Rabbi Shlomo Carlebach: Der rhythmische Seelenfänger

305
Giora Seeliger in der Produktion im Theater Nestroyhof / Hamakom
© Krassimir Kolev / HaMakom - Th. Nestroyhof

Giora Seeliger und Roman Grinberg gestalteten einen erfolgreichen musikalischen Abend über das faszinierende Leben des charismatischen Sängers und Erzählers in all seinen Schattierungen. Eine –auch persönliche – Annäherung an den singenden und nunmehr besungenen Rabbiner.

Auch als Musiker auf der Bühne wurde man von Shlomo Carlebach mitgerissen, irgendwann verlor man sich, hat sich nicht mehr auf das Musizieren konzentriert und gefühlt, da verbinden sich Harmonien mit den Menschen. So versucht Roman Grinberg, wie viele andere auch, das Faszinosum dieses singenden Rebbe in Worte zu fassen. Denn Grinberg, der vielseitige und profilierte jüdische Künstler, der komponieren, singen und Chöre leiten kann und daher wie kein anderer seit 30 Jahren die jüdische Musikszene in Wien prägt, wird diesen Shlomo Carlebach auf der Bühne verkörpern.

Die Uraufführung des Musikabends Shlomo Carlebach – der singende Rabbi fand anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Renovierung und Wiedereröffnung der Badener Synagoge und des Zentrums für interkulturelle Begegnung (ZiB) am 19. Februar statt. In Wien war die Aufführung am 23. und 24. Februar im Theater Nestroyhof Hamakom jeweils um 20 Uhr in dieser Besetzung*1 zu erleben.

Idee und Konzept stammen von Giora Seeliger, der 1953 in Haifa geboren wurde und als Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge in Wien lebt.

Giora Seeliger (Foto: Reinhard Engel)
Roman Grinberg (Foto: Daniel Shaked)

„Zumindest in meiner Generation haben viele in Europa seine Lieder von diversen Aufnahmen gekannt“, ist sich Seeliger gewiss. „Ich habe Shlomo nicht live erlebt, aber er war schon Teil meiner Kindheit und Jugend, denn er hatte auch in der Düsseldorfer Gemeinde, in der ich groß geworden bin, ein Konzert, das meine Schwester besucht hat, gegeben.“

Gemeinsam mit Monica Culen gründete er 1994 Rote Nasen in Österreich und war bis 2023 Artistic Director von Red Noses International.

„Bei einem Vortrag eines Schoa-Zeitzeugen in der ehemaligen Synagoge in Baden stand ich am Schluss mit der IKG-Vizepräsidentin Claudia Prutscher und dem damaligen Bürgermeister Stefan Szirucsek beisammen und fragte, ob ihnen bekannt ist, dass hier der Spross einer berühmten Rabbiner-Dynastie gelebt und im Dezember 1937 seine Bar Mitzwa in dieser Synagoge gefeiert hat“, erzählt Seeliger. Da es beide nicht wussten, meinte Seeliger, man sollte doch etwas darüber machen – und der Bürgermeister sagte spontan: „Dann machen Sie etwas!“

Shlomo Carlebach wurde 1925 in Berlin geboren, seine Großeltern Salomon Carlebach und Esther Carlebach begründeten in Lübeck mit ihren zwölf Kindern und deren Nachkommen eine angesehene Gelehrten- und Rabbinerdynastie, die in Deutschland, Großbritannien, Israel und den USA verstreut leben. Shlomos Vater Hartwig Naphtali Carlebach (1889–1967) war Rabbiner in der ältesten und angesehensten Synagoge in Berlin, jener in der Passauerstraße. Als Rabbiner Carlebach im November 1930 zum Oberrabbiner in Baden, der damals drittgrößten jüdischen Gemeinde Österreichs, berufen wurde, übersiedelte die Familie ein halbes Jahr später nach Baden bei Wien. Shlomo und sein Zwillingsbruder Eli Chaim waren damals knapp fünf Jahre alt, und im Dezember 1937 feierten sie in diesem Tempel ihre Bar Mitzwa.

Doch die beschauliche Idylle in Baden währte nur bis zum „Anschluss“ Österreichs: Bereits im Juli 1938 flohen die Carlebachs nach Litauen, bis sie 1939 in New York City Zuflucht fanden. Vater Carlebach ordinierte zuerst in der Gemeinde West 79th Street, aber bereits 1940 gründete er am gleichen Ort die Carlebach Shul, wo auch die Zwillinge lernten und arbeiteten. Shlomo galt schon in seiner ersten Yeshiva (Hochschule für jüdische Studien) als höchst begabt. Bald darauf wählte ihn der angesehene Head of Yeshiva, Aharon Kotler, als eines der 14 Gründungsmitglieder der Lakewood Yeshiva aus, wo Shlomo auch bis 1949 studierte.

Im Laufe seiner Studien näherte er sich dem Chassidismus an und lernte so auch den Chabad-Rabbiner Yosef Yitzhak Schneersohn kennen, der ihn stark beeinflusste. Damals war die Chabad-Bewegung in Europa noch nicht präsent, sie agierte hauptsächlich in den USA. „Shlomos Zugang war chassidisch, das heißt, dass man durch die rhythmische Musik sozusagen eine direkte Verbindung zu Gott herstellt“, so Grinberg. „Ich habe das als Musiker auf der Bühne mit Shlomo erlebt: Durch die ständige Wiederholung der gefälligen Melodien beginnt man die Kontrolle zu verlieren, einfach loszulassen, verfällt in eine Art Trance, weil die ganze Gruppe sich zu wiegen beginnt, zu tanzen und zu singen. Das ist schon etwas ganz Besonderes – aber als geistlichen Führer habe ich Shlomo nicht erlebt.“

Giora Seeliger, der auch als Erzähler auftritt, hat für sein Konzept umfangreiche Recherchen gemacht sowie zahlreiche Zeitzeugengespräche geführt. „Ich bin auf das vielfältige Phänomen Carlebach gestoßen, denn er hat sowohl in Amerika als auch in Europa gerade junge Leute inspiriert. Durch seine Musik hat er versucht, für das Judentum verlorene Kinder zurückzuholen. Im heutigen Sinne war er ein Chabadnik und daher missionarisch unterwegs.“

Die Autorin dieser Zeilen hatte das große Vergnügen, Shlomo Carlebach mehrmals live zu erleben, sowohl in Wien bei Konzerten als auch privat an Schabbat-Freitagabenden. Dieses Zurückgewinnen für das „Jüdische“ war weder offensichtlich noch aufdringlich, Shlomo war kein Prediger für die Befolgung religiöser Vorschriften, sondern mit seinen biblisch-klugen Geschichten, seiner warmen Stimme und der mitreißenden Musik ein charmanter Eindringling in die Herzen und Seelen seiner Zuhörer und Anhängerinnen. „Shlomo hat einfach die Mitglieder der versprengten kleinen Gemeinden, vor allem in Deutschland, Österreich und Frankreich, besucht und sich bemüht, sie in seinem Sinne zu vereinen“, fügt Giora Seeliger hinzu. „Er war polyglott, sprach viele Sprachen, aber seine Muttersprache war Hochdeutsch, wie es die ‚Jeckes‘ im norddeutschen Lübeck sprachen.“

Bereits ab den 1960er-Jahren veröffentlichte Shlomo Carlebach weltweit seine Melodien, von denen er rund 1.000 komponiert hatte, auf mehr als 25 Alben. Als warmherziger Sänger machte er sich mit israelischen, chassidischen und amerikanischen Volksliedern einen Namen. Er war befreundet und sang sowohl mit Theodor Bikel** 2als auch mit Nina Simone, Bob Dylan und Joan Baez. Er machte bei den Hippie-Jahren ebenso mit wie bei der 1968er-Bewegung und verbrachte Zeit im Londoner Greenwich Village.

Shlomo Carlebach liebte die Menschen und pflanzte seine Melodien in ihre Seelen. Dies führte auch dazu, dass er die körperliche Nähe suchte, gerne Mann und Frau umarmte: Giora Seeliger hat u. a. von seiner Tochter Neshama, die auch Musikerin und Textschreiberin im Stile ihres Vaters ist, erfahren, dass nach Shlomos Tod im Jahre 1994 Gerüchte über Missbrauch aufgekommen sind. Ein paar Jahre nach Carlebachs Tod veröffentlichte die feministische amerikanisch-jüdische Zeitschrift Lilith eine Reihe von Zeugenaussagen, die diese Anwürfe erhoben.

„Es begann zuerst mit etwa 30 Frauen, die den Stein ins Rollen brachten, heute reden wir aber schon von bis zu 70 dokumentierten Fällen: Diese reichten von nächtlichen Anrufen mit anzüglichen Texten bis zu angeblicher körperlicher Annäherung“, so Seeliger. „Mir tut das sehr leid, aber trotz Carlebachs Genialität sehe ich es als Verpflichtung, das nicht zu verschweigen.“ Neshama Carlebach hat sich in einem offenen Brief in Lilith bei den Frauen entschuldigt, sie schäme sich, wünschte aber, ihr Vater könnte selbst dazu Stellung nehmen.

Auch eine Diskussion über Cancelling wurde angestoßen, aber Roman Grinberg und Giora Seeliger sind strikt dagegen: „Das ist leicht gesagt. Shlomos Kompositionen sind Teil der liturgischen Nigunim (Melodien) in vielen Synagogen dieser Welt, und zwar von orthodox bis liberal“, sagt Seeliger, „Auch im Judentum gibt es weder Helden noch Heilige. Wir sind alle fehlerhaft, trotzdem darf man diese Errungenschaften nicht verschwinden lassen. Man soll lernen, mit dem Erbe umzugehen.“

Von Roman Grinberg wollten wir wissen, ob der musikalische Abend aufgrund dieses Aspekts getrübt zu Ende geht? „Nein, gar nicht, denn Shlomos Melodien haben auch eine heilsame Wirkung. Wir thematisieren das, sagen aber nicht, man soll seine Musik nie mehr hören. Wir versuchen die Komplexität dieser Künstlerpersönlichkeit in ihren vielseitigen Facetten zu erkennen, aber dem Publikum auch die Freiheit zu lassen, wie es darauf reagiert. Wir liefern kein vorgefertigtes Urteil, sondern überlassen das jedem Zuschauer und jeder Zuhörerin.“

Meine persönliche Erinnerung an Carlebach, wie er in meinem elterlichen Zuhause bei den Z’mirot (Tischgesang) mit der Kiddusch-Weinflasche so lange auf den Tisch trommelte, bis sie kräftig schäumte, möchte ich ebenso nicht missen wie seine ergreifenden, verinnerlichten Melodien in den unvergesslichen Konzerten.

  1. IKG.Kultur. Idee, Regie: Giora Seeliger; Musikalische Leitung: Roman Grinberg; Erzähler: Giora Seeliger; Shlomo Carlebach: Roman Grinberg; Hannah Tamar, Roxane Lindlacher: Gesang;  Maria Salamon: Violine; Alexander Shevchenko: Akkordeon; Wolfgang Dorer: Percussion; Produktionsleitung: Tamara Seeliger ↩︎
  2. Theodore Meir Bikel (1924 Wien –2015 Los Angeles) war ein US-amerikanischer Folksänger und Schauspieler österreichischer Herkunft. Bikels Karriere begann 1951 mit einer Nebenrolle in dem Filmklassiker African Queen. Er wurde mit Pete Seeger zum Mitbegründer des Newport Folk Festivals, wo er ab 1960 auch auftrat. Im Jahr 1977 wurde er ins National Council for the Arts aufgenommen. ↩︎

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here