ROTHSCHILDS URWALD

In Niederösterreich befindet sich im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal der letzte nennenswerte Urwaldrest Österreichs: der Rothwald. In das rund 400 Hektar große Waldareal wurde seit der letzten Eiszeit nicht vom Menschen eingegriffen. Zu verdanken ist dieses einmalige heutige Forschungsobjekt vor allem Albert Rothschild (1844–1911), der den Wald (und auch umliegende Areale, die im Gegensatz bereits zur Holzgewinnung genutzt wurden) 1875 kaufte und verfügte, dass er nicht angetastet wird.

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Das Urwaldareal bietet der Forschung vielfältige Chancen, das Potenzial von Wäldern zur Bekämpfung des Klimawandels oder als CO2 -Speicher zu untersuchen. © Hans Glader/Wildnis Dürrenstein-Lassingtal

Der Rothwald hieß übrigens schon Rothwald, bevor Albert Rothschild ihn erwarb. Hier handelt es sich also bloß um eine Namenskoinzidenz. Dass Rothschild entschied, dass der Wald so unberührt bleiben sollte, wie er ihn vorfand, war dagegen ganz und gar kein Zufall. „Albert Rothschild war aber kein Naturschützer, so wie wir uns das heute vorstellen“, sagt Christoph Leditznig, Geschäftsführer der Schutzgebietsverwaltung Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal, im Gespräch mit WINA. „Er hat das Gebiet zwar jagdlich genutzt. Aber er war ein Naturromantiker und hat erkannt, dass dieser Wald etwas Besonderes ist. Er hat daher seinen Forstleuten verboten, den Wald zu nutzen. Damit hat er eine Naturschutzgroßtat vollbracht.“

Rothschild stieß dabei bei seinen Zeitgenossen – Forscher und seine eigenen Forstleute inkludiert – auf Unverständnis. Ein Professor der Forstakademie Marienbrunn, der Vorläuferinstitution der Universität für Bodenkultur, hielt dazu anlässlich einer Exkursion mit Studenten in das Waldstück fest: „[…] nicht ungezügelte Üppigkeit in ungeschwächter Urkraft, eingehüllt in rauschende Duftfülle, romantischer Gestaltenreichtum und Lebensfrische, sondern Leichenhof, gebrochene Kraft, Verfall und Modergeruch, Verkommenheit, wie überall dort, wo die ordnende Hand des Menschen nicht hinkommt.“

© Hans Glader/Wildnis Dürrenstein-Lassingtal

Der Zeitgeist tickte anders als Rothschild: Der Mensch sollte sich die Erde untertan machen, ordnend eingreifen, vor allem aber die massiven Holzmengen nutzen. Naturwälder galten als unzivilisiert. Der Wald hatte die Jahrhunderte zuvor trotz wechselnder Besitzer vor allem deshalb unbeschadet überstanden, da es auf Grund der Geländemorphologie schwierig war, das Holz aus dem Wald hinauszutransportieren. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wäre dies kein unüberwindbares Problem mehr gewesen – man sei da schon entsprechend technisch gerüstet gewesen und hätte das Holz mittels Pferdeeisenbahn aus dem Gebiet abtransportieren können. „Dass man diese Möglichkeit nicht nutzte, war für die Forstleute einfach unverständlich“, erläutert Leditznig.

Dafür bietet das Urwaldareal heute der Forschung vielfältige Chancen, das Potenzial von Wäldern zur Bekämpfung des Klimawandels oder als CO2 -Speicher zu untersuchen. In herkömmlichen Forstgebieten werden die gesetzten Bäume nach 80 bis 120 Jahren geschlägert. Sie liefern dann einen Festmeter Holz. Die Buchen, Tannen, Fichten des Rothwalds werden 600 bis 700 Jahre, manche sogar bis zu 1.000 Jahre alt und teils über 60 Meter hoch. Würde man sie dann zur Holzgewinnung nutzen, brächten speziell Tannen 30 bis 40 Festmeter Holz pro Baum.

„Aber er [Albert Rothschild] war ein Naturromantiker und hat erkannt, dass dieser Wald etwas Besonderes ist.
[…] Damit hat er eine Naturschutzgroßtat

vollbracht.“
Christoph Leditznig

Wenn so ein Baum absterbe, könne er noch an die 100 Jahre stehen, irgendwann komme er zum Liegen: Im scheinbar toten Holz nisten sich Tiere ein, zum Beispiel große Käferarten wie der Alpenbock oder der Scharlachrote Plattkäfer. Gleichzeitig siedeln sich Pilze an wie der Duftende Feuerschwamm. Das Totholz hat mehrere wichtige Eigenschaften: Einerseits bindet es CO2 , andererseits wirkt es bei Niederschlägen wie ein Schwamm und beugt so auch Überschwemmungen vor, erklärt Leditznig. Durch die Tiere, die sich auf ihm einnisten, wird es in einem Zeitraum von rund 300 Jahren nach und nach zersetzt, bis es in Humus umgewandelt wurde, der Teil des Waldbodens ist und auf dem neue Bäume wachsen können. Aber auch dieser gesunde Waldboden könne viel CO2 speichern.

© Hans Glader/Wildnis Dürrenstein-Lassingtal

Verwildern lassen. Klimarelevant könnte es daher sein, mehr Waldareale nicht mehr für die Holzgewinnung zu nutzen, sondern sich selbst zu überlassen, also verwildern zu lassen. Wobei Leditznig zu bedenken gibt, dass es auch im Fall der Holznutzung bessere und schlechtere Verwertungsmöglichkeiten gibt. Werden etwa Häuser aus Holz gefertigt, bindet auch dieses Holz CO2 . Wird allerdings Karton oder Papier produziert, werde das CO2 nach kurzer Zeit wieder freigesetzt. Ratsam wäre daher eine Mischung: einerseits Wälder der Wildnis zu überlassen, andererseits Holz sinnvoll zu verarbeiten.

Leditznig erzählt allerdings auch von weiteren interessanten Beobachtungen, etwa, dass Bäume – im Rothwald sind dies vor allem Buchen, Fichten und Tannen – miteinander kommunizieren. Wird ein Baum etwa vom Borkenkäfer befallen, sendet er über die Luft Terpene, also Botenstoffe, die Bestandteil ätherischer Öle sind, aus. Bringt der Wind die Botenstoffe zu anderen Bäumen, produzieren diese mehr Harz, in diesem ersticken die sich in die Rinde einbohrenden Borkenkäfer dann.

Kommunizieren könnten Bäume aber auch über die Pilze, die sich mit den Baumwurzeln verbinden würden. Sie helfen auch den jüngeren und kleineren Bäumen, mit Nährstoffen versorgt zu werden. Photosynthese funktioniere nämlich für die kleineren Bäumen mangels Licht im dichten Wald nicht in ausreichendem Maße. Über die großen Bäume würden sie aber ausreichend mit Zucker versorgt. Sterbe ein großer Baum neben einem kleineren ab, schaffe es der kleinere nach und nach, sich über Licht und Photosynthese selbst zu ernähren. „Wir sind hier erst am Anfang zu erkennen, was sich da wirklich abspielt. Manche in der Fachwelt zweifeln noch heute.“

© Hans Glader/Wildnis Dürrenstein-Lassingtal

Worum man sich ebenfalls bemühe: die Biodiversität im Rothwald – darunter Tierarten, vor allem Insektenarten, die nirgends sonst mehr vorkommen –, zu dokumentieren, aber auch zu erhalten. In 99,99 Prozent des europäischen Waldes habe der Mensch in der Vergangenheit eingegriffen, weiß Leditznig. Auch das macht nachvollziehbar, um welche Kostbarkeit es sich beim Rothwald handelt. Buchenwälder gibt es übrigens nur in Europa – der Urwald in Niederösterreich habe daher auch diesbezüglich Seltenheitswert.

Die Familie Rothschild blieb übrigens bis vor wenigen Jahren Eigentümerin des Urwaldfleckchens in den Alpen. Im Nationalsozialismus wurde der Besitz „arisiert“ und 1942 offiziell unter Naturschutz gestellt, nach 1945 dann aber wieder restituiert. 2017 wurde der Rothwald gemeinsam mit Teilen des Nationalparks Kalkalpen zum UNESCO-Weltnaturerbe erhoben. Inzwischen gehört der Rothwald zur Prinzhorn Group. Sie darf wegen der Unter-Schutz-Stellung den Wald allerdings nicht nutzen, dafür gab es eine Entschädigung durch die öffentliche Hand.

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