Religion brachte uns näher zusammen

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Drei Generationen auf einer Couch (v. l. n. r.): Daniel Sadikov, Anat Sadikov, Maria Faizieva, Luba Niyazov, Nili Jagudaew, Avital Jurist. © Jacqueline Godany
Drei Generationen auf einer Couch (v. l. n. r.): Daniel Sadikov, Anat Sadikov, Maria Faizieva, Luba Niyazov, Nili Jagudaew, Avital Jurist. © Jacqueline Godany

Die Familie von Luba Niyazov lebt bereits in der vierten Generation in Wien. Die einstige Heimat Buchara weckt noch immer Sehnsucht, der zweiten Heimat Israel ist man weiter verbunden. Mit dem Leben in Österreich ist auch eine Besinnung auf die Religion einhergegangen. Der Enkel lernt heute an einer Jeschiwe in Bnei Brak.
Von Alexia Weiss

Wenn Luba Niyazov ein paar Tage nicht im Obst- und Gemüsegeschäft der Familie in der Rotensterngasse steht, Früchte abwiegt, Salat verkauft, dann fragen die vielen Stammkunden schon: Was ist los? Luba kommt doch wieder? Obst und Gemüse: Das scheint die Bestimmung von Luba Niyazov und ihrem Mann Anton zu sein. Den ersten Stand hatten sie am Vorgartenmarkt, aber auch am Meidlinger Markt und am Karmelitermarkt haben sie schon Grünzeug verkauft. Dazwischen haben sie auch eine koschere Fleischerei in der Leopoldstadt und einen Imbiss am Volkertmarkt betrieben. Glücklich war Luba Niyazov dort aber nicht. „Ich war wie ein Vogel im Käfig. Ich wollte nicht immer drinnen sein. Am Markt bin ich immer draußen gestanden.“ Tochter Anat Sadikov wirft ein: „Sie muss immer reden. Die Leute haben sich aber sehr wohl gefühlt in unserem Imbiss am Volkertmarkt.“

Luba Niyazov kam 1953 in Buchara im heutigen Usbekistan zur Welt. Ihren Mann Anton heiratete sie noch in der ehemaligen Sowjetunion – 1977 ging das Paar nach Israel, da war die erste Tochter, Anat, eben geboren. Fünf Kinder brachte Luba Niyazov insgesamt zur Welt, den jüngsten Sohn bereits in Österreich.

Maria Faizieva hat sechs Kinder. Die betagte Dame, die seit vielen Jahren ein Ohrensausen plagt, lebt im gemeinsamen Haushalt mit den Niyazovs. Sie ist Luba Niyazovs Schwiegermutter – und zugleich Tante. Denn Luba und Anton sind Cousins. Lubas Mutter war eine Schwester von Maria. In der ersten Schwangerschaft hat sie daher auch gebetet, dass das Kind ja gesund sein möge. „Ich habe keine Angst vor der Geburt gehabt, nur, dass das Neugeborene nicht gesund sein könnte. Weil mein Mann und ich doch auch verwandt sind.“ Die Geburt war schließlich schwer – aber das Mädchen Anat kerngesund. Es sollte viele Jahre später eine andere Schwangerschaft sein, welche die Familie immer näher zur Religion brachte.

Doch zurück zu Maria Faizieva. Sie kam 1935 in Buchara zur Welt. Die Familie war arm. Maria hatte vier Geschwister – doch die Mutter starb, als sie selbst sieben Jahre alt war. Der Vater hatte einen Esel gehabt, erzählt sie, wobei ihr gesprochenes Deutsch nicht facettenreich genug ist, um ihre Erinnerungen zu formulieren, denn ihre Familiensprache ist Hebräisch.

Mit dem Esel hat der Vater für Läden kleine Transporte gemacht. Maria dachte, dass nach ihrer eigenen Hochzeit im Alter von 18 Jahren vieles besser werden würde. „Sie hat aber nur mehr geweint. Das, was sie bei ihrem Vater gesehen hat, sah sie nun auch bei ihrem Mann“, übersetzt die Schwiegertochter. Letzterer verkaufte an einem Stand von anderen Obst und Gemüse. Als das Paar bereits drei Kinder hatte, ging die Familie nach Taschkent. Dort brachte Maria drei weitere Kinder zur Welt, doch bald wurde ihr Mann krank und verstarb. Taschkent wurde in dieser Zeit von einem Erdbeben erschüttert, „und die ganze Stadt zerstört.“ So kehrte die Familie nach Buchara zurück. Dort setzte Maria stets alles daran, um gut für ihre Kinder zu sorgen. Zuletzt arbeitete sie als Eisverkäuferin. „Da hat sie gut verdient“, sagt Enkelin Anat Sadikov.

Sehnsucht nach der Mutter.

1974 entschloss sich Maria Faizieva, mit fünf ihrer sechs Kinder nach Israel zu gehen. Sohn Anton war gerade beim Militär, und dieses ließ ihn nicht, vor Ablauf seiner zweijährigen Armeezeit in Sibirien, gehen. So wartete Anton, dass das Militär endlich vorbei ist, und Luba auf ihren Bräutigam. Dieser wiederum hatte Sehnsucht nach seiner Mutter: So wanderte auch er 1977 nach Israel aus – und Luba hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. „Das war keine Frage. Bei den Bucharen geht die Frau mit dem Mann“, wirft Anat Sadikov ein, „damals war das jedenfalls so“. Und ihre Schwester Avital ergänzt: „Meine Mutter hat alles für meinen Vater gemacht.“

„Der Anfang war sehr schwer“, erinnert sich Luba Niyazov. „Mein Mann hat zwei Jahre lang in einer Militärfabrik gearbeitet. Ich habe damals ununterbrochen geweint. Meine ganze Familie war in Buchara, und ich habe mich immer einsam gefühlt. Auch wenn meine Schwiegermutter und meine Schwester dort waren, war die Familie doch zerrissen.“ Luba hatte vor der Heirat die Matura am Technion abgelegt und war ausgebildete Buchhalterin, hat aber in diesem Beruf nie gearbeitet, „denn wir Juden hatten in Russland damals auf solche Jobs keine Chance. So habe ich als Verkäuferin in der Küche einer Schule gearbeitet.“ Die Diskriminierung, der Antisemitismus, sie waren doch spürbar.

Iwrit hat die gesamte Familie erst in Israel gelernt. Erstaunt stellen die Töchter Anat und Avital bei dem gemeinsamen Gespräch mit Großmutter und Mutter fest: In ihrer Kindheit haben sie kein Russisch gesprochen. „Warum?“, wollen sie nun von Luba wissen. „Damals gab es keine russische Sprache in Israel“, antwortet die Mutter. „Jetzt gibt es Zeitungen, Fernsehen. Aber damals gab es nur Iwrit, kein Russisch. Und die, die es konnten, wollten es nicht sprechen.“ 1985 packte die Familie ihre Koffer erneut. Das Ziel hieß damals: Wien. Obwohl, Ziel sollte es nicht wirklich sein. Inzwischen war Luba Niyazovs Mutter in Buchara verstorben, und die Tochter hatte sie nicht mehr sehen können. Die Sehnsucht nach der Heimat war groß. Die Hoffnung war: Man geht nach Österreich, bekommt hier die Staatsbürgerschaft und kann wieder in Buchara einreisen.

Anton, der als Vorbote einige Wochen vor seiner Frau und den Kindern nach Wien geflogen war, gefiel es in Österreich jedoch sehr gut.  „Er hat gearbeitet von fünf Uhr in der Früh bis zehn am Abend und hat wenig verdient“, erinnert sich Tochter Avital. Die Mutter sieht das ein wenig anders: „Ich war dankbar für die Arbeit, die er gehabt hat. Und diese Leute haben uns geholfen, unser eigenes Geschäft zu kaufen, am Vorgartenmarkt.“

Wirklich glücklich war Luba, als die Familie einen Stand am Meidlinger Markt betrieb.

Wirklich glücklich war Luba in den Jahren, als die Familie einen Stand am Meidlinger Markt betrieb. Wenn sie von dieser Zeit erzählt, lacht sie und selbst ihre Augen strahlen. „Das war die schönste Zeit“, sagt sie, „zwölf Jahre habe ich auf diesem Markt gelebt.“ Dabei war auch dort der Anfang alles andere als leicht. Das Geschäft am Vorgartenmarkt hatte nichts als Probleme gemacht, so hat Anton Niyazov es schließlich verkauft. „Er baut etwas auf und verkauft, baut auf und verkauft“, analysiert Tochter Anat Sadikov. Am Meidlinger Markt hoffte man auf einen guten Neustart. Doch es kamen keine Kunden. Bis das Ehepaar herausfand: „Vor uns war dort eine Dame, die die Leute mit der Waage betrogen hat.“

Zu dieser Zeit hatte die Familie ihre Kinder bereits in die Chabad-Schule geschickt und bei den dort tätigen Rabbinern ein spirituelles Zuhause gefunden. Der damalige Rabbiner der sefardischen Gemeinde, Moshe Israelov, habe damals eine Reise nach Amerika zum Lubawitscher Rebben organisiert, doch Anton Niyazov konnte das Geld dafür nicht aufbringen. So zahlte der Rabbiner das Ticket, und Anton konnte es später zurückzahlen. Diese Entscheidung macht sich im wahrsten Sinn des Wortes bezahlt. Denn Anton kam mit einem gesegneten Dollar zurück. Die gesamte Familie ist bis heute überzeugt, dass HaSchem [G-tt] Anton in der Folge die zündende Geschäftsidee schickte: die Ware nicht nach Kilo, sondern pro Stück zu verkaufen. So war keine Manipulation mehr möglich. Und die Leute standen Schlange bei den Niyazovs am Meidlinger Markt. „Das Geld ist wie ein Regen gekommen zu uns“, erinnert sich Luba. „In diesem Jahr, das war 1988, sind wir mit allen vier Kindern nach Buchara geflogen.“ Der Jüngste war damals noch nicht auf der Welt.

Obst und Gemüse. Das scheint die Bestimmung von Luba Niyazov und ihrem Mann Anton zu sein. © Jacqueline Godany
Obst und Gemüse. Das scheint die Bestimmung von Luba Niyazov und ihrem Mann Anton zu sein.
© Jacqueline Godany

Im Obst- und Gemüsegeschäft, das die Familie heute in der Rotensterngasse betreibt, unweit der Taborstraße, hat sich Anton Niyazov wieder etwas Neues einfallen lassen. Draußen vor dem Laden stehen Regale, auf denen Äpfel, Paprika, verschiedenstes Obst und Gemüse jeweils so abgepackt sind, dass man dafür genau einen Euro bezahlt. „Die Leute lieben das“, schwärmt Anat Sadikov. Manchmal steht auch sie im Geschäft und hilft aus, auch wenn die Mutter von acht Kindern hauptberuflich als Religionspädagogin im Zwi-Perez-Chajes-Kindergarten tätig ist. Anders als am Meidlinger Markt ist es hier auch kein Problem, freitags im Winter früher zu schließen und am Samstag erst gar nicht aufzusperren. Auch viele religiöse Juden kommen hierher, um ihr Obst und Gemüse zu kaufen – in größeren Mengen als eine nichtjüdische Durchschnittsfamilie mit nur ein oder zwei Kindern.

Was aber hatte sich Maria Faizieva, als ihre Kinder noch klein waren, für diese für die Zukunft gewünscht? „Dass sie einen guten Beruf erlernen“, übersetzt Luba. „Die Kinder sollten mit dem Kopf arbeiten und nicht mit den Händen“, erklärt Enkelin Anat. „Ein Sohn ist Toraschreiber geworden. Aber keiner ist Professor oder Arzt geworden. In diesem Sinn ist dieser Wunsch nicht ganz in Erfüllung gegangen.“

Nach Österreich ausgewandert.

Und was hat sich Luba für ihre fünf Kinder gewünscht? „Eine saubere Seele sollen sie haben und glücklich heiraten für ewige Zeiten, nur keine Scheidungen! Ich bin stolz auf meine zwei Söhne und drei Töchter; das Wichtigste ist, dass sie mir und meinem Mann gegenüber Res­pekt haben. Und meine Kinder sollen glücklich sein. Vielleicht werden meine Enkelkinder Professoren, aber meine Kinder wollten nicht so gut lernen. Sie wollten nur schnell, schnell heiraten“, sagt sie und lacht, und die Töchter – inzwischen ist auch Anats und Avitals Schwester Nili Jagudaew zur Runde gestoßen – lachen mit ihr. 16 Enkelkinder hat Luba bereits, aber Maria Faizieva trumpft auf: Sie hat 70 Enkel und Urenkel. „Mit 60 war sie schon Urgroßmutter!“, ruft Anat.

Anat Sadikov kam 1977 in Buchara zu Welt und noch als Baby nach Israel. „Ich bin dort auch in die Schule gegangen, aber ich habe keine Erinnerungen mehr.“ Wenig kommt ihr auch in den Sinn, wenn sie versucht nachzudenken, wie das damals war, als die Familie erneut auswanderte, dieses Mal nach Österreich. „Ich weiß nur, ich habe die Schule nicht gemocht. Das war in der Wolfgang-Schmälzl-Gasse.“ Mutter Luba erzählt: „Wir haben Probleme gehabt mit einem Lehrer. Einmal kam Anat zu mir, damals auf den Vorgartenmarkt. Sie weinte und sagte, sie habe eine schlechte Note bekommen. Ich habe gesagt, ‚das kannst du ausbessern‘. Aber dann hat sie erzählt, dass der Lehrer die Kinder mit guten Noten sich in zwei Reihen aufstellen hatte lassen, und die mit schlechten Noten mussten zwischen ihnen durchgehen und wurden von den anderen getreten und geschlagen. Ich bin dann zu dem Lehrer hingegangen, und er hat gemeint, das war nur ein Spaß für die Kinder. Ich bin aber zum Direktor gegangen. Dann ist alles anders geworden.“ Die Tochter erinnert sich aber, „die anderen Kindern waren dann böse auf mich, weil ich den Lehrer ‚verpetzt‘ habe. Es war nicht schön dort. Mir haben in Wien auch die jüdischen Freunde gefehlt.“

Auch das sollte sich ändern. „Ich habe Rabbi Dov gesehen vom Fenster, und so hat er unsere Familie kennen gelernt“, erzählt Anat. „Und er hat gesehen, dass da jüdische Kinder in eine nichtjüdische Schule gehen, und ist deshalb zu meinen Eltern gegangen. Die Hauptschule habe ich noch am Max-Winter-Platz begonnen, aber im zweiten Jahr habe ich dann zu Chabad gewechselt. Und dort ist mir dann endlich gut gegangen. Es war alles so behütet dort.“ Die neunte Schulstufe absolvierte sie am Gymnasium in der Hegelgasse, „aber da habe ich mir schwer getan.“ Ihr Berufswunsch war immer Säuglingsschwester gewesen, aber in diese Schule hineinzukommen, sei nicht leicht gewesen. So machte sie diverse Kurse, die immer etwas mit Kindern zu tun hatten – und heiratete bereits mit 17 Jahren, „was ich heute vielleicht meiner Tochter nicht empfehlen würde.“ Acht Kinder hat sie heute, zwischen drei und 18 Jahren. Sie hat die Ausbildung zur Tagesmutter und zur Religionspädagogin gemacht und liebt ihre Arbeit im Kindergarten. Fromm geworden sei sie erst nach der Hochzeit. Irgendwie habe das mit Chabad zu tun, aber dann auch mehr mit ihrer Schwester Avital. In der Chabad-Schule „haben wir alles aufgesaugt, und dann mitten im Leben ist es herausgekommen“. Und was hat Avital damit zu tun?

„Ich habe in Israel schon das Aleph Beth gelernt, und hier in Wien hat man mich in die Vorschule gesteckt.“ Avital Jurist

Avital Jurist © Jacqueline Godany
Avital Jurist
© Jacqueline Godany

Avital Jurist – hier ruft einer ihrer Neffen dazwischen: „Ihr Mann ist Aschkenase, nicht Buchare!“ – kam 1978 in Israel zur Welt und 1985 mit der Familie nach Wien. Sie weiß noch, „dass ich am Anfang sehr unglücklich war in Wien. Ich habe in Israel schon das Aleph Beth gelernt, bis April, und hier in Wien hat man mich in die Vorschule gesteckt.“ Die Zeit in einer  jüdischen Schule, einige Jahre später, sei dann aber „die schönste Zeit in meinem Leben“ gewesen, erinnert auch sie sich wehmütig zurück. Nach der Schule fand sie keinen Lehrplatz und arbeitete ein Jahr bei McDonald’s. Auch sie heiratete bereits mit 17. „In der ersten Schwangerschaft gab es Komplikationen. Und ich habe begonnen, religiöser zu sein. Zwei Lehrerinnen von Chabad haben mich besucht und gesagt, wenn man Schwierigkeiten hat, muss man einen Brief an den Rebben in Amerika schreiben. Und ich habe gesagt: Er ist doch schon gestorben! Aber trotzdem, haben sie gesagt, ich soll den Brief schreiben und etwas auf mich nehmen, etwas Kleines, denn Chabad macht nichts mit Druck, alles ist mit Liebe. Aber mir war etwas Kleines nicht genug. Ich habe gesagt, ich werde anfangen, Schabbat zu halten.“

„Nach zwei Monaten bin ich aus dem Spital herausgekommen, habe alle meine Hosen weggeschmissen, alle meine Miniröcke, Schminiröcke. Und mein Mann hat den Fernseher hinausgeworfen. Und ich bin immer strenger geworden, und als mein Sohn dann ein halbes Jahre alt war, habe ich auch meinen Kopf bedeckt.“ Heute ist sie Mutter von fünf Kindern, hat sich auch weitergebildet und arbeitet ebenfalls als Religionspädagogin im ZPC-Kindergarten. Ihr Wunsch für die Zukunft ihrer Kinder: „Dass sie den Weg zu G-tt kennen und glücklich sind.“ Anat sieht das etwas anders: „Für mich ist ein Beruf sehr wichtig. Dass man nicht abhängig ist. Und natürlich sollen sie das Jüdischsein nicht vergessen.“ Anat lebt heute ebenso wie Avital religiös. Hier war es eher ihr Mann, der zuerst zum religiösen Judentum tendiert hat. „Als ich religiöser geworden bin, hat sich ihr Mann näher an mich angeschlossen“, erzählt Avital, „so hat es auch bei ihnen angefangen“. „Beim zweiten Kind bin ich schon fromm gewesen“, sagt Anat.

Nili Jagudaew, die 1983 in Israel geboren wurde, arbeitet in der Ambulanz des Maimonides-Zentrums. Sie hat zunächst eine Handelsschule besucht, dann die Ausbildung zur Ordinationsgehilfin absolviert. Geheiratet hat auch sie sehr früh – „mein erstes Kind habe ich mit sechzehneinhalb bekommen“. Wenn sie über ihre Arbeit spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. „Die Arbeit gefällt mir so sehr, es ist mein Traumjob. Ich hätte nie gedacht, dass mir das so viel Spaß macht.“

Religiös leben.
Nili Jagudaew © Jacqueline Godany
Nili Jagudaew
© Jacqueline Godany

Nachdenklich wird sie, wenn es um die Zukunft ihrer beiden älteren Kinder geht, zwei Buben. Beide fühlen sich in der Chabad-Schule sehr wohl, „aber sie haben dort keine Zukunft“. In der Oberstufe gebe es meist nur Mädchenklassen. Und Nili weiß nicht, ob sie in einer nichtjüdischen Schule klarkommen würden, obwohl sie selbst kein Problem damit hätte. „Mein Mann ist überhaupt nicht fromm, gar nicht.“ Aber sie trage doch Kopfbedeckung? „Wir werden sehen. Vielleicht ist es nur vorübergehend“, sagt sie. Im Moment gehe es Mutter Luba gesundheitlich nicht gut, da habe sie beschlossen, Kopfbedeckung zu tragen. Luba Niyazov selbst trägt heute nur mehr Rock und ebenfalls den Kopf bedeckt. Das ist nicht immer so gewesen. Sie versteht das als Dank an HaSchem, der ihr schon einmal bei einer schweren Krankheit geholfen habe.

„Die Rahmenbedingungen stimmen, es ist koscher, du kannst Schabbat halten und auch die Feiertage.“ Nili Jagudaew

Auch Anat Sadikov macht die schulische Situation Sorgen. Ihr Sohn Daniel, der 1995 in Wien zur Welt kam, absolvierte die jüdische Schule in der Tempelgasse und lernt derzeit an einer Jeschiwe in Bnei Brak [in Israel]. In den Ferien kommt er aber gerne nach Wien, wo er auch seine Zukunft sieht. Er möchte hier als Rabbiner tätig sein, doch Mutter und Tanten sehen die Aussichten dafür nicht rosig, es gebe schon so viele Rabbiner. „Mein Wunsch wäre, dass er nach der Jeschiwe die Matura macht und einen Beruf erlernt“, sagt Mutter Anat. Der Sohn wollte unbedingt nach Bnei Brak, weil er hier keine Möglichkeit sah, religiös zu leben. Die ZPC-Schule sei keine Option gewesen. „Da kann man nicht fromm bleiben als Jugendlicher.“ Tante Nili widerspricht: „Es ist wirklich schwierig, wenn man dazugehören will als Jugendlicher. Aber wenn man einen Willen hat, dann geht das schon. Und die Rahmenbedingungen stimmen, es ist koscher, du kannst Schabbat halten und die Feiertage.“  Das sieht der Neffe anders: „Aber da gibt es keine frommen Kinder. Nach der Schule nehmen sie die Kippa herunter.“ Und wie sieht Plan B aus? „Am JBBZ eine Lehre machen mit Matura. Da bin ich dann schon erwachsen, da ist es leichter, seinen eigenen Kopf zu haben und sich nicht von den anderen beeinflussen zu lassen. Ich bin jedenfalls dankbar, dass meine Mutter meinen Wunsch, die Tora in Bnei Brak zu studieren, akzeptiert und toleriert.“ Und Anat meint, „wenn meine Kinder glücklich und zufrieden sind, dann habe ich wohl meine Pflichten als Mutter erfüllt.“

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