Rätselhafte Obsession

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Von Eichmann und der „Judenvernichtung“ scheint sie geradezu besessen, die einsame Alte im Paradiesghetto von Eberhard Rathgeb. Von Anita Pollak.

Nächtelang sieht sie sich den Film über Eichmann in Jerusalem an. Immer wieder. Auch den Nürnberger Prozess, den Frankfurter Auschwitz-Prozess. Nur dazu verwendet sie ihren Computer, den sie sich mit über 80 angeschafft hat. Familienfotos, Mails von ihren Töchtern und Enkeln interessieren sie kaum. Eliza ist Witwe, einsam, verbittert und besessen. Besessen von der Ermordung der Juden im Dritten Reich, mit der weder sie noch ihre Familie je etwas zu tun hatten. Der vergötterte Vater war kein Nazi, kann keiner gewesen sein, oder doch? Als hoher Wirtschaftsmann war er mit seiner Familie vor dem Krieg nach Buenos Aires geschickt worden, man lebte luxuriös, reiste einmal im Jahr zu den Ferien nach Deutschland, die Kinder gingen in Argentinien in die deutsche Schule, wo während des Kriegs die Hakenkreuzfahne wehte. „Ein Glück, dass wir drüben waren, bekräftigte die Mutter. Sechs Millionen ermordete Juden …, sagte sie. … und du redest noch immer von Glück, dachte sie.“

„Eichmann ist ein ständiger Gast in deinem Haus ... Was hättest du ohne Eichmann gemacht.“

Im kalten Land der Täter
Eberhard Rathgeb: Das Paradiesghetto. Carl Hanser Verlag; 240 S., € 19,50
Eberhard Rathgeb:
Das Paradiesghetto.
Carl Hanser Verlag;
240 S., € 19,50

Zum Glück hat Eliza keine Beziehung. Den Glücksanspruch ihrer vier Töchter verachtet sie, die wollen immer reisen, gut leben, glücklich sein. Sie selbst verweigert sich dem Glück, seit sie mit ihrem Mann in den frühen 60er-Jahren nach Deutschland zurückkehrten. Ins Land der Täter, wo sie sich von Nazis umzingelt sieht, wo ihr kalt ist, sie sich fremd und im Exil fühlt. Ihre endlosen Monologe, Reden und eigenen Gegenreden mit dem toten Ehemann, den verstorbenen Eltern, mit ihren abwesenden Töchtern kreisen um die versäumte Rückkehr ins Kindheitsparadies Buenos Aires, kreisen um das verfehlte Leben im ungeliebten Deutschland, wo sie keinerlei menschliche Kontakte pflegt und nur mit ihrem Hund lebt. Und sie kehren in Endlosschleifen immer wieder zurück auf die „Judenvernichtung“. „Eichmann ist ein ständiger Gast in deinem Haus, sagten die Töchter … Was hättest du ohne Eichmann gemacht.“

Was diese Obsession ausgelöst hat, wird nicht ganz klar im Verlauf des Romans, der aber über dieses Rätsel hinaus vor allem das eindringliche, sensible Porträt einer alten Frau ist, die sich Konventionen entgegenstellt. Den gesellschaftlichen Konventionen eines glücklichen Familienlebens, einer guten Ehe, einer aufopfernden Mutter- und Großmutterrolle. Sympathisch ist sie nicht unbedingt, diese zwidere misanthropische Alte, von der sich, wie sie meint, auch ihre Töchter abgewendet haben müssen. Sympathisch will sie gar nicht sein, und doch kommt sie einem nahe, je mehr man ihr zuhört, bei ihren Tiraden gegen das so genannte Glück, das man doch nur erreichen kann, wenn man alles andere ausblendet, wenn man wegschaut und weg geschaut hat.

Erstaunlich, wie der Autor, Jahrgang 1959, unter die Haut dieser Frau kriecht, ihre Gedanken und Gefühlswelt mit präziser Sprache einfängt. Biografisch hat er allerdings einiges mit ihr gemeinsam. Auch Rathgeb ist mit seiner Familie in den frühen 60er-Jahren aus dem warmen Buenos Aires ins kalte Deutschland übersiedelt. Mit dem Titel Paradiesghetto wird übrigens nicht nur auf dieses angespielt, sondern auch auf Theresienstadt, das von den Nazis zynisch so genannt wurde.

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