Raketenalarm, Social Media und Wahlkarussel

Derzeit eine Kolumne zu schreiben, die zum Zeitpunkt ihrer Publikation noch einigermaßen aktuell ist, ist angesichts der sich überschlagenden Ereignisse in Israel schwer möglich – einen Versuch ist es aber wert.

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Wie lange noch besteht der Wille, Dunkelheit und Gewalt zu vertreiben?© Yonatan Sindel/Flash90

Vielleicht ist der Spuk ja schon wieder vorbei, wenn diese Zeilen gelesen werden. Vielleicht aber auch nicht. Gerade will ich eine neue Kolumne schreiben, weil die alte nicht mehr passt. Denn die Lage hat sich innerhalb von wenigen Tagen dramatisch geändert. Das deutlichste Zeichen ist der Raketenalarm, der mich nach dem ersten Satz vom Laptop vertreibt.
Das heißt also, in den Schutzbunker laufen, fünf Stockwerke tiefer via Treppen, was innerhalb von 90 Sekunden ganz gut zu schaffen ist. Man fühlt sich geradezu im Luxus, verglichen mit den Menschen in Sderot, wo höchstens zehn Sekunden bleiben, um sich in Sicherheit zu bringen. Gestern ist dort ein sechsjähriger Junge bei einem direkten Angriff getötet worden. Er hatte sich in einem Schutzraum befunden, der aber möglicherweise nicht richtig geschlossen war.
Unser Schutzkeller sollte hingegen eigentlich sicher sein. Neu ist, dass wir diesmal in der Auseinandersetzung mit der Hamas alle ganz bis dort hinunter gehen. In früheren Runden hatten wir uns damit begnügt, uns auf dem Treppenabsatz zwischen ersten und zweiten Stockwerk zu versammeln und den Knall abzuwarten. Jetzt aber kommen die Angriffe gebündelt, es knallt meist viele Male hintereinander. Die Geschosse fordern scheinbar auch technologisch das Abwehrsystem heraus. Tatsache ist: So massiv war Tel Aviv, das immer als eine Art rote Linie galt, die es besser nicht zu überschreiten galt, noch nie beschossen wurde. Diese Gradwanderung macht Angst, auch weil sie etwas über die gewachsene Stärke der Hamas seit der letzten Runde aussagt – und deren Entschlusskraft, sie auch einzusetzen.

Tatsache ist: So massiv war Tel Aviv, das
immer als eine Art rote Linie galt, die es
besser nicht zu überschreiten galt, noch
nie beschossen wurde.

Aus dem Schlaf gerissen, muss man auf dem Weg in den Bunker besonders aufpassen. Nicht wenige Menschen sind auf der Flucht böse gestolpert. Letzte Nacht mussten wir zwei Mal hinunter. Die Nacht zuvor haben sie uns drei Mal aus dem Bett gescheucht. Der Unterricht in den Schulen ist seither wieder auf Fernlernen umgestellt worden, da war man ja schon dank Corona gut eingeübt. Kein Lehrer aber schimpft jetzt, wenn die Kinder eine Lehreinheit verpassen.
Nicht alle stecken es so einfach weg, dass man ihnen nach dem Leben trachtet. Und nicht alle haben einen Ort, an dem sie sich geschützt fühlen. Manche Häuser sind zu klein oder zu alt, der kollektive Schutzbunker zu weit weg. Sich dann bei einem Alarm mit verschränkten Armen auf den Fußboden zu legen, wie es mangels anderer Möglichkeiten vorgeschrieben ist, hinterlässt Spuren in der Psyche, auch oder besonders im „luxuriösen“ Tel Aviv.

In der alten Version meiner Kolumne ging es um die „urbanen Gärtnereien“, die in Tel Aviv während der Pandemie aus dem Boden geschossen sind und sich seither etabliert haben. Es ging auch um die Verkehrsberuhigung mitsamt vieler geplanter neuer Fahrradwege in einer total umgepflügten Innenstadt, die zuweilen an den Blaumilchkanal erinnert. Aber Corona hat uns ja Geduld beigebracht und das Durchhaltevermögen gestärkt, beides würde man jetzt auch in politischer Hinsicht noch eine Weile brauchen. Nach Benjamin Netanjahu war gerade Yair Lapid mit der Regierungsbildung beauftragt worden. Und es hatte sich – nach vier Wahlen – endlich eine mögliche, aus einer breiten Bündnis aller Anti-Bibi-Kräfte bestehende Koalition abgezeichnet.
Jetzt aber ist alles wieder offen. Jetzt gibt es Fragen über Fragen. Werden die jüngsten Ereignisse zu fünften Neuwahlen im Herbst führen, weil eine solche Koalition im Lichte des erneuten Gazakrieges nun nicht mehr auf die notwendige Unterstützung der arabischen Stimmen zählen kann? Oder kommt sie vielleicht gerade deshalb noch zustande? Wären die jüngsten Ereignisse rund um den Tempelberg und Sheikh Jarrah, die die Hamas zum Vorwand für ihre Angriffe auf Israel genommen hat, zu verhindern gewesen wären? Warum hat der Regierungschef erst im letzten Moment die israelische Flaggenparade am Jerusalemtag durch die Jerusalemer Altstadt umgeleitet? Hätte man nicht voraussehen können, dass sich diesmal in der letzten Ramadanwoche heilige Zeiten an den heiligen Stätten auf ungewöhnliche Weise bündeln würden?

Noch nie haben Bilder, die vor Ort und auch im
Ausland in den sozialen Medien geteilt werden, eine so gefährliche und polarisierende Rolle gespielt.
Vielleicht aber verzerren sie auch das Gesamtbild.

Weitsichtiger haben sich da womöglich die Islamisten erwiesen. „Nach unzähligen Protesten und Demonstrationen sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir ohne Waffen unser Land nicht befreien, unsere heiligen Stätten nicht beschützen, unser Volk nicht in sein Land zurückbringen und unsere Würde nicht bewahren können“, hatte einer ihrer Anführer, Mahmoud Zahar, bereits Ende April angekündigt.
Es sind nicht nur die Raketen aus Gaza, die einen nachts nicht schlafen lassen. Im Fernsehen laufen auch die Berichte über die jeweils jüngsten abendlichen Ausschreitungen in gemischten arabisch-jüdischen Städten, die bisher im Ruf einer stabilen Koexistenz standen. Lod, Ramle, Akko. Schon vor einigen Wochen haben Filme, die auf TikTok verbreitet wurden, die Gewalt angeheizt. Die kurzen Szenen zeigen, wie palästinensische Jugendliche verbal und tätlich auf gleichaltrige Charedim losgehen. Das wiederum lieferte jüdischen Extremisten den Vorwand, mit Parolen wie „Tod den Arabern“ durch die Altstadt zu ziehen und ihrerseits Araber anzugreifen. Noch nie haben Bilder, die vor Ort und auch im Ausland in den sozialen Medien geteilt werden, eine so gefährliche und polarisierende Rolle gespielt. Vielleicht aber verzerren sie auch das Gesamtbild, weil all die anderen nicht vorkommen.
Aufrufe zur Besinnung sind da tatsächlich weniger spektakulär. Auf meinem Handy trifft gerade eine WhatsApp-Nachricht ein, die von einer Klassenlehrerin verschickt wurde und in der auf Hebräisch und Arabisch dazu aufgerufen wird, sich heute Abend um acht Uhr auf die Balkone zu stellen und die Handylampen anzuknipsen. Man will so gemeinsam „Dunkelheit und Gewalt vertreiben“. Hoffentlich gibt es dann nicht gerade einen Raketenalarm.

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