
Woran erkennt man Rechtsextremismus? Drei Faktoren müssen zutreffen: Antiegalitarismus, Volksgemeinschaftsdenken und Autoritarismus. Antiegalitarismus: der Rechtsextremismus setzt dem Gleichheitspostulat, wie es seit der Aufklärung in unterschiedlicher politischer Ausformung vertreten wird, die Behauptung einer natürlichen Ungleichheit von Menschen entgegen – gedacht wird in Völkern, Kulturen, Rassen. Volksgemeinschaftsdenken: Es stehen nicht Menschen und damit Individuen, sondern Völker im Zentrum der Weltsicht. Die eigene ethnische Gruppe wird gegenüber anderen als privilegiert gesehen und zur Norm erhoben. Autoritarismus: Es wird die Notwendigkeit rigider Hierarchien und Herrschaftsverhältnisse postuliert – im Kleinen in der Familie (Patriarchat), im Großen in Staat und Gesellschaft.
Dazu können noch weitere Merkmale kommen wie ein revisionistisches Geschichtsbild, Antifeminismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Demokratieskepsis bis -ablehnung oder Hypermaskulinismus. Entscheidend sind aber die eingangs skizzierten drei Faktoren.
Das neu gestaltete Handbuch umreißt aber nicht nur präzise und differenziert, wann man von Rechtsextremismus spricht. Es gibt einen Überblick über die Geschichte dieser Ideologie in Österreich, fasst das Phänomen in Zahlen, beschreibt historische und heutige Player dieser Szene, macht Zeichen und Codes, mit denen operiert wird, transparent. Wer sich schlau machen möchte, findet hier ein wissenschaftlich aufbereitetes Übersichtswerk, das Rechtsextremismus in Österreich in Vergangenheit und Gegenwart greifbar macht.
Verändert haben sich in der rechtsextremen Szene nicht nur die Organisationsformen, sondern vor allem auch die Kommunikation. Das Internet, Kanäle wie Telegram & Co. haben gedruckten Schriften und periodischen Medien das Wasser abgegraben. Die neue Rechte in Form der Identitären orientiert sich in ihrem Auftreten eher an den Aktionsformen linker NGOs, das ideologische Fundament ist freilich von völlig anderen Werten geprägt.
An wen will sich das DÖW mit dem stattlichen Band – er hat mehr als 500 Seiten – wenden? „Das Buch versteht sich als Handreichung für alle diejenigen, die auf unterschiedliche Weise etwas gegen die schleichende Normalisierung von rechtsextremen Positionen machen wollen“, sagt Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des DÖW, sowie gemeinsam mit Isolde Vogel und Bernhard Weidinger Herausgeber des Bandes. „Ihnen soll das Buch als Ideenanstoß, Nachschlagewerk und Argumentationshilfe dienen.“ Gedruckte Bücher würden heute zudem einen oft niederschwelligeren Zugang bieten als Online-Texte und auch zu längerer Lektüre einladen. Man könnte auch sagen: bevor man sich in Online-Recherchen selbst ein Puzzle zusammensetzt und dabei den einen oder anderen Teil nicht findet, bietet solch ein Handbuch einen garantiert vollständigen Überblick.
Was die aktuelle Version anders macht als ihre Vorgänger: Kranebitter und seinem Team war es wichtig, „den Rechtsextremismus anhand seiner Strukturen zu erzählen“. „Bei der derzeitigen Verbreitung rechtsextremer Ideologeme ist es wichtig, auf gesellschaftliche Strukturen abzuzielen, anstatt das Phänomen auf Schlüsselpersonen zu reduzieren. An diesem Ansatz sieht man auch eine Veränderung in den Dynamiken des Rechtsextremismus: Früher waren Personen wie zum Beispiel Gottfried Küssel zentrale Identifikationsfiguren der Szene, heute schießen namenlose Tanzbrigaden und Ableger der Identitären aus dem Boden“, sagt der DÖW-Leiter.
Was sich nicht verändert hat: bis heute hat die FPÖ eine wichtige Funktion in dieser Szene. Sie ist, so ist im Handbuch nachzulesen, „in der Geschichte der Zweiten Republik die bedeutendste und langlebigste Partei aufseiten der politischen Rechten“. Aktuell, so die Analyse des DÖW, sei die FPÖ „nicht (nur) tagespolitisch und taktisch als ‚rechtspopulistisch‘, sondern auch in ihrer Ideologie als ‚rechtsextrem‘ zu charakterisieren“. Diese Einschätzung beziehe sich auf die Programmatik der Partei und „das Führungspersonal“, nicht aber auf jedes Mitglied und jeden Funktionär, jede Funktionärin und schon gar nicht auf alle Wähler und Wählerinnen der FPÖ.
























