Die Politik der Angst und der „Judeus ex machina“

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Den bedrohlichen Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und ihrer Protagonisten verfolgt die Linguistin Ruth Wodak seit Jahrzehnten. Über ihr neues Buch The Politics of Fear sprach sie mit ihrer Jugendfreundin Anita Pollak.

WINA: Nach den rasanten Entwicklungen und Zuspitzungen der letzten Zeit hat dein Buch, an dem du lange gearbeitet hast, eine unerwartete Aktualität bekommen. Inwiefern siehst du dich jetzt bestätigt?

Ruth Wodak: Als wir begannen, die Rhetorik von Jörg Haider zu analysieren und ich nach 1989 ein erstes Buch über die Xenophobie geschrieben habe, meinten viele, das alles ginge vorbei und die ganze Haider-Hysterie sei völlig unsinnig. Ich habe mir aber schon damals gedacht, da steckt mehr als Haider dahinter, das spricht gewisse Teile der Bevölkerung an. Kein durchgängiges Programm, wie es die alten Narrative, der Marxismus, der Kapitalismus, der Faschismus etc. kannten, sondern eine Mischung an unterschiedlichen Angeboten, ein bisschen was für jeden, was unter Blau-Schwarz 2000 schon sehr sichtbar wurde. Ebenso die Betonung des echten Österreichers und der Nation und die sehr geschickte Nutzung der Medien. Dieses Muster des Rechtspopulismus, mit bewussten Provokationen strategisch Aufregung zu schaffen und damit die anderen vor sich herzutreiben, habe ich schon damals beobachtet. Insofern fühle ich mich leider bestätigt.

Österreich war also zumindest in Europa ein Vorreiter, Haider ein Wegbereiter. Mit der schwarz-blauen Regierung wurde, wie du schreibst, diesbezüglich ein Cordon sanitaire durchbrochen. Wäre es auch ohne diesen Durchbruch zum heutigen Bild gekommen?

❙ In gewisser Weise hat diese Partei, die damals ganz klar Tabus gebrochen hat in Bezug auf die NS-Vergangenheit, den Antisemitismus und den Rechtspopulismus im Nachkriegseuropa salonfähig gemacht. Vor allem, dass man eine solche Partei in die Regierung geholt hat, war ein Tabubruch. Weshalb die EU so heftig mit den Sanktionen reagiert hat, die aber letztlich ein Desaster waren.

Der Rechtsradikalismus als Phänomen taucht in der Geschichte immer wieder auf. Könnte man ihn als Teil der politischen Conditio humana sehen?

❙ Eine Conditio humana kann ich nicht erkennen, ich bin aber keine Politikwissenschafterin. Es gibt viele Faktoren. Den Aufstieg der FPÖ hat sicherlich der Fall des Eisernen Vorhangs bestärkt, eine große Veränderung, und Veränderungen machen Angst. Solche Ängste werden von den Rechtsradikalen immer geschürt. Da kamen Migranten aus dem Osten, und da sehe ich eine Parallele zur heutigen Situation mit den Flüchtlingen. Da gab es schon die Angst vor dem Fremden, vor allem den Rumänen, und im Gefolge das Ausländer-Volksbegehren. Auch die Sprache war schon Thema, das „Wir und die anderen“, und es wurden viele Lügen verbreitet, wie jetzt auch, wo systematisch desinformiert wird und die Medien dabei durchaus mitspielen.

Inwieweit erleichtert die Sprachwissenschaft das Verständnis dieses Problems? Wie kann man die entsprechenden Codes entschlüsseln, wann muss man aufhorchen?

Ruth Wodak:  The Politics of Fear. What Right-Wing Populist Discourses Mean. Sage 2015, 256 S., € 35,26
Ruth Wodak:
The Politics of Fear. What Right-Wing Populist Discourses Mean.
Sage 2015,
256 S., € 35,26

❙ Es gibt gewisse Codes, die man nur aus dem Kontext entschlüsseln kann. Seit der Waldheim-Zeit kennen wir ganz klare antisemitische Codes wie die „Ostküste“ und „gewisse Kreise“, wo wir aufhorchen. Sobald Generalisierungen ausgesprochen werden, ist das für mich immer ein klarer Indikator für ein Vorurteil ohne Substanz, wie etwa: Alle Polen sind kriminell. Oder: Die sind alle faul. Da muss man nachfragen, denn wie kann man über ein ganzes Volk, ein Land, eine Religion so undifferenziert urteilen, wo wir doch wissen, dass nicht alle Österreicher gleich sind und wie viele Identitäten wir uns selber zuschreiben? Die Teilung in Gut und Böse, wo die Grauzonen ausgespart werden, verleitet dazu, für sehr komplexe Phänomene einfache Schuldzuschreibungen zu machen. Es hat aber große Resonanz, wenn man die Welt so einfach erklären kann und sich Parteien so wie Robin Hood als Retter darstellen gegen das Finanzkapital, gegen die Flüchtlinge etc.
 
Direkte „hate speech“, die man auch strafrechtlich verfolgen könnte, ist selten, die sprachlichen Mittel sind meist viel diffiziler und raffinierter. Wie durchschaut man diese?

❙ Deshalb braucht man eben Linguisten, die verstehen, worauf man anspielt, wie die Argumentation läuft. Jede Äußerung hat ja auf mehreren Ebenen verschiedene Bedeutungen, und wir verstehen sie unterschiedlich. Alle Rechtspopulisten arbeiten mit dem Argument: Wir trauen uns auszusprechen, was sich jeder denkt und sich niemand zu sagen traut. Dieses Argument, endlich die Wahrheit zu sagen, gehört zu einem typischen Muster. Ich nenne es das „Perpetuum mobile des Rechtspopulismus“, wenn man ganz bewusst provoziert, die Empörung als Reaktion einkalkuliert, darauf den Spieß umdreht und sich als Opfer einer Kampagne geriert. Das ist ein sehr geschicktes rhetorisches Muster, es zwingt die anderen hinterherzuhecheln, statt eigene Themen zu setzen.

Gibt es aufgrund des Befundes eine Konsequenz, eine Strategie, die man dagegen entwickeln könnte?

❙ Der Befund ist ja nicht nur diese Rhetorik, man muss auch den Inhalten entgegentreten. Populistisch sind alle Politiker, und man kann den Rechtspopulismus nicht nur auf eine bestimmte Rhetorik reduzieren. Die Frage ist, was sind die Inhalte. Nationalistisch-chauvinistisch versucht man zum Beispiel jetzt, Zäune zu errichten, den nicht existenten homogenen „Volkskörper“ gegen die sogenannte Überfremdung zu schützen, als wären wir nicht ohnehin schon ein diversifizierter Staat.

Zum Thema Vorurteile stellst du fest, dass Antisemitismus und Islamophobie einander nicht abgelöst haben, sondern nebeneinander bestehen, andererseits kennen wir auch das Phänomen des islamistischen Antisemitismus.

❙ Einerseits leben wir in Mitteleuropa in Ländern, in denen der Antisemitismus eine lange Tradition hat, wo auch ein katholischer Antisemitismus weit verbreitet ist. Gleichzeitig haben wir die antimuslimischen Ressentiments, das kann z. B. in der Halal- oder Beschneidungsdiskussion vermischt werden. In England habe ich auch eine vehemente Ablehnung der israelischen Politik erlebt, was völlig legitim ist, wenn sie nicht mit Generalisierungen arbeitet und alle Juden der Welt für die Politik Israels verantwortlich macht.

Aber auch da gibt es bestimmte Codes, wenn man Israel sagt und die Juden meint.

❙ Ja, deshalb muss man ganz genau hinhören und vorsichtig sein, weil die klassischen antisemitischen Stereotype selten vorkommen. Auch gibt es den Antisemitismus in der arabischen Welt, wo sich viele Regime durchaus mit der Mein Kampf-Rhetorik identifiziert haben. Das hat auch mit einem starken Anti-Amerikanismus und dem Konflikt im Nahen Osten zu tun, und all das kommt geballt zusammen. Wenn jetzt etwa Leute aus Syrien kommen, die nie etwas mit Juden zu tun hatten, ist es ganz wichtig, keine Mauern zu errichten, sondern den Dialog zu suchen und sich gegenseitig kennen zu lernen. Europa ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg auf diesem „Nie wieder“ aufgebaut, das kennen die nicht, aber sie kommen auch aus traumatischen Situationen, aber eben aus anderen. Das ist eine riesige Herausforderung für alle, und da sind auch Forschung und Politik gefragt, auf verschiedenen Ebenen Dialoge zu schaffen.

Im Zusammenhang mit dem Antisemitismus verwendest du den originellen Begriff „Judeus ex machina“. Wofür steht der?

❙ Den habe ich während der Waldheim-Zeit geprägt, und er ist mir jetzt wieder hochgekommen. Wenn man Sündenböcke braucht, dann werden die Juden automatisch hervorgeholt. Mir ist es bei der Debatte um Ed Miliband in England aufgefallen (Labour-Kandidat bei den Wahlen 2015, Anm.), wie da in einigen Medien alte antisemitische Klischees und Verschwörungstheorien verwendet wurden. Mir kommt vor, man greift in einen Sack mit sämtlichen Vorurteilen hinein und zieht als Erstes einfach den „Judeus ex machina“ heraus. Dieser Mechanismus funktioniert, das versteht offenbar jeder, und man spricht damit immer eine gewisse Wählerschaft an.

Inwieweit hat dich deine Identität als Österreicherin und Jüdin für die geschilderten Probleme sensibilisiert?

❙ Darin liegt sicher eine Wurzel meines Interesses. Wie unsere gesamte Generation trage ich das Schicksal meiner Eltern mit mir. Ich bin selber als ein Kind von Flüchtlingen in England geboren und habe meine ganze Kindheit diese Geschichten gehört. Natürlich bin ich sensibilisiert auf Rechtsradikalismus und Ausgrenzungsphänomene. Insofern hat mich der Aufstieg der FPÖ besonders betroffen gemacht. Ich wollte verstehen, warum schon wieder solche Bewegungen in Österreich und Europa groß werden, und ich glaube, es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen und es zu entmystifizieren. Was steckt dahinter, was wollen die, warum erreichen sie so viele Menschen, was sprechen sie an, woraus besteht diese Ideologie, wie instrumentalisieren sie Ängste und Gefühle, und was kann man dem entgegensetzen, das hat mich sehr bewegt.

An welches Zielpublikum wendest du dich mit diesen Fragen und deinem Buch?

❙ Ich habe mich sehr bemüht, auch für eine nicht akademische Leserschaft verständlich zu sein, ohne Dinge zu sehr zu simplifizieren, denn dann wird man unglaubwürdig. Es ist mir besonders wichtig, viele Beispiele, auch Alltagsbeispiele zu geben und nicht nur abstrakte Theorien oder Statistiken auszubreiten. Kapitel, die vielleicht zu spezifisch sind, kann man überspringen, auch wenn sich ein roter Faden durchzieht. Das Buch wird außerdem ins Deutsche übersetzt werden.

Ruth Wodak, 1950 in London geboren, maturierte in Wien, wo sie nach einem Studium der Sprachwissenschaft und Slawistik sub auspiciis promovierte. Anschließend durchlief sie an der Universität Wien eine akademische Karriere als Soziolinguistin mit internationaler Vernetzung und zahlreichen Gastprofessuren. An der Universität Lancaster hatte sie als Distinguished Professor einen Lehrstuhl inne. Zu ihren Auszeichnungen zählt u. a. der Wittgenstein-Preis. 2012 trat sie aus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aus. Zurzeit leitet sie ein FWF-Projekt in Wien.

Bild: © Roland Schlager/picturedesk.com

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