Reich, elegant, brutal

Bugsy Siegel war einer der härtesten Verbrecher der sogenannten Kosher Nostra. Bei Yale University Press ist in der Serie „Jewish Lives“ eine neue Biografie über ihn erschienen.

496

Üblicherweise liest man in der Buchreihe „Jewish Lives“ Biografien von Künstlern, Wissenschaftlern oder Politikern. Erstmals haben die Herausgeber im renommierten Verlag Yale University Press einen Gangster in den Mittelpunkt gestellt. Der Autor des Buches, Michael Schnayerson, dazu gegenüber der Website Times of Israel: „Jüdische Verbrecher waren ein Teil der jüdisch-amerikanischen Erfahrung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts“, das rechtfertige die Beschäftigung mit diesen Figuren. Und in der Einleitung der Biografie: „Osteuropäische Juden fanden die Türen verschlossen und folgten ihrer eigenen, dunkleren Version des amerikanischen Traums.“ Neben Meyer Lansky war eben Ben Siegel einer der wichtigsten Vertreter der brutalen Gattung.
Es begann mit einem armen Emigrantenpärchen, wie es damals Millionen gab: Max und Jennie Siegelbaum flohen im Jahr 1900 vor den Pogromen des russischen Zarenreichs aus einem ukrainischen Städtchen und hofften auf ein besseres Leben in den USA. Max, gelernter Schneider, arbeitete in Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, als Bügler in einer Hosenfabrik. Der Sohn Benjamin Hymen Siegel kam dann schon in Manhattan zur Welt, in der Lower East Side, im Jahr 1906.
Die Schule sah Ben, Spitzname „Bugsy“, nur als Durchgangsstation, ab der 7. oder 8. Schulstufe wurde ihm die Straße wichtiger, zum Spielen und Arbeiten. Er hatte seine Gang, freundete sich besonders mit einem einige Jahre älteren jüdischen Jugendlichen an, Meyer Lansky. Sie verdienten ihr Geld mit kleinkriminellen Aktivitäten, verlangten etwa Schutzgeld von Straßenhändlern, damit ihnen niemand ihre Karren anzündete. Bei seinem ersten Coup erinnerte sich Siegel später, raubte er einen Pfandleiher aus und musste zehn Blocks mit schweren Säcken voller Kleingeld laufen, wurde aber nicht erwischt.
Der Weg zum professionellen Gangster führte über das Alkoholgeschäft. Ab 1920 galt in den USA ein Verbot, die Prohibition, und deren Umgehung ließ Verbrecher verschiedener Herkunft kreativ werden. Billiger Schnaps wurde schwarz erzeugt, besserer mit höheren Gewinnmargen illegal aus England oder Kanada importiert. Lansky begann als LKW-Fahrer Whisky-Kisten von den nächtlichen Anlandeplätzen in die geheimen Lager zu transportieren, bald brachte er Bugsy mit ins Geschäft.

»Osteuropäische Juden fanden die Türen verschlossen
und folgten ihrer eigenen,
dunkleren Version des amerikanischen Traums.«

Einleitung der Biografie

Dabei ging es aber nicht mehr nur um Speditionsbelange: Die wertvolle Ware musste auch beschützt, notfalls verteidigt werden. Und auch der eine oder andere Konkurrent wurde vorausschauend beseitigt. Bugsy und Meyer begannen, professionell zu töten. Eine Bilanz aller Morde von Siegel konnte bisher nicht erstellt werden, er selbst sprach einmal von einem Dutzend, FBI-Berichte von etwa 30. Als Beteiligter, Auftraggeber oder Mitwisser kommen aber im Lauf der Jahre mindestens 400 gewaltsame Tode in Frage.
Das Schnapsgeschäft lag freilich nicht nur in den Händen der jüdischen Gangster, der Kosher Nostra. Längst arbeiteten sie mit Italienern und Iren zusammen, Siegel hatte schon die Macher der anderen Ethnien persönlich kennen gelernt, etwa Frank Costello oder Charles „Lucky“ Luciano. Und als Anfang der 1930er-Jahre das große Morden überhandnahm, einigten sich die Bosse auf einen friedlichen Zusammenschluss, gründeten ein Syndikat. Siegel und Lansky waren dabei.

Benjamin „Bugsy“ Siegel auf einem Polizeifoto 1928. © Wikipedia/New York Police Department

Auf an die Westküste. Doch die Prohibition endete 1933, und damit brach ein lukrativer Teil des Geschäftsmodells weg, man musste sich neue Einnahmequellen suchen. Dazu zählte etwa Schutzgelderpressung der New Yorker Garment District, das Textilviertel, war fest in der Hand des Mob. Einmal machten sie Sache mit den Unternehmern und beendeten Streiks mit Schlagstöcken, dann wieder kassierten sie im Namen der Gewerkschaften und brachen den Managern Arme oder Beine. Und auch das Wettgeschäft sollte zunehmend wichtiger werden.
Dafür war freilich im Amerika der 1930er-Jahre New York zu klein geworden, das Syndikat schickte seine Männer hinaus in die anderen Staaten. Chicago schien schon mit eigenen lokalen Gangstern besetzt, so zog Lansky nach Florida, Siegel machte sich auf an die Westküste. Es galt, Terrain zu erobern, Geld des Syndikats gewinnbringend anzulegen.
Und das tat Siegel in Los Angeles sehr erfolgreich. Innerhalb weniger Jahre hielt er Anteile an Klubs, Wettbüros und an einer Firma für telegrafische Wetten. Er organisierte die Gewerkschaft der Filmstatisten und kassierte dadurch an den boomenden Filmproduktionen Hollywoods mit. Siegel vermehrte dabei nicht nur das Investment der Ostküstengangster, er wurde auch selbst reich. Bei allen brutalen Morden, die im Hintergrund notwendig waren, um das Imperium auszuweiten, trat Siegel nach außen stets elegant, gut gekleidet, sportlich und weltläufig auf. Er ließ sich ein mondänes Anwesen bauen, mit einer zweistöckigen Eingangshalle, 23 Zimmern und einem Speisesaal für 30 Gedecke. Dort schmiss er luxuriöse Partys, zahlreiche Hollywood-Größen kamen und feierten mit ihm: James Steward, Clark Gable, Marlene Dietrich, Fred Astaire.
Die Filmschickeria sollte sich später von Siegel abwenden, als er mehrmals wegen Mordverdacht verhaftet wurde. Zu einer Verurteilung vor einem kalifornischen Gericht kam es aber nie, wichtige Zeugen überlebten ihre Absicht auszusagen nicht.
Und auch wenn Siegel nach außen als solider jüdischer Familienmensch mit seiner Frau Esther, einer geborenen Krakauer, auftrat, sich liebevoll um seine beiden Töchter kümmerte, so wurden doch seine Affären stadtbekannt. Dazu gehörten etwa die Schauspielerin Jean Harlow, nach ihr eine amerikanische Erbin, die einen italienischen Grafen geheiratet hatte, sowie weitere Filmstars. Eine von ihnen, Virginia Hill, sollte er dann nach seiner Scheidung von Esther schließlich in Mexiko heiraten.
Mit Hill wagte sich Siegel auch an sein größtes Projekt heran: die Entwicklung des staubigen Städtchens Las Vegas in der Wüste von Nevada. Dort waren während der Bauarbeiten am gewaltigen Hoover-Damm erste primitive Casinos entstanden, um den Mineuren und Betonschalern nach der Schicht ein wenig Abwechslung zu bieten. In Kriegszeiten kamen dann noch eine Pilotenschule der US Air Force und ein
Magnesiumbergwerk dazu. Es blieb aber tiefe Provinz, der Weg herauf von Los Angeles war mühsam, oft gefährlich.

Michael Shnayerson: Bugsy Siegel. The Dark Side of the American Dream. Yale University Press 2021, 226 S., € 20,65

Doch das änderte sich: Die Straße wurde ausgebaut, der Flughafen erlaubte es Spielern aus anderen Bundesstaaten, leichter anzureisen, die Entwicklung kleinerer Klimaanlagen ließ das Übernachten im brütend heißen Las Vegas angenehmer werden. Siegel sah das Potenzial, er wollte mithilfe von Syndikatsgeld ein Supercasino mit angeschlossenem Hotel bauen. Doch dieses Projekt sollte ihm eine Nummer zu groß werden: Erst gab es Probleme mit Zulassungen, als die notwendigen Beamten geschmiert waren, betrogen ihn Baufirmen und Lieferanten. Die Kosten explodierten, von einer Million Dollar auf sechs.
Siegel agierte nicht mehr rational, er stopfte ein Loch und machte ein anderes auf. Aus Verzweiflung hatte er mehr Anteile am Casino verkauft, als es gab, die wirklichen Eigentümer wussten noch nicht, wie verwässert ihre Shares schon waren. Darüber hinaus dürfte seine Frau Virginia erhebliche Summen abgezweigt und auf Schweizer Konten überwiesen haben. Die Eröffnung verzögerte sich, auch danach liefen noch erhebliche Verluste auf. Einen Baumeister, mit dem er in Streit geriet, beruhigte er noch in Gangstersprache, dieser brauche keine Angst zu haben, „wir töten nur einander“.
Und doch bekam er es selbst zusehends mit der Angst zu tun. Einem Geschäftsfreund sagte er: „Wenn ich den Leuten im Osten ihre Zinsen nicht zahle, werde ich umgebracht.“
Schnayerson beschreibt ein Treffen der Syndikatsbosse Ende 1946 in Kuba, auf dem angeblich Siegels Schicksal beschlossen wurde. Lansky soll sich noch für seinen Jugendfreund eingesetzt haben, aber ohne Erfolg. Am 20. Juni 1947 schoss ein Killer mit einem Karabiner durch ein Fenster im ebenerdigen Salon seiner Villa Siegel in den Kopf. Im Polizeibericht steht, dass eines seiner Augen an der gegenüberliegenden Wand klebte. Der oder die Mörder wurden nie gefunden.
Das Flamingo und in Folge ganz Las Vegas als Spielerparadies sollte noch ein großer Erfolg werden, für Mafiainvestoren und ihre stets nachwachsenden Freunde aus dem Showbiz. Nicht zuletzt Frank Sinatras Auftritte dort sollten legendär werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here