Rafael Schwarz meistert eine durchkomponierte Kunstauktion

Mit dynamischer Begeisterung erzählt der geborene Kommunikator, der auch die Israel-Repräsentanz betreut, wie gerne er Live-Auktionen macht – im Gespräch mit Marta S. Halpert

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Rafael Schwarz. „Ich bin der erste jüdische Mitarbeiter seit 1938, soweit es uns bekannt ist.“ © Reinhard Engel

WINA: Sie haben das Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen, doch wie kamen Sie in die Lage, als Auktionator die größten Versteigerungen im 300 Jahre alten Wiener Dorotheum zu leiten, das zu den renommiertesten Auktionshäusern im deutschen Sprachraum zählt und führend in Mitteleuropa ist?

Rafael Schwarz: Ursprünglich wollte ich etwas im Medienbereich machen, arbeitete eine Zeit lang im Marketing, war dann ein Jahr in Israel, und erst, als ich zurückkam, begann ich ernsthaft zu suchen. Freunde rieten mir, mich bei Martin Böhm, dem Gesellschafter und Geschäftsführer des Dorotheums, vorzustellen, der das Auktionshaus 2001 privatisiert hatte, denn er sei gut vernetzt. So ging ich für das Gespräch zum ersten Mal ins Dorotheum. Denn auch meine Eltern, als linke Liberale, kauften nicht dort, z.B. ihre Druckgrafiken, sondern bei befreundeten Künstlern, die sie aus dem legendären Lokal Oswald & Kalb kannten.

Wie lief das Vorstellungsgespräch?

I Ich redete kaum, aber Martin Böhm erzählte mir viel. Erst beim Weggehen sagte er so beiläufig: „Im Marketing hätte ich eine Karenzvertretungsstelle frei.“ Ich sagte zu, weil ich dachte, wenn es mir nicht gefällt, kann ich mir später etwas anderes suchen. Aber die Karenzierte kam nicht mehr zurück, und so arbeitete ich ab 2005 im Marketing. Da große Live- Auktionen monatelang vorbereitet werden, verging viel Zeit, bis ich zum ersten Mal eine Live-Auktion erleben konnte. Diese fand ich sehr cool, obwohl alles sehr „gesetzt“ war. Die Auktionatoren saßen gemütlich bei ihrem Pult, anders als im englischsprachigen Raum, wo man immer steht. Es war etwas langweilig, trotzdem fand ich es insgesamt spannend und fragte Martin Böhm, ob ich das auch einmal machen dürfte. Er stieß mich gleich ins kalte Wasser, und ich durfte eine riesige Charity-Auktion für Alte Meister leiten. Also, wie kommt man ins Dorotheum? Ganz zufällig. (lacht)

Wie war es beim ersten Mal? Keine Furcht vor dem Auftritt im Saal vor großem Publikum?

I Nein, ich hatte keine Angst oder Lampenfieber, denn ich bin in der B’nei Akiba [jüdische Jugendbewegung] sozialisiert worden, war dort Madrich [Betreuer von Jugendlichen], habe Spiele organisiert, stand oft selbst auf der Bühne. Doch ich fühlte die Verantwortung für das Haus: Wenn ich einen Fehler mache, kostet das dem Haus einiges an Geld, da wird es ernst, das ist kein Purimspiel.

„Wenn ich einen Fehler mache,
kostet das dem Haus einiges an
Geld, da wird es ernst, das
ist kein Purimspiel.“

Während der Covid-Pandemie haben Sie per Video Kunden für die Online-Auktionen animiert. Da ging es sowohl um Werke aus der klassischen Moderne als auch um zeitgenössische Kunst aus aller Welt. Haben Sie ein Faible für eine Kunstrichtung?

I Ich sitze in der Abteilung für zeitgenössische Kunst und Client Advisory Services. Unsere zahlreichen Experten bringen die Objekte ein, ich bin der Verkäufer. Ja, ich habe ein Faible für die zeitgenössische Kunst, trotzdem würde ich mir lieber einen Alten Meister kaufen, weil die jetzt viel günstiger sind als ein Kunstwerk, das letztes Jahr gemalt worden ist.

Wieso ist das Zeitgenössische um ein Mehrfaches teuer?

I Es ist populär, denn es gibt immer mehr sehr reiche Leute, und wenn man einen Porsche, noch einen Porsche und einen Ferrari sowie eine Villa und vielleicht noch eine Yacht besitzt, dann ist das nächste Statussymbol Kunst. Die kann man auch ohne große Vorkenntnisse kaufen, und das ist durchaus in Ordnung. Aber dann will man sich etwas aufhängen, das die Gäste auch erkennen. Frans Francken, der flämische Maler aus dem 16. Jahrhundert, ist nicht so bekannt wie Andy Warhol. Kunstgalerien, die die Künstler betreuen und mit ihren Arbeiten handeln, können mehr Aufmerksamkeit erzielen – und höhere Preise.

Was fällt schwerer: die Sensal-Verkäufer oder das mitbietende Publikum bei der Versteigerung im Auge und in Schach zu halten?

I Es gibt die Leute an den Telefonen und eine Sensalin im Saal, die für jemanden mitbietet, der nicht am Telefon sein will. Außer dem Geschehen im Saal gibt es noch schriftliche Aufträge, die ich vor mir liegen habe, die ich gleichzeitig beachten muss. Seit der Covid-Pandemie kam noch ein Viertes hinzu: Die Live-Übertragung der Auktion in alle Welt, bei der man sowohl mitbieten als auch nur zuschauen kann. Das heißt, ich muss auch noch auf den Bildschirm schauen, wo die Gebote aufpoppen. Der Konzentrationsbedarf ist sicher größer geworden. Die Schwierigkeit ist, dass Live-Auktionen immer seltener geworden sind, weil der technische Aufwand dafür sehr groß ist. Von den 800 Auktionen, die das Dorotheum macht, sind höchsten fünfzig live. Früher gab es jede Woche eine Versteigerung im Saal, jetzt finden vier Mal im Jahr große Auktionswochen statt.

„Die Solidarität mit Israel
wird im Dorotheum großgeschrieben.“

Stört es Sie, dass Sie Ihre Bühne als Auktionator nur vier bis fünf Mal im Jahr bespielen können?

I Ja, sogar sehr. Martin Böhm hatte unlängst ein Abendessen für die amerikanische Kunsthändlerin Jane Kallir* im Dorotheum ausgerichtet. Sie bedauerte gegenüber dem Gastgeber, dass es kaum noch Live-Auktionen gäbe. Daraufhin sagte Böhm: „Der Einzige, der darunter leidet, ist Rafi.“ Es ist zwar schwer zu beweisen, aber ich behaupte, dass man mit Publikum im Saal mehr verkaufen kann.

Wie bereiten Sie sich auf die Auktionen vor? Legen Sie sich einen Ablauf zurecht?

I Ja, denn der Rhythmus, die Dramaturgie ist sehr wichtig. Die zeitgenössische Kunst ist die absolute Cash Cow [Goldesel], da kenne ich den Katalog auswendig und kann alles besser steuern. Bei einer Auktion von rund 300 Objekten, die drei Stunden dauert, muss ich es im Kopf durchkomponieren. Im Saal schaue ich, wo Interesse ist, dann werde ich lauter, dynamischer. Wichtig ist auch, dass man nicht zu schnell und nicht zu langsam wird, damit die Spannung anhält.

Aber Sie preisen ja die Objekte nicht an?

I Natürlich nicht, die Interessenten sind bestens vorbereitet. Trotzdem bringt es oft etwas, wenn ich nur einige Sätze dazu sage. Vor drei Wochen z. B. hatten wir ein kleines Bild vom Tiroler Maler Alfons Walde (1891–1958), da sagte ich, dass er dieses Motiv nur einmal gemalt hatte: Vom Startgebot € 70.000 ging es dann um € 500.000 an den neuen Besitzer.

Große Judaica-Auktionen wird es hier nicht geben. Aber sicherlich Erlebnisse mit jüdischem oder israelischem Bezug? Immerhin sind Sie auch der Repräsentant des Dorotheums für Israel?

I Ja, da fallen mir zwei Ereignisse ein. Ich habe in einem Vorort von Tel Aviv einen Alfons Walde entdeckt mit dem Titel Kirchenstiege. Ich bin hingefahren und stieß auf ein betagtes Ehepaar mit einer berührenden Geschichte: Es handelte sich um Käte, die Schwester von Desider Friedmann**, die mit ihrem Mann, Franz Stiassny, bereits 1933 nach Palästina auswanderte. Da man kaum Devisen ausführen durfte, kauften sie u. a. Waldes Kirchstiege bei Bekannten in Innsbruck, wo die Familie ehemals das Damenmodengeschäft Stiassny & Schlesinger geführt hatte. Die Einbringer hofften, dass ein Kunstliebhaber mit ihrem Bild „stiassny“ wird, weil das auf Tschechisch „glücklich“ heißt.

Und die zweite Geschichte?

I Die Wege des großformatigen, mit Totentanz 1809 signierten und mit 1916 datierten Bildes von Albin Egger-Lienz führte aus Deutschland in die USA und wieder nach Österreich. Es gehörte einst der berühmten deutschen Operndiva Elisabeth Rethberg (1894–1976), die als beste „Aida“ ihrer Zeit galt und die sich in den 1920er-Jahren in Riverdale im New Yorker Stadtteil Bronx niedergelassen hatte. Die Eltern eines der aktuellen Besitzer, europäische Emigranten, erwarben das Haus von der Sängerin – und zwar gleich mitsamt dem Bild. Auf unserer Website entdeckten mich die amerikanischen Verkäufer als Repräsentant für Israel, das schien ihnen sympathisch, daher meldeten sie sich bei mir. Das Bild wurde um 1,1 Millionen Euro an eine Privatperson verkauft, die es als Dauerleihgabe an das Egger-Lienz- Museum im Schloss Bruck in Lienz übergab.

 

Schwarz in Aktionvor einem Gemälde des
deutschen Künstlers
Albert Oehlen. © raimo.at
Schwarz in Aktion vor einem Gemälde des deutschen Künstlers Albert Oehlen. © raimo.at

 

Wie war die Stimmung im Dorotheum nach dem 7. Oktober?

I Die Solidarität mit Israel wird im Dorotheum großgeschrieben. Wir hatten z. B. für die Auktion Ende Mai 2024 die seltene Gelegenheit, eine komplette Edition von Andy Warhol zu bekommen, mit dem Titel Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century, 1980. Das waren zehn farbige Siebdrucke mit Persönlichkeiten, von Franz Kafka, Albert Einstein und Sigmund Freud bis George Gershwin und Golda Meir. Da fragte man mich, ob diese Motive jetzt für die Versteigerung geeignet wären. Ich sagte aus vollem Herzen, ja, jetzt erst recht! Der Schätzwert lag zwischen € 400.000 und € 600.000, und wir erzielten einen Weltrekord für dieses Set mit € 1,087.500. Auch zwei Israelis hatten mitgeboten, sie haben es nicht bekommen, aber waren sehr stolz, dass das Auktionshaus das zu diesem Zeitpunkt gemacht hat. Das Dorotheum steht außerdem in engem Kontakt mit dem Israel Museum in Jerusalem.

Wie kommt das?

I Wir unterstützen das Museum durch die Austrian Friends of the Israel Museum Jerusalem (AFOTIM) und zwar gemeinsam mit dem Galeristen Thaddaeus Ropac, der sich da sehr engagiert. Seiner Meinung nach ist es eines der besten Museen der Welt, denn es hat die größte universale Sammlung mit Objekten von der Antike bis zur zeitgenössischen Kunst – mit dem Metropolitan Museum in New York vergleichbar. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet Ropac zur Zeit der Salzburger Festspiele in seiner Privatvilla ein riesiges Dinner für AFOTIM. Wir haben dort einen Tisch, und ich darf dort eine kleine Charity-Auktion machen.

Sie kommen aus einem traditonell-jüdischen Haus, waren in der Jugendbewegung B’nei Akiba. Wie bringen Sie die Feiertage mit Ihrer Arbeit im Dorotheum im Einklang?

I Das Wichtigste ist, dass es alle wissen. Wir sind ein sehr liberales Haus mit hunderten Mitarbeitern aus aller Herren Länder, reich an Diversität, und dazu gehört auch die Akzeptanz der jüdischen Feiertage.

Das größte Auktionshaus Europas hat seine unrühmliche Geschichte in der NS-Zeit ab 2006 unabhängig untersuchen lassen, es erschien ein ausführlicher Bericht der Historikerkommission. Die Eigentümer des Dorotheums gehören der jüngeren Generation an. Sie hat in Ihnen sicher den ersten jüdischen Auktionator gefunden. Spielt das eine Rolle?

I Überhaupt nicht, aber es ist richtig, ich bin der erste jüdische Mitarbeiter sei 1938, soweit es uns bekannt ist. Die Bürde der Vergangenheit ist den Mitgliedern unserer Leitung sehr bewusst. Sie kennen die Geschichte des Dorotheums zwischen 1938 und 1945 sehr genau. Sie wissen die Namen sowohl der Juden als auch der Nazis aus dieser Zeit. Daher ist es der Führung ein besonderes Anliegen, dass wir bei großen Auktionen, bei denen Erben einer jüdischen Familie an sie restituierte Werke einbringen, keine Gebühren verlangen. Das ist unsere Politik und keine Wiedergutmachung, es zeigt nur den Respekt gegenüber Menschen, denen die Rückholung ihres Eigentums schon genug Kraft und Geld gekostet hat.

Apropos Restitution: Betreibt das Dorotheum Provenienzforschung?

I Wir waren 2006 das erste Haus in Wien, das damit begann. Jedes einzelne Stück wird akribisch überprüft. Wenn der geringste Verdacht oder Zweifel besteht, nehmen wir es nicht, auch wenn es Millionen bringen würde.

Sehen Sie sich auch in Zukunft in dieser Aufgabe?

I Es ist ein seltener Beruf, wer kennt schon einen Auktionator? Die Antwort lautet ja, denn solange ich so gerne darüber erzähle, bin ich am richtigen Ort.

 



* Jane Kallir ist eine amerikanische Kunsthändlerin, Kuratorin und Autorin. Sie
ist Co-Direktorin der Galerie St. Etienne in New York, die sich auf österreichischen und deutschen Expressionismus spezialisiert hat. Sie ist die Enkelin des legendären Otto Kallir (1894~1978) der 1923 die Galerie nächst St.Stephan und 1939 die Galerie St. Etienne in New York gründete.

** Desider Friedmann (1880~1944) Rechtsanwalt und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), gehörte zu den führenden Persönlichkeiten des zionistischen Lebens in Wien. Nach mehreren Inhaftierungen in Wien wurde er zuerst nach Dachau, Buchenwald und Theresienstadt deportiert und am 12. Oktober 1944 in Auschwitz gemeinsam mit seiner Frau Ella ermordet.

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