida Dehmel, geb.
Ida Coblenz, verh. Ida Auerbach, verh. Ida Dehmel. Geboren am 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein. Tod durch Suizid am 29. September 1942 in Hamburg.
Aus einer jüdischen Winzerfamilie am Rhein stammend, fördert die Frauenrechtlerin Dehmel Künstlerinnen und beschäftigt viele Frauen in ihrer Hamburger Perlenstickerei. 1942 begeht sie Selbstmord, nachdem ihre Möglichkeiten ab 1933 „massiv eingeschränkt“ wurden.
So skizziert schon das erste Foto samt kurzem biografischen Abriss in „a nutshell“ ein ganzes Schicksal und wirft gleichzeitig ein Streiflicht auf die Lebenszeit der Porträtierten.


Rund 60 Frauen, ihre Werke und Ambitionen werden in der Ausstellung und im umfangreichen Katalog vorgestellt, zum überwiegenden Teil sind es heute unbekannte Pionierinnen auf ihren jeweiligen Gebieten. Ob Innenarchitektin, Modezeichnerin, Modistin, Silberschmiedin, Buchgestalterin, Möbel- und Geschirrdesignerin, Grafikerin oder Töpferin: Ihr kreativer Gestaltungswille und Unternehmergeist spiegeln sich sogar in den wenigen Objekten, die sich irgendwo erhalten haben oder in alten Fotos entdeckt werden konnten.

Michal S. Friedländer, die Kuratorin der Schau, hat sie in jahrelanger Recherchearbeit weltweit aufgespürt, zusammengetragen und in einen sinnfälligen Kontext gestellt. Puzzleartig ergänzen die raren Fundstücke Kultur-, Emanzipations- und jüdische Zeitgeschichte.

Widerstände. Jüdische
Designerinnen der Moderne,
hg. v. Michal Friedlander.
Jüdisches Museum Berlin 2025,
320 S., 250 Abb., € 45,00
Ausgegrenzt. Dreifach waren diese Gestalterinnen ausgegrenzt, diskriminiert und marginalisiert: als Künstlerinnen in einer männlich dominierten Kunstszene, als noch immer weitgehend rechtlose Frauen in der Gesellschaft der Zwischenkriegszeit und als Jüdinnen in einem zunehmend antisemitischen Deutschland. Zu etablierten Akademien war ihnen oft der Zugang verwehrt, und so bot etwa die private progressive Kunstschule Reimann bis zum Novemberpogrom rund 20.000 jüdischen Schülerinnen und Schülern eine alternative Ausbildungsmöglichkeit.
Die „Blumendichterin“ genannte Blumenbinderin Franziska Bruck, zu deren Klientel neben Adeligen unter anderem auch Max Reinhardt und Rainer Maria Rilke zählten, bildete viele Frauen in einer von ihr 1912 gegründeten Schule für Blumenkunst aus. Vor der drohenden Deportation beging sie 1942 in Berlin Selbstmord.
Von ihrem Herkunftsmilieu gelöst, gelingen manchen in der kurzen Blütezeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zur NS-Herrschaft auch internationale Erfolge. Religiöse oder zionistisch bewegte Kunsthandwerkerinnen arbeiten oft auch innerhalb der jüdischen Gemeinden, entwerfen etwa Ritualgegenstände wie Silberleuchter oder pädagogische Materialien für das „jüdische Kinderzimmer“. Besonders berührend und einzigartig ist die Kunst der Puppenmacherin Edith Samuel, die maßgefertigte Porträtpuppen aus Stoff als Andenken für Familien anfertigte, die Deutschland verlassen mussten. Nach ihrer Auswanderung setzte Samuel in Palästina die Herstellung ihrer individuellen Puppen fort.

Gleich ihr konnten einige zwar noch rechtzeitig fliehen bzw. ins britische Mandatsgebiet oder nach Amerika emigrieren, ihre besonderen Fähigkeiten in der neuen Umgebung vielfach aber nicht mehr entsprechend umsetzen.
Als Ausnahmeerscheinung darf die in Hamburg geborene Grafikerin und Kalligrafin Franziska Baruch gelten. Noch in Deutschland entwickelte sie den hebräischen Schrifttyp „Stam“, der nach ihrer Alija 1933 in israelischen Medien zum Teil bis heute Verwendung findet. Unter anderem entwarf Baruch auch das Emblem des neu gegründeten Staates.

Deportiert und ermordet in der Shoah wurden viele geniale Designerinnen, welche diese Berliner Ausstellung erstmals dem Vergessen entrissen hat. Wunderbare Frauen im weiten weiblichen Spektrum von mondänen Vamps, emanzipierten Bubiköpfen, kämpferischen Frauenrechtlerinnen bis hin zu biederen Hausfrauentypen in züchtiger Kleidung zeigen die Fotos. Weiter und viel breiter noch die seltenen Beispiele ihrer schöpferischen Schaffenskraft in schwierigen Zeiten und Milieus. Eine Entdeckung!






















