Satire darf al…

Satire ist eine Gratwanderung über dem Abgrund des gesellschaftlichen Konsens. Eine Kampfansage gegen die Blödmaschine Medienwelt, die Vorurteilen Vorschub leistet.

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maschek: Satire darf al. Czernin Verlag, 320 S., € 15,83

Satire darf al: Das Buchcover des gleichnamigen maschek-Bandes ziert ein Graffiti, das abrupt abbricht. Vor der Mauer liegt eine Spraydose, daneben ein geöffneter Kanaldeckel. Ein dunkles Loch hat offensichtlich den Sprayer verschluckt. Caught in the act, der Proklamator ist im Bodenlosen versunken.
Satire ist eine Gratwanderung über dem Abgrund des gesellschaftlichen Konsens: ein Spiel mit Signifikant und Signifikat, mit Haltung und Fehlhaltungen, Sinn und Unsinn. Eine Kampfansage gegen die Blödmaschine Medienwelt, in der es von Klischees nur so wimmelt und re­dundante Sprachbilder einem Denken in konventionellen Bahnen, Vorurteilen und Gegensatzpaaren Vorschub leisten.
maschek sind mit ihren Neuvertonungen seit mittlerweile über 20 Jahren öffentlich-rechtliche Aufklärungsarbeiter in Sachen Verblödungsbild; Prädikat: wertvoll. Kaum nachvollziehbarer politischer Nonsense wird mittels Voice Overs mit ebenso sinnträchtigen wie niederschwelligen Inhalten gefüllt: So geht politische Bildung mit Mehrwert.
Ohne dieses durchhaltekräftige Sprachbastelduo blieben die Österreicher*innen wohl so manchem missionskontrolliertem politischem Stumpfsinn hilflos ausgeliefert. (Selbst da, wo die Sprache scheitert, bleiben immer noch Laute und Geräusche, um das Durchei­nander von Dummheit und Intelligenz zur telegenen Entfaltung zu bringen.)
Österreich ist klein, da gerät auch das Idiom naturgemäß rasch an seine Grenzen. An diesen konstruktiv zu kratzen, sie aufzuweichen, sie vielleicht gar etwas transparenter erscheinen zu lassen: Das gelingt nicht vielen. In Zeiten der Befragung des kulturellen Gedächtnisses, der Kritik an hegemonialen Machtstrukturen – von links wie von rechts, sprachnormativer Auseinandersetzungen und Cancel Culture ist die künstlerische Auseinandersetzung mit Gesellschaft und ihren Kulturmustern eine Bewegung auf polarisierendem Terrain.

»Eine Spur in die Sprache legen heißt, eine Spur ins Unvorhersehbare unserer nun gemeinsamen Lebensbedingungen zu legen.«
Édouard Glissant

Satire fischt im Pool der Ambivalenzen und Tabus nach Reibungsenergien. Den doppelten Boden bilden eine dünne konsensuale Interpretationsschicht und tieferliegende, komplexere Bedeutungssedimente gleichermaßen.
In den letzten Wochen hat eine junge Österreicherin für mediale Aufmerksamkeit gesorgt, die sich in ihrer „Comedy“ an ihrer Herkunft, Heimat und Sprache abarbeitet und auch nicht davor zurückscheut, schale, braune Klischees aufzuwärmen. Frau Eckhart hat Schubladen geöffnet und ist umgehend selbst in einer gelandet; Afd-Vereinnahmung inklusive. Auf der Bühne gibt sie eine Figur, die als Hybrid einer Stummfilmdiva (das kurze blonde Haar, die große Geste), eines Falco (die Pose der Blasiertheit) und eines Klaus Nomi (der bewegungslose Körper, die Bühnenkostüme) ihre Monologe vorträgt. Vom Poetry Slam kommend, ist sie mehr Autorin, Dramaturgin und Selbstdarstellerin in Personalunion denn klassische Kabarettistin. Sie würgt an der Sprache, zerkaut Abgeschmacktheiten, spuckt wortgewaltige Montagen modulierter Unkultiviertheit aus und rotzt dem Publikum eine geballte Ladung Weltekel, gespeist aus unterdrückten Begierden, perpetuierten Vorurteilen und bemüht abgeschmackten Perfiditäten ins Gesicht. Reaktionäre Provokationen angesichts der Chaoswelt, die in ihrer Affirmation weniger lustig als über lange Strecken ziemlich erschöpfend sind. Mit den Diskussionen um antisemitische und rassistische Klischees in ihren Programmen ist sie zu einer prototypischen mediatisierten Projektionsfläche geworden, in der sich gesellschaftliche Widersprüche und Abgründe widerspiegeln. Mediale Aufmerksamkeit, Wirbel, Klicks, Likes und Publikum sind jedenfalls garantiert. Und da gähnt ein dunkles Loch.

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