Rote Karte

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Ein Plädoyer für eine Abrüstung der Worte in der Fanszene der heimischen Fußballclubs. Denn genau dort fängt die Gewalt an.

Von Alexia Weiss

Zuerst war da ein Hakenkreuz, auf ein Klettergerät gesprayt, auf dem nahe gelegenen Spielplatz. Etwas später ein Judenstern und der Slogan „Hasen jagen“ im Kontext eines offensichtlich fußballbezogenen Graffitos an einer Häuserwand. Und plötzlich fielen auch all die anderen kleinen Schmierereien im Grätzel auf: die ACAB-Schriftzüge („All Cops Are Bastards“), das durchgestrichene FAK auf Mistkübeln, das stolze „Gioventù“ (eine Gruppierung von Rapid-Fans) in Grün auf einem Haus, das kurz vor dem Abriss steht.

Eine Abrüstung der Worte im Stadion könnte à la longue auch zu einer Abrüstung der Gewalt rund um das Stadion vor und nach den Derbys führen.

Nein, ich weiß nicht, ob hinter diesen Botschaften im öffentlichen Raum dieselben Gruppen stehen. Aber irgendwie fügt sich eines ins andere – ja, selbst das Hakenkreuz hat seinen Platz: Als mich meine Recherche in den vergangenen Wochen immer tiefer in die Welt der Hardcore-Fankultur führte, fanden auch da die verschiedenen Elemente zusammen. Da gibt es Ultra-Fans und Hooligans, wovon der eine oder andere eine Vorliebe für Rechtsextremes hat, wovon der eine oder andere nicht nur im Stadion zu sehen ist, sondern auch bei Identitären-Demos und bei Pegida.

Worauf ich bei dieser Recherche ebenfalls gestoßen bin: die (durchwegs männliche) Ansicht, Fanrivalität gehöre zum Stadienzirkus einfach dazu. Es reiche nicht aus, die eigene Mannschaft anzufeuern – das Erlebnis beim Spiel speise sich nicht zuletzt auch aus einem Hassmoment gegenüber der gegnerischen Mannschaft, gegenüber den gegnerischen Fans. Das wird natürlich auch nicht von allen männlichen Stadionbesuchern so gesehen. Auch hier gibt es einige, die meinen, Chants wie Tod und Hass dem FAK müssten nun doch nicht sein.

Ja, das mag von vielen Fußballbegeisterten nun als naiv, spaßverderbend und zutiefst weiblich angesehen werden. Aber ich denke: Nein, es ist nicht nötig, den anderen derart niederzumachen. Auch nicht verbal. Wenn man anderen, die man gar nicht persönlich kennt, den Tod wünscht, nur weil sie Anhänger eines gegnerischen Vereins sind, dann stimmt für mich etwas nicht. Ja, das ist ein ritualisierter Spruch. Aber gerade oft Gehörtes, oft Gesagtes, Ritualisiertes setzt sich in den Köpfen fest.

Eine Abrüstung der Worte im Stadion könnte à la longue auch zu einer Abrüstung der Gewalt rund um das Stadion vor und nach den Derbys führen. Vielleicht ist das ein frommer Wunsch – aber einen Versuch wäre es doch wert. Der Erlebnischarakter eines Spiels könnte doch auch einfach darin liegen, sich mit dem Verein zu freuen, wenn er gewinnt, und zuversichtlich zu sein, dass es beim nächsten Mal besser gelingt, wenn er verliert.

Weder bei Tennisturnieren noch bei Schirennen wünschen die Fans den Gegnern ihrer Idole den Tod oder betonen lautstark, wie sehr sie sie hassen. Antisemitische Gesänge sind in den Stadien inzwischen tabu (auch wenn der Antisemitismus mitnichten aus der Szene verschwunden ist.) Warum kann hier insgesamt nicht noch mehr auf eine friedvolle Sprache Wert gelegt werden?

Chants könnten einfach die eigene Mannschaft anfeuern, ohne den Gegner dabei herabzusetzen. Ich wüsste nicht, inwiefern das den Genuss des Spieles herabsetzen würde. Ja, vielleicht ist dann der eine oder andere gewaltbereite Fan nicht so rasch in der Stimmung, sich nach Spielende mit Ultra-Fans der gegnerischen Mannschaft zu prügeln. Aber genau das wäre ja das Ziel.

Zeichnung: Karin Fasching

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