Professor Aktivist

Im September starb überraschend 59-jährig der Anthropologe David Graeber, einer der bekanntesten amerikanischen Kapitalismuskritiker.

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David Graeber: Ich sehe Anarchismus als etwas, das keine Identität hat, also nennen Sie mich nicht den anarchistischen Anthropologen. © Guido van Nispen, wikicommons

Graeber war radikal gegen den Kapitalismus, aber er war es mit einem Charme, der anderen abgeht. Nie laut, immer ein freundliches Lächeln, ein selbstironischer Witz.“ So beschrieb die Süddeutsche Zeitung Anfang September in ihrem Nachruf auf den 59-jährigen Anthropologieprofessor David Graeber nach seinem überraschenden Tod.
Michael Jursa, Professor am Wiener Institut für Orientalistik, zeichnet ein etwas differenzierteres Bild seines amerikanischen Kollegen: „David Graeber war ohne Zweifel ein hochintelligenter Mensch, aber im Umgang nicht ganz einfach; ein großer Zuhörer war er nicht; im Gespräch in der Gruppe monologisierte er oder schwieg. Kollegen, die ihn besser kannten, sagen, er sei eigentlich recht scheu gewesen und habe sich hinter einer Maske versteckt.“

Debt. The First 5,000 Years. Random House/ LCC US, 560 S., € 18,99

Graeber war eines der bekanntesten Gesichter der amerikanischen Antikapitalismusbewegung des letzten Jahrzehnts. Ihm wird der populäre Slogan der „Occupy-Wall Street“-Bewegung zugeschrieben: „Wir sind die 99 Prozent!“ Er selbst gab sich bescheidener, das sei im Kollektiv getextet worden, nicht er allein habe den Satz erfunden. Aber er gehörte zu jenen 60 Aktivisten, die im Sommer 2011 etwas großmundig die „New York City General Assembly“ gründeten. Auch bei den Anfängen der Camps im Manhattaner Zuccotti Park war er dabei.
David soll schon als Siebenjähriger auf seiner ersten Demo gewesen sein, einem Friedensmarsch. Er wuchs in New York in einem linksgerichteten jüdischen Haushalt auf. Die Familie wohnte in einem kooperativen Gewerkschaftswohnblock in Manhattan. Sein Vater, ein Drucker, hatte im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und bezeichnete sich selbst als Anarchist. Seine Mutter, die aus Polen stammte, war Textilarbeiterin und in der Gewerkschaft aktiv, spielte sogar in einem Arbeiter-Musical selbst eine Rolle.
Und auch David sah sich schon als 16-jähriger Schüler als Anarchist, das erzählte er später in einem Interview mit der New Yorker Village Voice. Doch er machte seinen Aktivismus nicht zum Beruf, sondern schlug eine akademische Laufbahn ein. Nach dem Grundstudium an der State University of New York machte er den Master und das Doktorat an der Universität von Chicago, in Anthropologie. Seine Dissertation schrieb er über indigene Völker in Madagaskar.

»Je mehr dein Job anderen zugutekommt, umso wahrscheinlicher wird es, dass du schlecht bezahlt wirst.
Wie ist es zu diesem System gekommen?
Das ist einfach nur bizarr.«
David Graeber

Dann folgten schnell erste Karriereschritte. Nur zwei Jahre nach Studienabschluss war er schon Assistant Professor in Yale, bald Associate Professor. Doch nun kam ihm seine politische Haltung in die Quere. Bevor er eine ordentliche Professur mit Dauerstellung erreichen konnte, weigerte sich die Universität – mit fadenscheinigen Gründen –, seinen Vertrag zu verlängern. Graeber selbst sagte damals, es habe damit zu tun gehabt, dass er unter seinen Studenten radikale Gewerkschafter betreut habe. Ein Aufschrei ging durch das akademische Amerika, aber es nütze nichts, er war draußen.
Seine neue Chance erhielt er dann in London, zunächst als Gastprofessor an der renommierten London School of Economics (LSE), dann in einer Berufung an das Goldsmiths College der University of London. 2013 wurde er dann zum ordentlichen Professor an der LSE bestellt.
Inzwischen hatte er sich auch mit einer Publikation einen Namen gemacht, die über die engen akademischen Kreise hinaus wahrgenommen wurde: Schulden: Die ersten 5000 Jahre. Darin legte er sich mit einem Gutteil des ökonomischen Establishments an, indem er Schulden, nicht Geld ins Zentrum von wirtschaftlichen Beziehungen stellte. Virtuelles, elektronisches Geld von heute sei eigentlich nichts Neues, argumentierte er. Kredit und Schulden seien deutlich älter als Münzen oder gar Papiergeld. Man müsse daher die Schuldbeziehungen genauer betrachten.

Bullshit Jobs. Klett Cotta, 464 S., € 12,40

Diese Schuldbeziehungen – bis hin zur Enteignung und Versklavung einst selbstständiger Bauern – findet er in zahlreichen Gesellschaften rund um den Erdball. Und er verweist auch vehement immer wieder auf die Schuldnachlässe, mit denen schon in der antiken Welt regelmäßig versucht wurde, diesen potenziellen Sprengstoff wieder zu entschärfen.
„David Graeber hat definitiv grundlegende Strukturen früher Wirtschaften richtig gesehen“, erläutert der Wiener Orientalist Jursa, der ebenfalls intensiv zu den Ökonomien der Alten Welt geforscht hat. „Deren Modus operandi ist tatsächlich gut beschrieben, wenn man wie er sagt, es gehe im Wesentlichen um Schuld als Mittel der ‚wenigen‘, die ‚vielen‘ für ihre Zwecke zu instrumentalisieren – mit all den unerfreulichen Nebenerscheinungen, die ein solcher ökonomischer Zwang mit sich bringt.“

Fundamentalkritik. Graeber bleibt aber hier nicht stehen. Er verknüpft das kapitalistische Wirtschaftssystem ursächlich mit einer besonderen Ware, der menschlichen Ware Sklaven. Und er analysiert die große Bedeutung von Expansionskriegen für die innere Stabilität von Imperien. Daraus leitet er auch seine Fundamentalkritik am von den USA dominierten globalen Wirtschaftssystem ab. Er erhebt allerdings keine detaillierten politischen Forderungen, denn er misstraue der Politik grundsätzlich, wie er in seinem zweiten bekannten Buch Bullshit Jobs einmal schrieb.
Aber in seinem Schreiben wie in seinem Aktivismus werden doch einige Eckpunkte und Forderungen klar. So spricht er sich für Schuldenerlässe aus, sowohl auf einer internationalen Ebene durch den Währungsfonds wie auch national gegenüber der amerikanischen Bevölkerung. Diese sei ohne Alternativen tief in das Kreditsystem hineingedrückt worden, vom Auto, das man für den Weg zur Arbeit brauche, über das Eigenheim bis zum Studentenkredit, den man mühsam ein halbes Leben lang abstottern müsse. Im Übrigen ähnle das moderne Wirtschaftssystem – sowohl in den staatlichen Bürokratien wie in jenen der großen Unternehmen – mehr feudalen Strukturen als transparenten, vernünftigen Märkten.
Noch einmal Jursa: „Ich glaube, er hat fast verzweifelt nach einem historischen Lichtblick gesucht, nach einer entwickelten Ökonomie, die erfolgreich etwas gegen einen einmal etablierten Schuldmechanismus getan hat. In der historischen Erfahrung generell sind es ja fast immer nur Kriege und Katastrophen, durch die Schulden ‚verschwinden‘ oder Gesellschaften ‚gleicher‘ werden, wenn nämlich alle ärmer werden.“
Laut dem Wiener Professor verknüpfte Graeber aus seiner heutigen Sicht des politischen Aktivisten etwas unzulässig historische Recherchen mit aktuellen Gegebenheiten. „Er hat im Alten Orient und im Alten Israel in generellen Schulderlässen wie ‚Sabbatjahren‘ positive Modelle für die heutige Zeit finden wollen. Was er dann nicht hören wollte, ist, dass die Quellen, die von diesen Schulderlässen sprechen, idealisieren und ein unrealistisches Bild zeigen. In keiner antiken Gesellschaft, weder im Alten Orient noch im Alten Israel, haben die Eliten jemals nachweislich wirklich Schulden im großen Stil für weite Bevölkerungsschichten erlassen.“ Jursas Schluss: „Das Bild ist also noch trister, als es Graeber sehen wollte.“ David Graeber starb Anfang September bei einer privaten Reise nach Venedig an inneren Blutungen.

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