Pop-Art-Künstler mit 80

Zeev Peter Engler beschäftigt sich erst seit wenigen Jahren mit der Kunst der Assemblage. Die Arbeit macht dem erfolgreichen Unternehmer nicht nur große Freude, sondern bringt auch so manche künstlerische Anerkennung. Zuletzt eine Einladung nach Wien.

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© Reinhard Engel

Was kreative Unruhe im verordneten Krankenstand alles bewirken kann, zeigt der heute 80-jährige israelische Jungkünstler Zeev Peter Engler: „Ich hatte Probleme mit meinem Rücken und musste mich schonen. Aus lauter Langweile begann ich einen kaputten Fernsehapparat auseinandernehmen.“ Die bunten Bestandteile, Transistoren und Leiterplatten, faszinierten ihn so sehr, dass er begann, sie phantasievoll umzugruppieren. Er fügte weitere Gegenstände hinzu, ordnete diese in rechteckige oder quadratische Formate, die er mit Holz und Glas rahmte. Fertig war das erste Pop-Art-Gemälde des gebürtigen Wieners Jahrgang 1937. Englers Motive sind vor allem der Alltagskultur, der Welt des Konsums und der Werbung entnommen. Die Darstellung ergibt dann eine reliefartige Oberfläche oder eine dreidimensionale Abbildung.

»Die Verbindung nach Europa bleibt mein
hebräischer Name Zeev, nach meinem Großvater, der in Budapest begraben ist.«
Zeev Peter Engler

Vor rund sechs Jahren entdeckte der erfolgreiche Unternehmer, dessen Firma bereits in dritter Generation Industriepumpen produziert, seine künstlerische Ader während der kurzzeitigen Immobilität. Seither führt er seine Collagen im Geiste der Art of Assemblage mit großer Verve und zunehmendem Erfolg weiter. „Sobald meine Familie und Freunde sahen, dass ich an meinen künstlerischen Ambitionen mit großer Freude festhielt und weiterarbeitete, brachten sie mir unglaubliche Objekte mit, z. B. Messingklingeln, diverse Puppen, Kappen, Brillen und natürlich auch wieder kaputte Fernsehgeräte“, lacht der mehrfache Großvater. Beim Zerlegen von Alltagsgegenständen und deren erneutem Zusammenbau haucht er den Dingen neues Leben ein, gibt ihnen eine künstlerische Bedeutung und stimuliert die Neugierde des Betrachters. Seine Arbeiten zeugen nicht nur von unbändiger Phantasie, sondern auch von viel Humor. Ob gewollt oder unbeabsichtigt, Engler erinnert mit seinen Collagen der plastischen Objekte, die auf einer Grundplatte befestigt sind, an große Vorbilder in der Kunst der Assemblage: Künstler wie Alberto Burri, Joseph Cornell und Kurt Schwitters nahmen diese Weiterentwicklung der Collage in ihr Werk auf.

Jüngst brachte ihn diese Kunst in seine Geburtsstadt zurück: Nach mehreren Ausstellungen in Israel und zuletzt in Straßburg, konnte man eine stattliche Auswahl seiner Arbeiten im Herbstsalon für internationale zeitgenössische Kunst im Wiener Volkskundemuseum sehen. Zina Bercovici, international tätige Kuratorin, brachte insgesamt 23 Künstler hierher, darunter weitere vier Israelis. Schwerpunkt der Schau waren Malerei, Skulpturen, Metallobjekte und Textilkunst. Eine Fachjury reihte Engler auf den beachtlichen zweiten Platz.
Obwohl Engler bereits als Einjähriger mit seiner schwangeren Mutter den gefährlichen und beschwerlichen Fluchtweg in das damalige Palästina antreten musste, spricht er fließend Deutsch: „Zu Hause haben wir nur Deutsch gesprochen“, erzählt der Vertriebene aus der Blumauergasse. Bei seinem Besuch in Wien hat er auch Fotos aus der Vergangenheit dabei. Er zeigt auf einem vergilbten Schwarz-weiß-Foto auf zwei junge Frauen, die von Nazischergen als Reibepartie auf die Knie gezwungen werden. „Das sind zwei Schwestern meiner Mutter, die danach sofort nach Südamerika geflohen sind. Wir sind erst am 3. September 1940 mit dem Dampfer „Schönbrunn“, beflaggt mit Hakenkreuzfahnen, davongekommen. Für 300 Menschen war das Schiff gedacht, es waren 900 drauf.“ Erzwungene Zwischenstops in Istanbul ohne Wasser und Kohle waren ebenso Teil des Martyriums wie die Niederkunft der Mutter auf Kreta. Dabei hatten sie noch großes Glück, dass ihr Boot nicht gesprengt wurde und sie nicht, wie viele andere, nach Maurizius deportiert wurden.
Trotz all dem wurde es noch ein glückliches, erfülltes Leben mit Berufsschule sowie Ausbildung und Arbeit in der Luftfahrtindustrie. „Ich habe meine Jugendliebe geheiratet. Die Verbindung nach Europa bleibt mein hebräischer Name Zeev, so heiße ich nach meinem Großvater, der in Budapest begraben ist.

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